Vergiss nicht zu Atmen

  • NC: Cincinnatus Press, 2013, Seiten: 312, Übersetzt: Dimitra Fleisser
Vergiss nicht zu Atmen
Vergiss nicht zu Atmen
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Katharina Affholderbach
931001

Belletristik-Couch Rezension vonDez 2013

Nur weit weg wird gestorben

Auf der einen Seite der Welt kämpfen junge Soldaten im Krieg. Soldaten, die tagtäglich der Gefahr einer geworfenen Granate, einem Bombenattentat oder eines Schusswechsels ausgeliefert sind. Auf der anderen Seite der Welt leben Gleichaltrige ihre Universitätszeit, bewegen sich frei und unbeschwert, und nur am Rand werden die Soldaten auf der anderen Seite wahr genommen. Wenn Soldaten sterben, werden ihre Namen in den Medien gezeigt, doch nur für die Familie, Freunde, Bekannte sind es reale Personen, für die Übrigen sind es bloß Unbekannte, die weit weg gestorben sind.

Charles Sheehan-Miles' Roman Vergiss nicht zu atmen spielt hauptsächlich in New York: Dylan und Alexandra, genannt Alex, waren ein Paar, bis durch ein Missverständnis die Beziehung zerbrach. Unabhängig von einander erleben sie Schreckliches: Sie wird vergewaltigt, er überlebt als Soldat nur knapp ein Bombenattentat der Hadschis in Afghanistan, bei welchem sein bester Freund stirbt. Als sie sechs Monate später in der Uni wieder aufeinander treffen und zusammen arbeiten müssen, kommen alte Gefühle und der damit verbundene Schmerz wieder zum Vorschein.

 

Dylan: "Ich habe niemals aufgehört dich zu lieben. [...] Nicht einmal als ich dich hasste."
Kann Dylan ein neues Leben anfangen, obwohl er von Schuldgefühlen und Kriegserinnerungen verfolgt wird?
Alex: "Wie helfe ich einem Freund mit PTBS?" Einer Posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie viele Soldaten aus dem Krieg mitbringen.

 

Kann Alex stark genug sein und Dylan in schweren Momenten beistehen, obwohl er sie wegstößt und ihr weh tut?
Der Buchtitel weist die Richtung: Vergiss nicht zu atmen, das Leben geht weiter, egal wie hart es ist.

Charles Sheehan-Miles ist selbst Kriegsveteran und arbeitet seit 2008 für eine Anwaltskanzlei, welche Kriegsinvaliden vertritt. Er will durch dieses Buch auf die Schwierigkeiten von Kriegsveteranen und Kriegsinvaliden aufmerksam machen, zwei Themen, welche in der heutigen amerikanischen Gesellschaft schnell unter den Teppich gekehrt werden. Im Fokus dieses Buches steht die Rückkehr des Soldaten, der durch seine äußeren Verletzungen immer an die Zeit in Afghanistan erinnert und von seinen Schuldgefühlen geradezu verschlungen wird.

 

"Das war der Mann, der getötet hatte, der gesehen hatte, wie seine Freunde im Kampf getötet worden waren."

 

Doch Charles Sheehan-Miles spricht noch weitere tabuisierte Themen der Gesellschaft an, so wird Dylan nicht nur von seinen inneren Dämonen gequält, sondern auch Vorurteile sind seine Wegbegleiter, da er aus einer niedrigen Sozialschicht kommt. Auf Alex hingegen lasten die Erwartungen ihrer Familie, es wird keine Rebellion geduldet und es geht alles um das richtige Verhalten und die heile Welt, die den Nachbarn und Bekannten vorzuspielen ist.

 

"Meine Eltern wollten jeden Aspekt meines Lebens kontrollieren, von den Wahlfächern, bis zu meinen Partnern."

 

Der Autor wechselt immer wieder die Erzählsicht - zwischen der Ich-Erzählung von Alexandra und der Ich-Erzählung von Dylan. Zudem sprechen beide den fiktiven Leser persönlich an. Somit ist der Leser nicht nur irgendein Außenstehender, der die Reaktionen von Alex und Dylan so hinnehmen muss, wie sie kommen, sondern taucht tief in die Gefühlswelt der beiden ein und weiß um ihre Ängste und Entscheidungen.

Dimitra Fleissner wurde von der Geschichte so gepackt, dass sie anfing, das Buch aus dem Amerikanischen ins Deutsche zu übersetzten. Zunächst nur aus Spaß, doch später berichtete sie Charles Sheehan-Miles davon und bekam seine Genehmigung, das Werk komplett zu übersetzen.

Vom Stil her ist es eine Liebesgeschichte – gepaart mit einer wesentlichen Erkenntnis: Das Leben ist oft nicht einfach und dennoch lohnt es sich, weiter zu atmen, weiter zu machen, weiter zu leben.

Die knapp 300 Seiten sind besonders jungen Lesern sehr zu empfehlen.

Vergiss nicht zu Atmen

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