Was mit dem weißen Wilden geschah

  • C.H. Beck
  • Erschienen: Januar 2014
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  • Paris: Editions Gallimard, 2013, Titel: 'Ce qu'il advint du sauvage blanc', Originalsprache
  • München: C.H. Beck, 2014, Seiten: 318, Übersetzt: Sylvia Spatz
Was mit dem weißen Wilden geschah
Was mit dem weißen Wilden geschah
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Sebastian Riemann
821001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2014

Der edle Wilde, heute wie damals

Jean-Jacques Rousseau war einer der wichtigsten Aufklärer im Frankreich des 18. Jahrhunderts und der vielleicht bedeutendste Vertreter der Idee vom Bon Sauvage, vom edlen Wilden. In seiner Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) legte er dar, wie ursprüngliche Menschen, welche in der Natur lebten und in keiner Weise kultiviert waren, ihrem Wesen nach unverdorben sind. Es war eine revolutionäre Kritik an der bestehenden Gesellschaft, am Streben nach Reichtum, Luxus, Macht und Ansehen. Die Naturmenschen entbehrten all der negativen Absichten, die den modernen Menschen auszeichneten und das Zusammenleben zu einer Qual machten. Neid und Gier existierten nicht, ebenso wenig die Moral, denn Gut und Böse waren keine Begriffe für die nützlich ausgerichteten Vorfahren. Sie waren überaus autonom, auf die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse gerichtet und an den Mitmenschen nur interessiert, wenn man gemeinsame Bedürfnisse hatte. Ein damals wichtiger Punkt war die Schuldfrage, die Frage: Wie kam unmoralisches Handeln in die unschuldige Welt? Rousseau hatte eine klare Antwort – der Besitz. Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und die Anderen vom betreten abhielt, ein Stück von der Erde beanspruchte, die allen gehört, er war der erste und größte Verbrecher der Menschheit. Er führte die ehemals edlen Wilden auf den Weg zur verdorbenen Hochkultur.

Im Buch von François Garde findet man die meisten Punkte der damaligen Diskussion wieder. Es handelt von einem Matrosen, der im wilden Australien vergessen wurde und mit den Aborigines lebte, bis er zufällig zurück in die zivilisierte Welt katapultiert wurde. Die europäische Kultur ist ihm jedoch zu diesem Zeitpunkt völlig abhanden gekommen.

Der weiße Wilde ist in vielerlei Hinsicht ein edler Wilder, denn er lehnt Besitz ab, mit Geld kann er nicht umgehen, es ist ihm nicht wichtig und er hat kein Interesse möglichst viel davon anzuhäufen. Kleidung muss für ihn bequem sein, gutes Aussehen ist unwichtig. Wenn die teuren Hosen bei der Arbeit dreckig werden oder zerreißen, dann trauert er ihnen nicht nach, denn Mode und ein gepflegtes Äußeres leisten nichts, besitzen keinen wahren Wert für ihn. Obwohl er die französische Sprache wieder erlernt hat, bleibt er wortkarg, auf interessierte Fragen nach seinem Leben reagiert er kaum und überhaupt scheint ihm das Sprechen wenig wichtig zu sein. Gut aussehen, schön reden, anderen gefallen, feine Speisen und vieles mehr, was das mondäne Leben in Frankreich ausmacht – nichts von alledem ist ihm reizvoll.

Garde bedient die Idee des Bon Sauvage indirekt, er kaut nicht einfach wieder, was damals schon oft gesagt wurde, sondern verlegt sich vielmehr auf die Darstellung einer ablehnenden Haltung durch die französischen Gelehrten. Sie sehen nicht das Edle in Narcisse, sondern nur Rohes und Unzivilisiertes, deshalb finden sie auch keine wohlwollenden Worte für ihn. Selten gibt es Anerkennung aus dem Munde seines gebildeten und verehrten Vormundes, der als Wissenschaftler ein Exponent der kultivierten Gesellschaft ist. Der Roman nimmt die europäische, die kultivierte, gebildete Perspektive ein und schaut immer wieder hinab auf den ehemaligen Matrosen, der unter geringeren Menschen lebte. Die guten Taten sprechen hingegen eine eindeutige Sprache, sie zeigen die Vorzüge von Narcisse und die Verblendung seiner Kritiker. Eine wohl überlegte Form der Darstellung, denn so wird der Leser der europäischen Arroganz jener Zeit gewahr, jener Idee, dass andere Menschen nicht anders waren, sondern weniger, weil sie noch nicht europäisch waren.

Das einfache Volk hingegen weiß die Tugenden des Wilden durchaus zu schätzen, er ist hilfsbereit und charmant - wo immer er schwere Arbeit sieht, krempelt er die Ärmel hoch und packt mit an, wo immer er eine Frau findet, die sich der gesellschaftlichen Normen nicht allzu verpflichtet fühlt und sich zu vergnügen weiß, lässt er die Hosen fallen und packt an. Er ist ein vorbildlicher Mitmensch, darin sind sich alle einig, die nicht zu eitel sind. Er macht sich Freunde ohne Mühen, sein Wesen ist so bestechend und gutmütig, dass die einfachen Leute keine Zeit haben über seine Andersartigkeit zu rätseln, sie sind einfach begeistert von ihm. In gehobenen Kreisen bleibt er jedoch stets eine Rarität, eine Sensation, wie man sie im Zirkus bestaunen kann. Anders als in den Schriften Rousseaus findet sich in den Reden jener kultivierten Personen kaum Lob und Bewunderung für die Natürlichkeit und die Unverdorbenheit. Nur vorsichtig kommen Zweifel an der minderen Natur des weißen Wilden auf und meistens werden sie schnell verdrängt. Es herrscht die Abneigung vor der einfachen Natur.

Der Vormund Narcisses zeigt im Buch stets große Ehrfurcht vor der herrschenden Klasse Frankreichs, vor Präsident und Kaiser. Gern stellt er seine Arbeit und deren Ergebnisse in den Dienst des Vaterlandes, welches damals bemüht war seinen Einfluss in Europa wiederherzustellen und auch in Übersee – in Vietnam und Mexiko – mehr Macht zu erlangen. Napoleon III war damals Kaiser aller Franzosen und Sinnbild für Stolz und Ansehen, mit ihm war man wieder jemand, geachtet unter den anderen Herrschern Europas, die so missgünstig auf das revolutionäre Frankreich geschaut hatten. Die Verbindungen und Ambitionen der Personen im Umkreis von Narcisse – er hat die Ehre die Kaiserin, den Präsidenten und viele Gelehrte zu treffen – könnten nicht konträrer zu dessen Genügsamkeit und Schlichtheit sein.

Über das Leben der Menschen in Australien erfährt man im Buch nichts. Der Wissenschaftler, der sich Narcisse annimmt, ist sehr bemüht ihn auszufragen, jedoch will es ihm nicht gelingen. Das kann manchmal auch Enttäuschung beim Leser hervorrufen, weil ein scheinbar wichtiger Aspekt des Buches als weißer Fleck verbleibt. Doch ist es lediglich eine konsequente Umsetzung der Idee zum Roman von Seiten Gardes. Die Sicht auf den Wilden ist das Interessante dieses Buches, die Ignoranz und Selbstgefälligkeit, mit welcher die Europäer auf andere Kulturen schauten. Die Lebensweise der Aborigines ist hingegen nicht das Thema. Dies ist löblich, da der Autor somit vermeidet, selbst zum überheblichen Betrachter zu werden. Er versucht nicht eine andere Kultur aus der Innenperspektive zu beschreiben, weil er weiß, dass er nur scheitern kann und wahrscheinlich alberne oder gar rassistische Vorstellungen bedienen würde. Er hätte über die ach so spirituellen, mit der Natur verbundenen Aborigines und ihre mythische Traumzeit schreiben müssen oder über ihr karges, technisch simples Alltagsleben, welches ihnen den Vergleich mit Steinzeitmenschen einbrachte und sie in der damaligen Hierarchie der Völker auf den letzten Platz beförderte.

Das Buch ist nicht nur eine gut gemachte Reise in das Frankreich des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Behandlung eines Themas, welches nicht an Aktualität verliert. Auch heute, in einer zunehmend globalisierten Welt, die immer mehr Kulturen in Kontakt miteinander bringt, bestimmen oft Ablehnung und Ignoranz das Auftreten gegenüber Anderen. Die Geschichte vom weißen Wilden greift eine zeitlose Kritik an der Gesellschaft auf und ist heute vielleicht lesenswerter denn je.

"Was soll das heißen? Sind jene barbarischen Sitten, die Narcisse fortwährend aufs Neue offenbarte, als zivilisiert zu betrachten? Das darf nicht sein."

Was mit dem weißen Wilden geschah

François Garde, C.H. Beck

Was mit dem weißen Wilden geschah

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