Macunaíma - Der Held ohne jeden Charakter

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • São Paulo: Livraria Martins Editoria, 1980, Titel: 'Macunaíma, o herói nenhum caráter', Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 217, Übersetzt: Curt Meyer-Clason

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Sebastian Riemann
Mythische Überraschungen und tropische Komik

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jul 2014

Ein Held der besonderen Art ist Macunaíma, dieser Herrscher des Dschungels, der in die große Stadt São Paolo zieht und ein verlorenes Amulett wiederfinden will, weil es ihm das einzige Erinnerungsstück ist, welches nach dem Weggang seiner Geliebten Ci geblieben war. Er ist faul und interessiert sich wenig für das Wohl seiner Mitmenschen, vielmehr folgt er den eigenen Ideen und Gelüsten. Held ist er nicht weil er anderen in Notlagen hilft, sondern weil er sich zu verschaffen weiß, was er will, und weil er manchmal listig ist in der Wahl seiner Methoden. Er vollbringt bewundernswerte Taten und die Frauen können ihm nicht widerstehen, nicht einmal als er noch ein Kind ist. Für seine Brüder besteht kein Zweifel, dass er ein Held und der Herrscher des Dschungels ist und so folgen sie ihm bereitwillig, leihen ihm Kraft und Verstand, um dem manchmal kopflosen Bruder aus Schwierigkeiten zu helfen. Zu dritt verlassen sie die heimatliche Siedlung inmitten des Amazonasgebietes und machen sich auf viele Abenteuer zu erleben. Der Leser bekommt dabei vielmehr geliefert als er sich erhofft hat.

Auf dem Cover steht Roman geschrieben, aber es sind zwei Kulturen, die man bekommt und die im Buch zusammenfinden, zwei Seiten eines Landes, die seine Einzigartigkeit ausmachen. Indigenes Kulturerbe und europäischer Kulturexport durchdringen sich und schaffen ein ungewohntes Leseerlebnis, welches verwundernd und beeindruckend ist, oft auch verwirrend. Die Erzählung ist ausschweifend und gibt sich keine Mühe dies zu verstecken. Der eigentliche Handlungsstrang wird im Buch kaum beachtet, zumeist denkt der Leser, dem Helden gleich, nicht an jenes Amulett, welches errettet werden soll, sondern nimmt Anteil an den zahlreichen Abenteuern, die den Weg säumen. Die einzelnen Szenen sind bedeutender und einprägsamer als das Gesamte, welches ein lediglich loses Gebilde darstellt. Macunaíma hat ein großes Ziel, jedoch vernachlässigt er nicht die Dinge, die um ihn herum geschehen, er vergisst nicht die Hingabe vieler junger Frauen zu genießen, während er das Amulett seiner großen Liebe jagt, er vergisst nicht viele kleine Schlachten zu schlagen, während der große Gegner Piaima unbekümmert sein Dasein fristet und ihn verachtet. Macunaíma hebt somit die Zielgerichtetheit auf, die dem traditionellen Roman eigen ist, es gibt nicht ein Thema im Fokus der Aufmerksamkeit, vielmehr springt sie von einem Thema zum anderen, während die scheinbar große Erzählung gelangweilt im Hintergrund wartet.

Entstehungsmythen erklären die Welt und was in ihr vorkommt, dies beinhaltet Tiere, Pflanzen, Landschaften, die Himmelsgestirne, aber auch die Art des Zusammenlebens der Menschen, ihre unterschiedlichen Bräuche etwa, Sprachen, Kleidungen. Das Buch ist voll mit mythischen Episoden und erhält durch sie seinen speziellen Charakter. Als Beispiel diene die Spinne Capei, welche ihren Faden vom Wind in den Himmel tragen lässt, um ihn als Leiter zu benutzen. Einmal zwischen den Wolken angekommen frisst sie ihren Faden, wird fett und rund, aber auch bleich vor Anstrengung. Sie wird das, was wir als Mond kennen. Die Spinnen ihrer Familie spinnen fortan ihre Fäden nur noch Nachts.

Eine kleine Geschichte, die zwei Erklärungen für Aspekte der Umwelt gibt und mit einem Kampf zwischen Capei und Macunaíma begann. Beiläufig werden derartige Begebenheiten erzählt, die zahlreich sind während der Reise des Trios und den Leser immer wieder überraschen.
Beim Zusammentreffen der beiden Kulturen lässt es der Autor nicht an Humor fehlen, Macunaíma gerät in der Großstadt Sao Paolo regelmäßige in Situationen, die er auf unkonventionelle und unterhaltsame Weise zu lösen weiß. Einen besonderen Höhepunkt bildet jedoch sein Brief an die Amazonen, welche in der Heimat verweilen und ihm, dem Herrscher des Dschungels, Untertanen sind. Sie sollen ihm Geld schicken, da das Stadtleben recht teuer ist, besonders die bezaubernden Französinnen, die man mit viel Champagner und Langusten verführen muss. In seinem Brief gibt sich der Herrscher weltmännisch, er spart nicht mit Ratschlägen für die Amazonen, erklärt was es mit Automobilen, Polizisten und Politikern auf sich hat und streut in seine Ausführungen unpassende französische und lateinische Phrasen ein. Es zeigt sich an dieser Stelle, versteckt als Komik, ein postkoloniales Identitätsproblem, welches nicht auf Brasilien zu beschränken ist, sondern in weiten Teilen der Welt angetroffen werden kann. Es ist das Nebeneinander von Stolz auf das eigene kulturelle Erbe und die europäisch-elitäre Verachtung für andere, sogenannte unterentwickelte Lebensweisen. Der Autor versteht dieses schwierige Thema sehr ansprechend und unterhaltsam darzustellen, der Herrscher des Dschungels bringt den Leser mehrfach zum Lachen, wenn er versucht wie ein Europäer zu erklären und zu beeindrucken.

Die Suche nach dem Amulett gerät nicht nur in Vergessenheit, weil unzählige Abenteuer und die Genüsse der Großstadt jegliche Langeweile vertreiben, sondern auch weil der Riese Piaima ein starker Gegner ist und den Helden Macunaíma bei der ersten Begegnung getötet hatte, worauf dieser durch seinen Bruder, den Zauberer, wiederbelebt werden musste. Folglich war er niedergeschlagen und beschränkte sich in der Folgezeit darauf, den Riesen anzurufen und seine Mutter zu beleidigen.

Mário de Andrade zählt zu den Begründern der modernen brasilianischen Literatur. In den 20er und 30er Jahren trug sein Wirken zur Etablierung eines neuen Stils bei, welcher sich nicht mehr an europäischen Vorbildern orientierte, sondern auch auf das Leben im eigenen Land achtete und den mündliches Überlieferungen von Geschichten einen größeren Stellenwert zugestand.

Macunaíma ist ein ungewöhnliches Buch, weil es unterschiedlichen Ansprüchen und Traditionen gerecht wird. Verwunderung und Begeisterung kann es beim Leser hervorrufen, wenn er bereit ist sich dieser einzigartigen Erzählung hinzugeben.

Macunaíma - Der Held ohne jeden Charakter

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