Das kalte Jahr

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Köln: DuMont, 2013, Seiten: 248, Originalsprache

Couch-Wertung:

70
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Sebastian Riemann
Düstere Stimmung

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2013

Kalt und grau ist die Welt im Debüt von Roman Ehrlich, sie ist abgründig, nicht in ihrer Gesamtheit, aber doch in vielerlei Hinsicht. Weil die Menschen aber stumpf sind bemerken sie oft nicht, wie Asche auf ihre Häupter regnet, sie machen einfach weiter und geben vor, nichts zu bemerken. Der kleine Tod legt sich dabei auf ihre Körper und markiert sie – sie bewegen sich nicht, richten sich vielmehr in der neuen Situation ein, denn gemütlich und bequem wollen sie es haben. Träge liegen die Lebenden in einem Haufen von Bedeutungslosigkeit und warten auf ihr Ende. Der Protagonist des Buches kann jedoch sein Schicksal nicht annehmen, er flieht und versucht zu leben. Die Frage, ob er Erfolg hat, kann er dabei wohl selbst nicht beantworten. Der Leser wird aber auf eine stimmungsvolle Reise mitgenommen. Der Debütroman von Ehrlich wurde mit dem Bremer Förderpreis für Literatur 2013 ausgezeichnet.

Der Protagonist hat sich plötzlich und ohne ersichtlichen Grund von der Welt entfremdet, im Besonderen von der Stadt, in welcher er lebt und welche er nicht mehr ertragen kann. Zu Fuß verlässt er den Ort und wandert an der Autobahn entlang, es schneit, der Wind weht und der Himmel ist grau. Man fühlt das Ende, ohne zu wissen welcher Art das Ende sei, man weiß nicht ob der Protagonist dem Ende entgegenläuft oder ihm entflieht, aber alles fühlt sich so an, als ob es zugrunde gehen muss. Diese Grundstimmung zieht sich durch das gesamte Buch, ohne dass dem Leser konkrete Anhaltspunkte gegeben werden, wo diese deprimierende Stimmung, diese allgemeine Kälte ihren Ursprung haben. Erzählt wird aber von einer Klimakatastrophe aus dem Jahre 1815, damals brach der Vulkan Tambora in Indonesien aus und schleudert so viel Asche und Staub in die Luft, dass es daraufhin in Nordamerika und großen Teilen Europas zu Missernten, Hungersnöten und weiteren Klimakatastrophen kam. Es war das Jahr ohne Sommer, ungewöhnlich kalt im Vergleich zu den anderen Jahren und eine Veränderung, die sich damals niemand erklären konnte, so wie man sich die Kälte in Ehrlichs Roman nicht erklären kann.

Am Ende des Fußmarsches gelangt der namenlose Protagonist zum gleichsam namenlosen Dorf seiner Eltern. Es wird auf der einen Seite vom Meer begrenzt, auf der anderen von einem ehemaligen Militärgelände, welches vermint ist, und deshalb unzugänglich. Im Haus findet er jedoch nicht seine Eltern vor, so wie er es erwartet hatte, sondern einen Jungen, Richard. Dieser lebt allein, verbringt die meiste Zeit in dem Zimmer, welches dem Protagonisten früher als Kinderzimmer diente. Fragen werden kaum gestellt, unter anderem weil Richard wütend wird, wenn ihm eine Frage nicht passt. Der Protagonist erfährt nichts Persönliches und wird nichts Persönliches gefragt. Der Leser ahnt schon, dass ihm die beiden wichtigsten Figuren des Romans nicht sonderlich vertraut werden können, zu schweigsam sind sie dafür.

Der Protagonist beginnt wieder im Elektroladen zu arbeiten, so wie er es früher getan hat, kocht abends das Essen und erzählt Richard Geschichten. Die beiden verstehen sich gut, zumindest scheint es so. Eines Tages aber ist Richard verschwunden, der Protagonist sucht ihn im ganzen Dorf, sogar auf dem verminten Militärgelände. Am Ende ist er doch nicht verschwunden. Wenig später durchsucht der Protagonist die Werkstücke, an denen Richard oft arbeitet, was zur Folge hat, dass jener das Zimmer einbruchssicher machen will. Letztendlich wird der Kontakt zwischen beiden sehr spärlich, eine stille Disharmonie erfüllt das Haus.

Und plötzlich geht alles schneller als erwartet, der Protagonist wird krank, liegt danieder im Fieberwahn, kommt wieder zu Kräften, erblickt einen grünen Spross im Schnee, das Haus brennt. Richard lässt er im Dorf und kehrt in die Stadt zurück, die Sonne scheint, das kalte Jahr ist überstanden.

Geschichten sind zentraler Bestandteil des Buches, immer wieder begegnet der Leser kurzen Erzählungen des Protagonisten oder Ausschnitten aus Fernsehsendungen, welche er aufzeichnet. Erstere bekommt Richard zu hören, sie handeln meist von fernen Orten, historischen Ereignissen und stellen einen Teil des Wissens des Erzählers dar, der sich mitunter ob seiner Geschichten rühmt. Das Gegenteil sind die Fernsehausschnitte, widerwillig muss er sie aufzeichnen, damit der TV- und Elektrohändler sie verkaufen kann, denn den Bewohnern des Dorfes sind sie der einzige Zugang zur weiten Welt. Ein grundlegender Unterschied wird den beiden unterschiedlichen Medien zugewiesen: Das Erzählte hat Bedeutung, handelt von Menschen in den Wirren der Zeit und ihrem Bestreben das Bestmögliche zu erreichen, das Fernsehen hingegen ist eine dicke Suppe aus Belanglosigkeiten und Stumpfsinn. Die Bewohner des Dorfes am Meer lassen sich von den Fernsehausschnitten berieseln, Dummheiten aus aller Welt legen sich sanft auf ihr Gemüt und ihren Geist, der schon längst gestorben scheint. Es ist Medienkritik und Vorwurf an den Konsumenten, der es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich macht, während sein Fernseher die restliche Welt als Unterhaltungsmus darstellt. Bezieht man die Kälte auf die Unterhaltungsindustrie, dann hat sie uns nicht nur ein kaltes Jahr beschert, sondern schon Dekaden – aber natürlich war es noch nie so schlimm wie in diesen Tagen.

Roman Ehrlichs Debüt ist kein einfaches Stück Literatur, weil die Geschichten in der Geschichte oft willkürlich wirken und damit die Geschichte als Geschichte in Frage stellen, und weil die Hauptcharaktere kaum charakterisiert werden, es überhaupt nur wenige Figuren gibt und diese allesamt ungewöhnlich agieren. Der Protagonist bleibt schemenhaft, schwer zu fassen und mit ihm die gesamte Romanwelt. So bleibt unklar, ob Richard nur in der Vorstellung des Protagonisten existiert, ob vielleicht der gesamte Ausflug in das Dorf seiner Eltern ein innerer Kampf ist, den er vielleicht im Fieberwahn austrägt, vielleicht in der Stadt in der er lebt. Vielleicht hat Richard aber auch die Eltern des Protagonisten getötet, in diesem Dorf, in dem niemand richtig zu leben scheint. Vielleicht hat der Protagonist einen Teil von sich selbst getötet und damit wieder ins Leben gefunden.

Das Buch lebt von einer diffusen Stimmung, die sich aus Angst, Melancholie und Weltentfremdung zusammensetzt. Am besten fasst es der Protagonist zusammen:

 

"Ich erzählte Frau Professor Hofmann, ohne überhaupt vorher darüber nachgedacht zu haben, man habe über mich einmal behauptet, meine Geschichten kommen aus dem Nichts und nehmen allen Menschen die Luft zum Atmen."

 

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