Isabel

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014, Seiten: 240, Originalsprache
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Almut Oetjen
911001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2014

Sich selbst im Gepäck tragen

Isabel verlässt nach drei Jahren ihren reichen Freund, weil ihr die Liebe abhanden gekommen ist. Ihr schwuler Freund Jo hilft ihr beim Umzug, mit ihrer Freundin Juliette tauscht sie die Wohnung. Eine Zeitlang profitiert sie noch vom Ruf ihres Ex, so im Club, den sie häufiger besucht haben.

Isabel will ihr Leben neu erfinden, zeitgeisttypisch. Aber das gelingt nicht, weil man viel Ballast abwerfen kann, immer aber sich selbst mitschleppen muss.

Ihre Eltern, Mutter Derya und Vater Kambay, leben nicht in Deutschland und wollen Isabel verheiraten, solange es noch geht. Vor der biologischen Uhr tickt offenbar eine andere, bestimmt durch die Chancen am Heiratsmarkt, denkt Mutter. Die drei Kandidaten sind allesamt begeistert von Isabel, aber sie will keinen von ihnen. Überhaupt will sie nichts (mehr) von den Männern.

Isabel ist ein Kind der Mittelschicht und bewegt sich im prekären Milieu, wie man es heute gerne nennt. Zu ihren Freunden zählen Verrückte im sozialen wie psychischen Sinn, alternde Transvestiten, die als Prostituierte arbeiten und kaum noch Freier finden, eine Flaschensammlerin, Penner und andere. Sie tragen ihre Verletzungen durch das Leben, was wohl meist bedeutet: durch andere Menschen verursacht, offen – beinahe wie eine spezifische Form von Tribalismus.

Zwei Geschwindigkeiten

Zaimoglu erzählt seine Geschichte schnell, bisweilen atemlos, in kurzen Sätzen, die nicht immer vollständig sind, knappen Dialogen, Lebensweisheiten und –grundsätzen, Straßenaphorismen. All dies verleiht der Erzählung einen ihr angemessenen Rhythmus. Der ist durch eine Protagonistin bestimmt, die sich in einer ständigen Fluchtbewegung vor sich und dem Leben befindet.

Diese Dynamik kontrastiert die zweite Hauptfigur, Marcus, der nahezu unbeweglich ist. Der ehemalige Hauptgefreite und Kosovo-Veteran verließ die Bundeswehr, nachdem er ein Mädchen totgefahren hatte. Er war schuldlos, ihr Vater stieß sie vor den Jeep, um das Blutgeld zu kassieren, das für getötete Zivilisten gezahlt wird.

Marcus und Isabel treffen einfach so aufeinander, als Marcus, der Ex-Freund von Juliette, überraschend vor Isabels neuer Wohnung auftaucht und wissen will, wo Juliette ist. Isabel erzählt ihm, dass Juliette seit vier Monaten tot ist. Sie treffen sich noch einige Male und finden dann auf traurige Weise zusammen. Gemeinsam ist ihnen die Reduktion auf das Notwendige im Leben, die Desillusioniertheit, das Fehlen der Suche nach Sinn und Liebe, woran beide nicht mehr glauben. Gemeinsam ist ihnen auch ihre Zuneigung zu Juliette, die sich das Leben genommen hat, von der ein Mysterium bleibt, das auch ihren Tod begründet. Marcus und Isabel müssen dieses Mysterium aufklären.

Sie treffen dabei auf den Bösen, den es am Ende erwischen muss, Juliettes Bruder Patrick, einen brutalen Typen mit Agenda. Isabel lernt Patrick kennen, als der in ihre Wohnung eindringt und sie sexuell belästigt. Später bricht er bei ihr ein und pinkelt in ihr Bett. Gegen Ende kommt es noch schlimmer.

Zaimoglu erzählt von der allgegenwärtigen Gewalt und davon, was sie aus Menschen macht, wie sie entweder aus ihnen herausholt, was drinnen ist, oder wie sie die Menschen neu erschafft.

Man muss sich verkaufen (können)

Isabel handelt auch von einer Gesellschaft, in der Frauen immer noch und mehr noch als Männer sich verkaufen müssen und Opfer schwachsinniger Diskurse werden. Einmal wird von einem Zuhälterzeitalter gesprochen.

Früher Model, jetzt Aushilfsjobberin, lernt Isabel im Club einen jungen Mann kennen. Genauer: er spricht sie an, ist nett, weil er sie ins Bett haben will. Daran, dass sein banales Angrabungsmuster nicht wirkt, muss sie die Schuld haben, weil sie nicht einsieht, dass es eine Gnade für jemanden in ihrem Alter ist, überhaupt noch von Männern wie ihm ins Bett berufen zu werden.

In Zaimoglus Berlin gibt es ein ausgeführtes räumliches Bezugssystem, in dem Orte und Ortswechsel benannt werden. In diesem System lassen sich soziologische und psychologische Koordinaten ausmachen. Menschen begegnen einander, prallen aufeinander, stoßen einander ab, reden miteinander, schlagen einander, verzweifeln am Leben und ihren Mitmenschen, oder drohen zu verzweifeln, verkapseln sich oder öffnen sich rücksichtslos. Man findet in Isabel alle möglichen Gefühlslagen und Interaktionsformen. Aber Zuneigung und Liebe? Im Mysterium um Juliette spielt das Paar Heinrich und Margret eine wichtige Rolle, nicht nur, weil Patrick sie bedroht und erpresst.

Isabel, Marcus und die anderen Charaktere in Zaimoglus lesenswertem Roman bleiben in Erinnerung, weil wir an ihnen erfahren, wie groß die Kluft zwischen Existenz und Leben mitunter sein kann. Das ist wesentlich interessanter als die auch sehr gelungene Form, in der die Geschichte präsentiert wird.

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