Das Leben, natürlich

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: Random House, 2013, Titel: 'The Burgess Boys', Originalsprache

Couch-Wertung:

73
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Birgit Stöckel
Vom Leben, der Familie und den Folgen einer Tat

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Feb 2014

Fremdenhass, das war und ist schon immer ein Thema in allen Gesellschaften dieser Welt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Angst vor dem Neuen, Angst vor dem Verlust der kulturellen Identität, Unsicherheit im Umgang mit Fremden, Bequemlichkeit, da es einfacher ist, Vorurteile zu bedienen als selber zu differenzieren, oder weil man für Schwierigkeiten einen Sündenbock braucht - und manchmal auch schlicht aus reiner Gedankenlosigkeit.

Eine Tat mit (vermeintlich) fremdenfeindlichem Hintergrund nimmt Elizabeth Strout in ihrem neuesten Roman Das Leben, natürlich als Rahmenhandlung. Der junge Zach lässt in Shirley Falls, einer Kleinstadt in Maine, in der viele Somali leben, einen halbgefrorenen Schweinekopf über den Teppich der behelfsmäßigen Moschee rollen. Das Entsetzen ist groß: Rassismus in der beschaulichen, wenn auch wirtschaftlich heruntergekommenen Stadt? Zachs Mutter, Susan, ruft verzweifelt ihre Brüder zu Hilfe, die beide ihren Geburtsort schnellstmöglichst verlassen haben und keinerlei Sehnsucht nach einer Rückkehr verspüren. Jim ist ein erfolgreicher und populärer Staranwalt, der ein sorgenfreies und (scheinbar) glückliches Familienleben führt. Bob, Susans Zwillingsbruder, hat ebenfalls Jura studiert, aber neben seiner Ehe ist auch seine berufliche Karriere gescheitert. Die Geschwister stehen sich nicht sonderlich nahe, sind jetzt aber gezwungen, sich miteinander und ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen.

Auf knapp 400 Seiten widmet sich die Autorin einer Vielzahl von Themen. Neben dem schon angesprochenen Fremdenhass und dem Verhältnis der Geschwister untereinander kommen auch die Probleme jedes einzelnen Protagonisten zur Sprache, sowie das Verhältnis von Susan zu ihrem Sohn Zach, die Probleme und Sorgen der somalischen Flüchtlinge in Shirley Falls und die Befindlichkeiten von Jims Frau von Helen sowie Bobs Exfrau Pam.

All das ist spannend und könnte richtig fesselnd sein, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass bei vielem nur an der Oberfläche gekratzt wird, dass in der Tiefe noch viel mehr verborgen liegen könnte. Vieles wird nur angerissen, nicht zu Ende geführt, bleibt offen.

So werden die wirklichen Beweggründe für Zachs Tat nicht vollständig aufgedeckt, die Geschwister kommen sich zwar wieder näher, doch steht noch viel zwischen ihnen, teilweise Dinge aus ihrer frühen Kindheit, die nicht wirklich ausdiskutiert werden. Jims Leben wird gegen Ende des Buchs auf den Kopf gestellt, doch die Gründe, warum er sich so verhält, kann man nur erahnen. Ebenso erfährt auch Bob etwas, das ihn in den Grundfesten erschüttern müsste, doch seine verhaltene Reaktion erklärt sich nicht.

Nichtsdestotrotz ist Das Leben, natürlich ein lesenswerter Roman, der geschickt das Sittenbild einer Kleinstadt mit einem Familienportrait verbindet. Die Hilflosigkeit, die in Jahrzehnten errichteten Mauern und die Sprachlosigkeit, die zwischen den Burgess-Geschwistern herrschen, sind gut herausgearbeitet und für den Leser fühlbar. Ebenso wie die alten Verletzungen und die neuen, die sie sich immer wieder zufügen.

Schön ist, dass auch die Flüchtlinge zu Wort kommen, dass die Situation aus Sicht der Somali dargestellt wird, so dass man ihre Ängste und ihre Erschütterung nachvollziehen kann. Doch auch hier geht Strout nicht so in die Tiefe, wie sie könnte und es wünschenswert wäre.

Insgesamt bietet dieser Roman einige schöne Lesestunden mit vielen interessanten Themen, vorausgesetzt, der Leser kann damit leben, dass kaum etwas wirklich tiefergehend behandelt wird.

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