Spätestens morgen

  • Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt, 2013, Seiten: 124, Originalsprache
Spätestens morgen
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Katharina Affholderbach
701001

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2014

Am Ende Depressiv

Aimée, ein sieben-jähriges Mädchen, weigert sich zu essen, bis sie schließlich zusammenbricht. Caroline muss erleben, wie ihr Freund mit ihrer Mutter durchbrennt und die Familie auseinanderbricht. Yakos Eltern schmeißen ihn aus der Wohnung, als sie erfahren, dass er sein Architekturstudium abbricht um als Saxophonspieler erfolgreich zu werden.

Zwölf Menschen. Unterschiedlich alt. Rund um den Globus lebend. Zwölf Geschichten. In allen Jahreszeiten spielend. Auf den ersten Blick scheinen diese Geschichten nichts gemein zu haben - und doch gehören sie alle zusammen. Alle Protagonisten sind auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach Erklärungen für das, was sie gerade erlebt haben.

Schon mit ihrer Kurzgeschichte Sugar Rush, 2011 veröffentlicht, bewies Zoë Jenny, dass sie das Schreiben von Kurzgeschichten beherrscht. In ihrem neusten Buch Spätestens Morgen, bestätigt sie ihr Talent und schenkt darin dem Leser neben Sugar Rush noch elf weitere Kurzgeschichten.

Der Leser taucht sofort in die Gefühlswelt der verschiedenen Hauptfiguren ein. Er fragt nicht nach dem wieso oder warum, er lässt sich mitreißen in die Ängste, Fragen und Hoffnungen der Figuren. Am Ende erwartet er kein Happy End, sondern hofft, dass die Figuren irgendwann über ihre Traumata hinweg kommen und wünscht sich eine bessere Zeit für alle. Zoë Jenny zeigt durch ihre Geschichten, dass Menschen überall und zu allen Zeiten unglücklich sind und auf eine bessere Zeit mit Geborgenheit, Liebe und Erfolg warten.

Aimée wächst nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrem arbeitslosen Onkel auf. Sie liebt ihn, sie fühlt sich bei ihm geborgen. Als sie in die Schule kommt, wird sie von ihren Mitschülern gehänselt. Aimée flieht und schwänzt tagtäglich die Schule. Das Jugendamt gibt ihrem Onkel die Schuld und sucht für das junge Mädchen ein Heimplatz. Aimée verliert ihre Geborgenheit und fühlt sich einsam, sie wünscht sich zurück zu ihrem Onkel, doch niemand scheint sie zu verstehen. Durch ihren inneren Schmerz ekelt sie sich vor dem Essen - und isst nichts mehr.

Ginza träumt in China von mehr Selbstbestimmungsrecht. Mit zwei Freundinnen wohnt sie zusammen in einer kleinen Wohnung außerhalb des Campus, womit sie gegen die Regeln der Universität verstoßen. Um die Miete finanzieren zu können, arbeitet Ginza als Fremdenführerin. Doch auch damit erfüllt sich ihr Wunsch nach mehr Selbstbestimmung nicht. Statt den Touristen die Veränderungen ihrer Stadt und deren verborgenen Schätze zeigen zu dürfen, muss sie den Wünschen der Touristen Folge leisten, welche nur die im Reiseführer stehenden Sehenswürdigkeiten sehen möchten. Ginza erhofft sich eines Tages im Ausland diesen Wunsch erfüllen zu können. Viel weiß sie nicht über den Okzident, ihre einzige Quelle war eine Austauschdozentin.
An Graf Tolstois Zitat angelehnt, sieht der Leser in den Kurzgeschichten, dass alle glücklichen Menschen einander ähnlich sind; aber jeder unglückliche Mensch auf seine besondere Art unglücklich ist.

In der letzten ihrer zwölf Kurzgeschichten würdigt Zoë Jenny den Schweizer Schriftsteller Jürg Federspiel. Es wird vermutet, dass Federspiel 2007 in Basel, Jennys Heimatstadt, Selbstmord beging. Seine Leiche wurde im Rhein gefunden. Jenny greift in der Ballade vom Rhein ihre Erinnerungen an die Freundschaft mit Federspiel auf. Sie besinnt sich seiner Worte, der Basel als "Totenstadt" und die Schiffe auf dem Rhein als "Narrenschiffe" beschrieben hat. Als er verschwand, so schreibt sie, dachte sie nie an Wasser. "Keine Sekunde. Auch nicht an [seinen] Tod". Wie auch in den übrigen Kurzgeschichten versucht Jenny hier eine Erklärung für das gerade Geschehene zu finden. Sie sucht jedoch nicht nach einer Erklärung, warum Federspiel sich umgebracht hat, sondern vielmehr warum er den Freitod durch Ertrinken wählte.

In diesen Geschichten prallen Hilflosigkeit und Freudlosigkeit auf den Leser ein, so dass es kein Buch ist, welches einfach an einem Stück gelesen werden kann - will man nicht depressiv werden. Im Widerspruch zu dem depressiven Geschichtsinhalt, verführt Jennys leichter und genauer Schreibstil. Somit sollte man das Buch, wie es der Titel suggeriert spätestens Morgen anfangen zu lesen und sich Zeit zum Lesen nehmen. 12 Geschichten- 12 Monate, Jenny liefert ein Buch, von welchem man ein ganzes Jahr zehren darf.

Spätestens morgen

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