Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2014, Übersetzt: Franz Dinda

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Sebastian Riemann
Philosophie und Fußball, ach vergiss Philosophie

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2014

Philosophie und Leben können in einem sehr schwierigen Verhältnis zu einander stehen, das Hier und Jetzt kann nicht gelebt werden, wenn die Gedanken beständig um allgemeine Ideen kreisen, orientierungs- und ahnungslos irrt man umher, wenn man keinen Moment findet über das eigene Handeln nachzudenken. Das Problem vom richtigen Verhältnis ist nicht neu, seit alters her fragten sich die Philosophen, wie man richtig leben sollte, die Anderen fragten sich, wozu die Philosophie eigentlich diene. In seinem Debütroman nimmt sich der deutsche Schriftsteller Heinz Helle dem Thema von einer sehr subjektiven Warte aus an. Ein ungehemmtes Ich, eine beliebige Frau, viel Alkohol und Fußball, Gottseidank. Und irgendwer hat das Wort Philosophie an die Wand geschmiert.

Der namenlose Ich-Erzähler nimmt in New York an einem internationalem Kolloquium zum Thema Bewusstsein und Neurowissenschaften teil, seine Freundin bleibt zuerst in Deutschland zurück, sie wird ihn später besuchen. Er ist Student der Philosophie und hat ein großes persönliches Interesse am menschlichen Bewusstsein, er würde es gern verstehen, würde gern sehen, ob es mit dem älteren Konzept der Seele zusammenhängt, ob es vielleicht nach dem Tod bleibt, während der Körper vergeht. Dem Leser erzählt er das und das hat er wohl auch in anderen Worten seinen Dozenten erzählt, ausreichend interessant und gut formuliert, sonst hätten sie ihn nicht nach New York geschickt.

Das Buch lässt am Erleben des Protagonisten teilhaben, der Leser wird mitgenommen, durch die Straßen jener großen Stadt mit dem vielversprechenden Namen, zum Supermarkt, ins Treppenhaus, in die Bar, wirklich überallhin. Dieses Erleben ist sehr einfach, die Gedanken ebenso, es ist nicht der angehende Philosoph, der Einblick in seine Überlegungen gewährt, sondern die Privatperson, die ganz unwissenschaftlich dem Alltag begegnet. Ganz ehrlich lässt diese Privatperson durchblicken, dass sie Angst hat, wenn Araber im Flugzeug sind, dass sie kleine weinende Junge gerne als Schwuchteln bezeichnen würde, genauso wie die Spieler des gegnerischen Fußballteams. Fußball ist die Stärke des Buches. Sehr authentisch wird geschildert wie alle vor dem Fernseher sitzen, Bier trinken und brüllen, brüllen, brüllen. Danach auf die Straße - Deutschland, Deutschland brüllen. Immer mehr trinken, Fahnen schwenken, Hemd ausziehen – die Fußballszenen haben wirklich etwas zu bieten, vor allem wenig Bewusstsein.

Bald kommt auch die Freundin und eine Rückblende, wie sie sich kennenlernten, was sie zusammen erlebten, welche Probleme sie hatten. Überraschend einfühlsam sind diese Passagen in einem Buch, welches durch seine Trockenheit, manchmal durch seine Unüberlegtheit besticht. Letztlich ist es die Zuneigung zu seiner Freundin, die das Buch trägt, sie bildet den Anfang und auch das tragende Motiv. Der Erzähler will nicht aufhören sie zu lieben, erkennt aber frühzeitig seine eigene Disposition als mögliches Ende der Beziehung. Einen mentalen Defekt hat er und der kann alles zugrunde richten, da er alles unter die Lupe nimmt. Er denkt zu viel und dieses Denken hält ihn davon ab glücklich zu werden. Außerdem hält es ihn gefangen im Ich, seine Beziehungen zur Außenwelt und zu anderen Menschen sind nicht in Ordnung, das wird an den wenigen Resultaten seines Aufenthalts ersichtlich: die Beziehung zu der Frau, die er liebt, ist vergangen, sein Auftritt im Kolloquium ein totaler Reinfall, eine Beleidigung der anwesenden Dozenten. Alles ist zu Bruch gegangen und endlich wird der Erzähler kritisch, alles tut ihm leid. Es ist der Punkt, da die Geschichte eine Wendung machen, die alltägliche Ebene verlassen, aus dem Niedergang Kraft sammeln und einen Neuanfang wagen könnte.

Das Buch endet mit dem Fußball-Wir-Gefühl, dem einzigen Weg für den Erzähler seine Gedanken zu verdrängen. Die Sache mit der Philosophie ist ja gänzlich gescheitert.

Heinz Helle teilt einige, nicht unwichtige Details mit seinem Ich-Erzähler: Helle schrieb/schreibt seine Doktorarbeit über Bewusstseinsphilosophie, vorher hat er unter anderem in New York studiert. Ein Teil des vorliegenden Romans wurde mit dem Ernst-Wilhelm-Preis beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb 2013 ausgezeichnet, nicht zuletzt aufgrund des überzeugenden Sprachrhythmus.

Im Roman hat er sich entschieden das Thema nicht philosophisch-theoretisch zu behandeln, obwohl er dazu – so ist anzunehmen – in der Lage gewesen wäre. Es fehlt dadurch an Tiefe und die Geschichte verliert an Glaubwürdigkeit, da man nicht nachvollziehen kann, wieso der Protagonist zum Kolloquium geladen wurde und auch wenig zu erkennen ist vom persönlichen Interesse am menschlichen Bewusstsein. Die Figur erscheint unzufrieden und ziellos, jedoch nicht auf der Suche nach einer Lösung für ein Problem.

 

"Und welchen Zweck siehst du in dem, was du tust, abgesehen davon, dass du hoffst, dir beweisen zu können, dass du es kannst. Du interessierst dich überhaupt nicht für Philosophie. Du interessierst dich auch nicht für mich. Du interessierst dich eigentlich für überhaupt nichts.
Ich interessiere mich nicht für nichts.
Sie atmet."

 

Leider kann das Buch viele Erwartungen nicht erfüllen, es wirkt oft so ziellos wie der Protagonist, will sich mit Anspruch schmücken, dem es nicht gerecht werden kann, und gibt sich ignorant in Momenten, die Interesse wecken und eine kritische Wende möglich machen. Neue Literatur, flott erzählt, so interessant wie grölende Fußballfans.

Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin

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