Urwaldgäste

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Köln: DuMont, 2014, Seiten: 272, Originalsprache

Couch-Wertung:

83
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Judith Fuchs
Verwirrende Geschehnisse werden durch eine glasklare Sprache an die Leser getragen

Buch-Rezension von Judith Fuchs Mai 2014

Roman Ehrlich verwirrt in seinem Buch. Er verwirrt nicht nur Leserinnen und Leser, vielmehr auch die Figuren seiner Geschichten. In elf Kurzgeschichten wirft er mehr Fragen auf, als er Antworten geben kann. Dies mag durchaus gefallen. Als abendliche Bettlektüre wühlen die Zeilen das nach Ruhe strebende Gemüt aber eher auf, als ihm einen sanften Übergang in den Schlaf zu ermöglichen.

Ehrlich erzeugt diese Unruhe auf mehreren Ebenen. Zum Einen gibt es die inhaltlichen Kuriositäten. Da speit eine Seekuh ein Kinderradio aus - und nichts geschieht. Dieses Ereignis wird kurz erwähnt. In der Episode geht es dann jedoch um etwas ganz anderes. Dies verwundert um so mehr, da die Geschichte überdies nach der Seekuh benannt wird.

Inhaltlich lässt Ehrlich die Leser mehrmals sprichwörtlich in der Luft hängen. So haben viele Episoden abrupte Abschlüsse. Ein offenes Ende mag für Kurzgeschichten durchaus als üblich empfunden werden. In diesen Fällen jedoch scheinen sich die Erlebnisse der Protagonisten zu grotesk zuzuspitzen, dass nur noch ein nicht vorhandener Schluss aus den Wirrungen helfen kann. Um mit einem schlüssigen Gesamtbild abschließen zu können, hätte Ehrlich das eine oder andere mal wirklich zaubern müssen. Dabei hat er genau dies vermutlich zweimal versucht. Denn zwei Geschichten erhalten einen zweiten Teil. Aber auch hier lässt Ehrlich sich nicht in die Karten schauen bzw. durchschauen. Einen zweiten Teil kündigt er nämlich im Inhaltsverzeichnis an. Den anderen nicht. Da wird ca. drei, vier Geschichten später ohne Vorwarnung angeknüpft. Es sind dieselben Personen, es ist derselbe Rahmen. Ob die Geschichten aber wirklich zusammengehören, bleibt der Vermutung überlassen.

Ehrlich erstaunt zudem auf methodischer Ebene. Es erzählt der Protagonist, wie er eine Frau anrief, die einen Mann traf, welcher wiederum einen schlechten Tag hatte. Über drei Filter wird somit in erster Linie von Letzterem und seinen Erlebnissen berichtet. Das hätte auch einfacher geschrieben werden können. Macht Ehrlich aber nicht. In diesem Werk scheint er Umständlichkeiten geradezu zu suchen. Und er findet sie auch. Dabei wird das Erzählte keineswegs undurchsichtig. Die Leser können dem Geschriebenen trotzdem mit Leichtigkeit folgen. So klar und nachvollziehbar ist die Sprache dann im Einzelnen. Nahezu unruhig macht vielleicht eher die zweite Episode des Werkes. Die melancholische Macht erzählt von einer jungen Malerin und ihrem Weg. Nein, die junge Malerin erzählt von ihrem Weg. Wie nun? Mal erzählt sie selbst, mal wird von ihr erzählt. Es wirkt fast, als hätte sich der Autor nicht entscheiden können, welche Perspektive mehr Kraft in ihrer Darstellung hat. Daraus folgt, dass er sich eben nicht für eine Sicht entscheidet, sondern einfach beide zu Wort kommen lässt. Ob dies der richtige Weg ist, die Vielschichtigkeit dieser Malerin an die Leser zu tragen, obliegt des individuellen Geschmacks. Stocken und innehalten lässt die Variante durchaus. Und vielleicht hat Ehrlich sein Ziel damit ja schon erreicht.

Das Herzstück der Sammlung ist der Zweiteiler Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue). Der Protagonist Arne Heym ist für die naturgetreue Nachahmung von Pflanzen verantwortlich. Mit seinem botanischen Fachwissen erarbeitet er durchaus detailreiche Exemplare. Absatz um Absatz erfolgt eine Beschreibung von den Möglichkeiten der Nachbildung - von Planungen, Farbverhältnissen, benötigten Materialien sowie einer Pflanzenkunde allgemein. Das Dilemma beginnt mit einer kleinen Werbung auf dem Computer. "Lassen Sie sich täuschen" ist der Slogan darin. Das trifft selbstredend den Nerv von Heym. Ist das doch tagtäglich seine Aufgabe - den Menschen echte Pflanzen vorzugaukeln. Dahinter verbirgt sich ein Unternehmen mit alternativen Lebenswelten. Reizvoll und abschreckend klingt das Angebot. Heym lockt die Neugier. Er begibt sich in die Hände des Unternehmens, welches Alternativen zum eigenen, realen Leben anpreist. Um dieses Programm zu starten, muss er einen Vertrag unterzeichnen. Darin wird als ein wesentlicher Punkt festgehalten, dass der Kunde bei Komplikationen oder gar gewünschtem Abbruch des Programms stets eine unternehmensinterne Notfallnummer zu wählen hat, und zwar bevor offizielle Notrufnummern aktiviert werden.

Dieser kleine, aber doch sehr wichtige Aspekt des Vertrages wird später durchaus zum Problem werden. Denn in seiner Verzweiflung und Verwunderung über die Geschehnisse denkt der Protagonist genau daran eben nicht - wodurch die Angelegenheit zusätzlich unangenehm gestaltet wird. Dabei ist das hektische Verhalten mit Wahl einer offiziellen Nummer nachvollziehbar. So grotesk und kurios scheinen die Ereignisse. Besonders in dieser Geschichte wundern sich die Leser mit dem Protagonisten. Gehört ein familiärer Todesfall nun zum realen Leben oder zum selbst initiierten Programm? Was heißt in diesem Fall überhaupt Realität. Ist die Todesmeldung erdacht? Hat das Programm den Tod herbeigeführt, um das eigene Agieren zu erleichtern? - Dies sind nur einige Fragen, die bei der Lektüre aufflammen. Ob Ehrlich die Auflösung liefert, gilt es selbst herauszufinden. Langweilig wird es nicht. So viel sei gesagt.

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