Der schwarze Handschuh

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Manesse, 2013, Seiten: 384, Übersetzt: Peter Urban

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Sebastian Riemann
Vergnügen und Verwirrung

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2014

Wann haben Sie zuletzt in der Klassikerabteilung geschaut, was es Neues gibt? Sie wissen schon, vorbei an den grellen Tischen mit Neuerscheinungen – links, rechts, links, rechts, der Weg gleicht einem Slalomparcour – hinein in diesen Bereich, wo das Licht nicht mehr so hell scheint, weil die bunten Cover fehlen, die es reflektieren, wo Bücher eng zusammenrücken müssen, Titel an Titel, große Namen auf kleinem Raum. Es lohnt sich wieder dort vorbeizuschauen, denn bei den Klassikern gibt es einen Neuen! Odoevskij ist hierzulande kaum jemandem ein Begriff, zum Einen weil die frühe Klassik der russischen Literatur im Ausland stets auf Kosten der späteren Romangiganten vernachlässigt wird, zum Anderen, weil seine Zeitgenossen Gogol und Puschkin die Väter der russischen Literatur sind, neben sie gestellt droht jedem noch so talentierten Schriftsteller das Versinken in Bedeutungslosigkeit. Allzu verständlich ist es den Namen Odoevskij nicht zu kennen, nun ist aber die Zeit gekommen ihn zu entdecken, ein kleiner, handlicher Erzählband ist erschienen und bildet eine wertvolle Ergänzung für diesen Teil des Bücherregals, den man schon lange nicht mehr verrückt hat.

Sieben Geschichten, in denen Odoevskij sein Können zeigt, die Gesellschaft und die Ideen seiner Zeit, aber auch die Literatur selbst zur Zielscheibe seiner Satire macht. Ein unterhaltsamer Band, bei dessen Lektüre man des Öfteren auflachen muss, da man auf amüsante Weise vom Autor an der Nase herumgeführt wird.

Der schwarze Handschuh ist die Geschichte eines scheinbar perfekten Ehepaars, welches gemeinsam in großer Eintracht und unter dem Einfluss eines gemeinsamen Vormundes aufwuchs. Sie gleichen sich in jeder Hinsicht, haben keine Interessen, keine Persönlichkeit und keine Emotionen, alles dank ihrem Vormund, der ein Anhänger des englischen Utilitarismus ist und alles im Leben auf seinen Nutzen hin betrachtet und beurteilt, ohne Sentimentalität, ohne große Ideen. Die Entwicklung des Ehelebens ist somit vom Vormund vorbestimmt und wenig überraschend ist die Langeweile, die sich bald zwischen den Eheleuten einstellt und sie voneinander entfernt, ganz einfach weil sie die eigene Ödnis und dümmliche Ahnungslosigkeit aus dem Gesicht des Anderen anschaut. Schnell sehnen sie sich nach anderen Menschen, nach den Wechseln des Lebens. Alles ist gut organisiert, alles Gute ist schon vorhanden – sie müssen für nichts kämpfen, um nichts fürchten, wäre da nicht der schwarze Handschuh, der ihnen mitteilt ihr Glück zerstören zu wollen. Er ist das Damoklesschwert, welches über der perfekten Ehe schwebt und alles zu vernichten droht. Die Angst vor dem schwarzen Handschuh sollte die beiden Langweiler zusammenschweißen und sie vor den Gefahren des alltäglichen Ehelebens bewahren – so hatte es der Vormund gedacht, als er sich diese List ersann. Er, der Utilitarist, wollte durch diesen Kniff ein emotionales Band zwischen seinen beiden Schützlingen knüpfen. Er hatte vergessen, dass er nichts von Gefühlen weiß, dass er sich nur für die Ordnung in der Natur, Produktivität und Nutzen interessiert. Seine Absicht schlägt fehl und reißt mit sich die Erwartungen des Lesers, der im schwarzen Handschuh den Faktor X der Erzählung zu erkennen glaubte, das Element, welches alles auf den Kopf stellen und an der Wendung entscheidend beteiligt sein wird. Der Gegenstand, welcher der Erzählung seinen Namen gab, ist von so geringer Bedeutung, er war lediglich eine falsche Fährte. Der Handschuh ändert nichts an der Aussage, nimmt keinen Einfluss auf die Handlung, er ist das Ablenkungsmanöver vor des Lesers Nase. Der schwarze Handschuh rechnet mit dem englischen Utilitarismus ab, indem er selbst ins Leere greift und der Leser mit ihm.

Die feine Gesellschaft der Großstadt, die beim Tanz und Whistspiel zusammenkommt, Bande knüpft, Neuigkeiten und Gerüchte austauscht, sich über die politische Entwicklung in Russland und Europa, sowie die aktuelle Mode unterhält, diese Gesellschaft kann einer Schlangengrube gleichen, denn erbarmungslos werden diejenigen verurteilt die nicht den Vorstellungen entsprechen, die nicht verstehen, sich gemäß der öffentlichen Meinung zu bewegen. Prinzessin Mimi ist eine alte Jungfer und als solche ein gefundenes Fressen für die edlen Damen, die ordnungsgemäß verheiratet sind und eine Familie gegründet haben. Um das Gesicht zu wahren, nicht zum allgemeinen Spott zu werden, muss sie sich schützen – sie selbst wird zur gefürchteten Spötterin, fällt vernichtende Urteile über andere Damen und auch deren Herren, macht sich lustig und verbreitet Gerüchte, die Karrieren und Ehen ruinieren können. Ihre Figur ist tragisch-boshaft, eine Kritik an der Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft, sowie der Rolle der Frau – der Autor beklagt explizit, dass die Damen nur zum Heiraten gedacht sind und keine vollständigen Menschen darstellen. Prinzessin Mimi und ihre böse Zunge sind lediglich Resultate jener Diskriminierung. Die weitere Geschichte handelt von Gerüchten und Affären und von Gerüchten über Affären. Die Prinzessin hasst die Baronesse und würde sie gerne ruinieren, also beginnt sie Geschichten zu verbreiten über sie und ihren Freund G. als den vermeintlichen Liebhaber. Dieser G. hat eine Affäre, jedoch nicht mit der Baronesse, sondern mit der Gräfin. In kurzer Zeit entsteht ein Szenario, in welchem viele Leute ihre gesellschaftliche Stellung verlieren könnten und in diese Richtung lenkt Odoevskij die Aufmerksamkeit des Lesers, hin zu jenem dramatischen Höhepunkt. Alsbald kommen auch die entsprechenden Personen zusammen, es gibt Spannungen, Verlegenheiten, ein beherztes Eingreifen der Prinzessin, um die Affäre aufzudecken und dann ... fällt das Vorwort vor des Lesers Augen. Wer liest schon das Vorwort, wenn es vor eine Erzählung gestellt ist, fragt der Autor und rechtfertigt somit den überraschenden Wandel seiner Geschichte, der es durchaus vermag die eine oder andere Augenbraue nach oben zucken zu lassen. Natürlich erfährt der Leser in diesem Vorwort nichts über Prinzessin Mimi oder eine andere Figur der feinen Gesellschaft, der Autor nimmt sich lediglich die Möglichkeit ein paar Worte direkt an sein Publikum zu richten. Sobald er die Geschichte wieder aufgreift, entpuppt sich der vermeintliche Höhepunkt als Finte, das Geflecht von Gerüchten und Affären löst sich nicht mit einem großen Knall. Im darauffolgenden Kapitel kommt es jedoch zu einer unerwarteten Wendung, da G. vom Bruder der Baronesse aus dem Haus geworfen wird, sobald dieser von den Gerüchten erfährt. Eigentlich schätzte er G. sehr, verdankte ihm sogar sein Leben, aber in den Fallstricken der Gesellschaft schenkt er der eigenen Meinung nicht viel Achtung, verwirft alles, was er über seinen Freund zu wissen glaubte und zieht die Konsequenz, wie es von ihm erwartet wird. Beim Rauswurf kommt es zur Konfrontation und die beiden Männer verabreden ein Duell. Die Sache endet tragisch, nur Prinzessin Mimi sitzt nach der Gesellschaft beim Kartenspiel und gibt vor, dass nichts Besonderes passiert sei.

Auch in den anderen Geschichten zeigt sich, dass Odoevskij bester Antrieb zum Schreiben die Spottlust ist, gekonnt rückt er die russische Gesellschaft der damaligen Zeit, die ihr eigenen Charaktere, in den Mittelpunkt, führt sie vor und entlarvt sie. Aber auch der Leser gerät beständig ins Visier, ihm wird gezeigt, wie sehr er doch den konventionellen Ideen der Literatur anhängt, wie leicht man ihn überraschen und verwirren kann. Bei der Lektüre kann man sich leicht vorstellen, dass ein verschmitztes Lächeln das Gesicht des Autors zierte, als er mal wieder die Erwartungen seines Publikums auf eine falsche Fährte lockte.

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