Väter und Söhne

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: Edition Büchergilde, 2013, Seiten: 302, Übersetzt: Annelore Nitschke
  • Moskau: Edition Büchergilde, 1861, Titel: 'Otzy i deti', Originalsprache

Couch-Wertung:

90
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Sebastian Riemann
Kampf der Generationen und Ideen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Feb 2014

Junge, moderne Studenten treffen auf ihre Väter und das andere Geschlecht, in einem großen Roman griff Turgenjew verschiedene Lebensentwürfe und Philosophien auf und ließ sie in einer Zeit weitgreifender Umwälzungen aufeinandertreffen, das Resultat war ein bewegendes Stück Literatur, welches auch nach langer Zeit noch interessiert und gute Unterhaltung bietet. Turgenjew war Humanist und aufmerksamer Beobachter seiner gesellschaftlichen Umwelt, seine Darstellungen unterschiedlicher Charaktere sind meisterhaft und bestechen durch ihre Feinheit und Authentizität.

Anlässlich des 130. Todestages des Autors am neunten September 2013 legte die Edition Büchergilde den Roman Väter und Söhne neu auf und machte damit allen Liebhabern klassischer russischer Literatur eine Freude.

Väter und Söhne, welches im Original den Titel "Väter und Kinder" trägt, handelt sowohl vom Konflikt zwischen den Generationen, als auch zwischen verschiedenen Weltauffassungen, die im Russland des 19. Jahrhunderts aufeinander trafen und die Gesellschaft spalteten. Dabei standen die Verfechter der alten Ordnung und hergebrachten Kenntnisse den neuen Wissenschaften gegenüber, welche die Welt naturwissenschaftlich begründen wollten, ohne Beachtung der Religion und der im einfachen Volk verankerten Spiritualität und Kultur. Die neuen Denker sezierten Frösche, um deren Funktionsweise zu verstehen, lehnten Aberglauben, Kirche und Gefühlsdusel ab, kühl und nüchtern wollten sie stattdessen das Leben durchleuchten und zu seiner Essenz vordringen. Diese Ideen werden im Buch vor allem durch Basarow verkörpert, einen jungen Studenten, dessen Familie nur über wenige Mittel verfügt, der aber umso begabter ist und den eine glänzende Zukunft zu erwarten scheint. Er pfeift auf die gesellschaftlichen Konventionen, verweigert den alten Herren und ihren Ansichten den Respekt, wodurch sich vielerlei Verstimmungen ergeben und die Generationen aneinandergeraten. Basarow begleitet seinen Freund Arkadi Kirsanow auf das Gut des Vaters Nikolai Petrowitsch Kirsanow, der den Typ des alten Landadels darstellt, der nur schwerlich mit den Neuerungen der Zeit mithalten kann. Fernab des geistigen Zentrums des Landes werden die großen Ideen der Zeit zwischen den alten und jungen Männern diskutiert, dabei geraten Basarow und Pawel Kirsanow, der Bruder Nikolais, beständig aneinander, weil sie unterschiedliche Ansichten vertreten, aber auch, weil beide glauben über den Dingen zu stehen, der Ältere ist ein Gentleman nach europäischem Maß, der Jüngere ein verehrter Besserwisser, beiden sind die einfachen Russen eine Plage und Hindernis. Sie gleichen sich mehr als sie eingestehen wollen, sind in ihrer selbstgefälligen Sicht gefangen und haben große Probleme, sich den Erwartungen der Gesellschaft zu fügen. Im Verlaufe des Romanes werden sie beide zugrunde gehen, werden einsam und unglücklich sein, während Arkadi und sein Vater Nikolai das Glück in einem geregelten Leben, mit anständiger Arbeit und in der Liebe zu ihren Frauen finden werden. Zuerst verweigerte sich Arkadi dem Dasein des Landadels, er wollte gleich seinem Vorbild Basarow eine neue Sicht auf die Welt gewinnen, sich nicht bequemen lassen, doch bald musste er sich eingestehen, dass seine Wünsche eine andere Richtung nehmen, aber auch dass Basarow selbst nicht den eigenen Anforderungen gerecht werden kann, sondern sich vielmehr in ungestümen Gefühlen verliert, die er für eine verwegen anmutende Dame hegt. Arkadis Vater verwehrte sich in anderer Hinsicht, er wollte nicht akzeptieren, dass er, nach dem Tod seiner Frau, neues Glück in der Beziehung zu einer Bediensteten fand. Letztlich geben jedoch beide Kirsanows ihre Positionen auf und können ein erfülltes Leben genießen, während die Umstürzler an der Gesellschaft scheitern und ihre kritische Sichtweise nur Unglück generiert. Viel Kritik musste Turgenjew über sich ergehen lassen, denn viele Vertreter eines neuen Russlands waren nicht zufrieden mit dem Ausgang des Buches, der reaktionären Werten und Vorstellungen die Überhand gewinnen ließ über moderne, liberale Ideen.

Turgenjew war ein wahrer Kosmopolit, ein gebildeter und geachteter Intellektueller europäischer Prägung, der sowohl in der Heimat, als auch im Ausland großen Ansehen genoss. Gerne hielt er sich in Frankreich und Deutschland auf, Russland war ihm oft unangenehm, es war ihm ein rückständiges Land, welches sich gegen neue Ideen sperrte und seine Bürger misshandelte. Mit Väter und Söhne verärgerte er viele Anhänger, die sich von ihm eine bessere Darstellung der heranwachsenden Generation erhofft hatten.

Die Ausgabe der Edition Büchergilde zeichnet sich durch verschiedene Extras aus, die dem Buch einen besonderen ästhetischen Wert geben, aber auch das Lesevergnügen erhöhen. Zuerst müssen die 80 Graphitzeichnungen von Matthias Beckmann genannt werden, welche den Text hervorragend ergänzen und es vermögen einen lebendigen Eindruck zu vermitteln, ohne der Vorstellung des Lesers ein Vormund zu sein. Mit viel Geschick und Liebe fürs Detail hat der Künstler die damalige Zeit eingefangen, er bildet wissenschaftliche Apparaturen und Werkzeuge ab, auch Häuser und Möbel, sowie Menschen und Tiere. Auf diese Weise ergänzt er das Bild der damaligen Gesellschaft, zeigt ihr Empfinden für Mode, aber auch die Mittel, derer sich die Jungen bedienten, um die Welt der Alten zu entzaubern. Zum weiteren Verständnis der Bedeutung des Buches gibt es ein interessantes Nachwort von Peter Thiergen, seines Zeichens emeritierter Professor für Slawische Philologie, sowie eine Zeittafel zum Leben Turgenjews. Das Buch als Ganzes ist äußerst gelungen und wird in jeder Bibliothek einen besonderen Platz finden.

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