Glücklich die Glücklichen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Paris: Flammarion, 2013, Titel: 'Heureux les heureux', Originalsprache
  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2014, Seiten: 4, Übersetzt: Matthias Brandt, Wolfram Koch, Eva Mattes, Birgit Minichmayr u.a.

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Claire Schmartz
Traurig schön

Buch-Rezension von Claire Schmartz Apr 2014

Unter Voranstellung eines Zitats von Jorge Luis Borges stürzt sich der Romanbeginn in das Leben der Pariser Mittelschicht, genauer gesagt, in einen Supermarkt, vor die Käsetheke – rein in den Ehestreit. Denn zu einem solchen ist die Diskussion um den Einkauf schnell ausgeartet. Gleich die erste Sequenz erinnert an Albees Who's afraid of Virginia Woolf, in dem sich George und Martha streiten und doch untrennbar zusammengehören – genau so wie Roberts Hand nachher genau in Odiles Kreuz passt.

Paris als Schauplatz stellt bereits eine Parallele zum Leben der in Frankreich lebenden jüdisch-iranische Autorin Yasmina Reza dar. Sie wurde mit ihren Theaterstücken berühmt, schaffte den internationalen Durchbruch 1994 mit dem Stück Kunst, später wurde Der Gott des Gemetzels sogar von Roman Polanski verfilmt. Das Programm ihres Schaffens bildet die Brücke zwischen ihrem Studium des Theaters und der Soziologie. Durch die Entwicklung von einer Schauspielerin zur Autorin greifen ihre Werke auf theatrale Mittel zurück und wirken dennoch wie eine Gesellschaftsanalyse: kurze und prägnante Dialoge, an Zahl und Charakter strikt definierte Figuren, die in einem klar abgegrenzten Raum aufeinander treffen. Die Zeit ist knapp bemessen und so kommt man auch schnell auf den Punkt. Und vielleicht funktioniert die Spannung gerade deswegen auch so gut.

Auf kurzer Strecke stiftet sie Verwirrung und muss auch nicht aufgelöst werden. Über 175 Seiten zieht sich ein von 18 unterschiedlichen Erzählern eingeführter Reigentanz, jede Sprechinstanz eröffnet ein neues Kapitel. Doch es gibt keine Entwicklung, keine Auflösung. Die Situationen sind festgefahren. Das Leben ist in vollstem Gange. Denn es geht in dem Roman keineswegs um Problembewältigung – hier erblickt man einen Standpunkt, eine Momentaufnahme. Der Leser erhascht kurze Einblicke in das Leben der Protagonisten, während er nach und nach noch das Netz der Beziehungen rekonstruiert und Überschneidungen bemerkt. In dieser Polyphonie formen sich unterschiedliche Perspektiven. Selbst- und Fremdwahrnehmung treffen aufeinander. Es entwickeln sich melodiöse Stimmen und poetische Stimmungen, schwanken zwischen Innen- und Außenleben, der Grenze zwischen dem Genug-Haben und dem Ausrasten.

 

"Gestern hab ich Juliette mit der Hundeleine geschlagen, sagte ich. – Du hat einen Hund?, sagte Lionel."

 

In Glücklich die Glücklichen begegnen dem Leser familiäre, eheliche, amouröse und berufliche Probleme, die alle eine gewisse Komik in ihrer traurigen Absurdität aufweisen. Das Aneinander-Vorbeireden erinnert an Loriot. Aber gerade die triste Stimmung erhält zugleich die Spannung des Werkes. Denn eigentlich ist alles gar nur so schlimm wie man es ernst nimmt, und hier ist es den Protagonisten fast schon egal. Ausrasten und Streit bleiben dabei, wie bereits in Der Gott des Gemetzels, ein temporärer Ausweg aus der selbstauferlegten Fassade der Kleinbürgerlichkeit und des Wohlergehens – aber kein Veränderungsdrang. Und wenn das Paar nicht miteinander streitet, dreht eben der Sohn durch und nennt sich Céline Dion.

 

"Wo geht's hin?, fragte er. Diese drei Worte warfen mich über den Haufen. Wo geht's hin, als hätten wir uns gestern Abend das letzte Mal gesehen. In demselben Ton wie früher, als hätten wir in unserem Dasein nichts anderes getan, als uns im Kreis zu drehen."

 

Aber wo ist das Empyreum, um welches alle kreisen? Wo ist das im Titel versprochene Glück? Rezas Figuren streiten, betrügen und enttäuschen sich. Einsamkeit zieht sich durch den ganzen Roman. Die Rede kreist um Selbstverwirklichung, Vergangenheits- und Selbstbewältigung, seltener um Zukunft und Träume. Hinter perfekten Fassaden lauern traurige Geschöpfe, und Glück findet sich, wenn überhaupt, dann in einem tintenkleksenden Kugelschreiber. In der Vorfreude aufs Fischen, das man ebenso wenig kannte wie das Leben. Glück in der Hoffnung und Vorstellung, doch dann in der Realität unerreichbar.

Der Roman ist spannend und durch die Verwicklungen schön. Auch traurig, aber doch bleiben alle sich auf irgendeine Art treu und scheinen weiter zu wollen. Gerade aufgrund seiner Indetermination und der Offenheit der Episoden bleibt das Werk vermutlich eine perfekte Allegorie auf das Leben. (Wobei man hoffen will, dass es ehrlicher sein könnte!) In den Konflikten, den Masken, Wunschbildern und Tarnungen bleibt ein Anklang einer Utopie bestehen. Die Figuren suchen nach Halt, Trost, nach dem Selbst in dem Anderen, nach Vollkommenheit. Und so findet der Leser pure Zartheit und Zärtlichkeit, Verletzlichkeit, und schlussendlich sogar: Ehrlichkeit.

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Letzte Kommentare:
16.04.2014 20:11:28
Gruenente

Wer ist hier glücklich?
Die Protagonisten nicht, ich Leser schon.
Dieser Roman besteht aus 21 Kapiteln, in denen verschiedene Personen in der ersten Person übr sich und andere Menschen sprechen.
Alle diese Personen sind miteinander verbunden.
Es gibt Eheleute, Teile von Liebespaaren, Patienten die sich im Wartezimmer treffen, deren Arzt, dessen Sprechstundenhilfe.
Kleiner Tipp: eine Mindmap erleichtert den Durchblick duch das Beziehungsgeflecht und hat mir noch einige Verbindungen offenbart, die ich sonst sicher übersehen hätte.
So kompliziert ist es aber auch wieder nicht. Einige Episoden sind witzig, andere traurig. Ein ironischer Unterton war für mich aber immer präsent. Dies wird dadurch unterstrichen, dass die Sicht eines anderen vom Selbstbild schon oft stark abweicht. und dieser bekannte Umstand ist in diesem Buch vorzüglich dargestellt.
Da der Arzt in diesem Buch Onkologe ist, kommen Krankheit und Tod auch zu Wort.
Das große Thema sind Beziehungen: zwischen Eheleuten, Geliebten, Eltern und Kindern, Freunden, Ärzten und Patienten.
Das Buch ist auch sehr französisch: es wird gut gegessen, man trinkt Wein und Cognac und man ist untreu (ein Vorurteil den Franzosen gegenüber meinerseits, das durch dieses Buch aber bestätigt wird).
Eine Verfilmung kann ich mir gut vorstellen.
Nur den Titel kann ich nicht wirklich auf dieses Buch beziehen. Für mich ist hier niemand wirklich glücklich. Sex macht nicht glücklich und Ehe schon mal gar nicht. Da der Titel aber wörtlich übersetzt ist, wird die Autorin sich was dabei gedacht haben. Ich werde da wohl noch dran grübeln. Das ist ein Buch, das ich mit der sicher folgenden Taschenbuchausgabe im Lesekreis zur Diskussion stellen werde. Ein Buch, das beim zweiten Lesen sicher neues entdecken lässt, da es sehr vielschichtig ist.