Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Galiani Berlin, 2014, Seiten: 128, Originalsprache

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Britta Höhne
Geschichte im Bonsai-Format

Buch-Rezension von Britta Höhne Apr 2014

Morgens kennen gelernt, abends verheiratet. So lässt sich das Leben zusammen fassen von Immanuel und Gioia. Er liebt sie, sie liebt ihn – erst etwas später. Er ist älter, sie gerade 18. Heirat muss sein, weil es sich so gehört – für beide. Der Schweizer Autor Tim Krohn hat ein wunderbares kleines Buch geschrieben, dass den Verbleib einer Matratze zum Inhalt hat. Acht Geschichten sind es, in der der Autor eben dieser Matratze Nährboden verleiht, acht Geschichten, acht Mal Menschen, die nicht immer vom Glück begleitet sind. Ein wunderbares Büchlein, dünn zwar aber von tragender Schwere.

Immanuel Wassermann ist zweifelsohne Optimist. Was schwer fällt, zu Zeiten des anstehenden Zweiten Weltkrieges. Jude ist er, was ihn nicht davon abhält, inmitten der Wirren des Krieges an menschliche Gerechtigkeit zu glauben. Und Hitler, dieser Hitler, wer ist das eigentlich? Immanuel zumindest ist er egal. Von Italien aus reist er nach Berlin, will seine Frau den Freunden vorstellen. Voller Stolz und Freude macht er sich auf die Reise, die keine gute wird. Das war's, so scheint es. Ein Kapitel und sein Ende. Viele Geschichten und Jahre und Matratzennutz-Varianten später, taucht der alternde Jude wieder auf. Nicht zornig, nicht verbittert, hat gesehen, wie getötet wurde und hat selbst getötet. In Fetzen wird das Teil an Land gespült, auf dem er einst verliebt mit seiner Zukünftigen die Nacht verbrachte.

Während Immanuel in den Krieg zieht, zieht eben jene Matratze weiter, die er einst erworben hat, weil seine Frau auf eben jenem Untergrund entjungfert wurde. Wie die Vereinigten Staaten von Amerika mutete der Blutfleck an und sollte nach vielen Jahren der Reise noch an ganz andere Länder erinnern. Der vielen Flecken wegen.

Krohn ist ein kleiner literarischer Kunstgriff gelungen, in dem er einen Alltagsgegenstand der Gewöhnlichkeit entzieht, ihn voller Wucht all das miterleben lässt, was Menschen zu ertragen haben oder auch zu wünschen hoffen. Neu ist das nicht, Gebrauchsgegenstände in den Vordergrund einer Geschichte zu heben. Heinrich Böll hat das in seiner nur knapp zehnseitigen Kurzgeschichte "Schicksal einer henkellosen Tasse" (1952) wunderbar umgesetzt. Nicht unerwähnt bleiben sollte diesbezüglich auch Charlotte Perkins Gilmans Roman Die gelbe Tapete, erstmals erschienen 1891. Zum Ende der kurzen Geschichte wähnt man die zerrupfte Tapete an seinen eigenen vier Wänden.

Krohn geht bei seiner Matratzen-Geschichte noch weiter. Er lässt sie durch das Europa des 20. Jahrhunderts Reisen, sie Geschichte erfahren, glückliche und unglückliche. Lässt sie teilhaben am Geschehen. Dabei reißt der Schweizer Autor seine kurzen Episoden nur an. Auf das Ende einzelner Geschehnisse wartet der Leser vergeblich. Er darf selbst weiter denken, die Geschichte verfolgen, also die Historie. Krohn indes legt die Fährte, sprachlich präzise wandelt er entlang des geschichtlichen roten Fadens, um am Ende doch einen Schlussstrich zu ziehen. Zumindest unter der Matratze. Treibgut gleich wird sie angespült. Von menschlichem Treibgut in Empfang genommen.

1944 dient das Gebrauchsmöbelstück drei Kindern im Keller. Dann nämlich, als wieder Angriffe geflogen werden, es kracht und knallt und Sirenen heulen. Die Mutter indes arbeitet. Kommt mittags rasch nach Hause, versorgt den Nachwuchs und geht dann wieder fort. Ein paar Seiten später ist sie tot.

Was folgt? Das Jahr 1951. Dann '62. Und so weiter und so weiter. Einmal durch das Jahrhundert. Die Matratze begegnet schrulligen Typen, die sie auf dem Autodach durch die winterlichen Berge zu kutschieren versuchen, nur um am Ende einer Frau darauf zu begegnen. Einer jungen Gläubigen dienst sie gar als ein und alles, als sie bei scheußlichem Wetter unter einer Brücke ein wenig Wärme von ihr empfängt. Ein weiterer Mann wähnt sich gar durch das erstklassige Drillichstück gerettet, hofft, dem Tod durch ertrinken zu entkommen. Wie gesagt, er hofft. Teile der deutschen Wertarbeit lassen ihn zumindest daran glauben.

Egal ob einzelne Episoden von Trauer zeugen oder Glücksgefühle hervor rufen, Tim Krohn nutzt eine Sprache voller Schwere. Nichts geschieht einfach so am Rande. Der Autor leiht seine Augen und beobachtet scharf, schreibt Details auf, lässt nichts aus. Der arme Giaccomo Neri etwa, 36, Junggeselle aus Neapel, mietet ein Boot, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, einen besonders großen Thunfisch zu angeln. "...na ja, erst fing ich ihn, dann fing er mich." Das tragische Ende eines verliebten Mannes, der eine Frau mit einer Geschichte begeistern wollte. Bis zum Schluss. Geschafft hat er es wohl nicht.

Ach, viel könnte über dieses Buch geschrieben werden. Aber warum sollte das nicht mal so aussehen, wie Tim Krohns Roman selbst: Eine Bonsai-Ausgabe, klein, dünn, großer und großartiger Inhalt. Einfach lesen. Beste Machart eben!

Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

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