Stille

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Secession, 2013, Seiten: 224, Originalsprache

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87

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Britta Höhne
Eine Träne macht den Unterschied

Buch-Rezension von Britta Höhne Dez 2013

Regen. Viel Regen. Das Wasser drückt von unten gegen den Fußboden der Bretterbude im Nirgendwo. Ein Mann in Haft. Ein weiterer abgestellt, um den Inhaftierten zu beaufsichtigen. Einer, der eine Uniform trägt, wie die Pfadfinder sie tragen. Die Geschichten, die die beiden sich erzählen, sind banal. Sie machen das Wetter zum Inhalt. Trivialitäten, um dem Druck des Gefangenen-und-Wärter-Alltags stand zu halten.

 

"Melancholiker, war Jan überzeugt, neigen zur Überbewertung schlechten Wetters."

 

Stille heißt das neueste Buch von Peter Zimmermann, wobei der Buchstabe "t" einem Kreuz gleicht. Totenstille? Eine Stille, die so still ist, das sie zu schreien wagt. Ganz laut.

Die Geschichte ist bedrückend. Erzählt in einer Sprache, die zwischen Brutalität und Sanftheit schwankt. Nicht immer sind die Szenen der Sprache angepasst – und umgekehrt. Manchmal weht ein kleiner zarter Hauch einen Spruch zu Tage, der nur schwer auszuhalten ist. Für alle: Für Camilla, für Katharina, für Paul und Jan, für Iris und Freddie, für eine Pfefferminzdame und all jene, die die Protagonisten ein Stück in der hiesigen – oder in einer fiktiven Welt begleiten. Dabei ist bekannt, was kommt: Bereits auf Seite sieben lässt Jan sein Leben Revue passieren und doch treffen die Schläge im Laufe des Lesens tief.

Die Figuren in Stille bewegen sich nicht viel. Körperlich nicht viel. Alles baut auf einen grausamen Umstand auf, der bis zum Ende der Geschichte nicht geklärt werden kann – oder will. Paul und Jan sitzen in einem Boot, Paul geht über Bord und ist seitdem verschwunden. Seine Freundin Camilla bleibt zurück, die, die nur die Muse, nicht aber die große Liebe gewesen zu sein schien. Ähnlich sieht es bei Katharina und Jan aus. Gemeinsam ja, zusammen nein. Nach dem Unfall schleicht Camilla sich mehr und mehr in das Leben des noch bestehenden Paares ein. Katharina wird – obwohl es Jan noch gibt – zusehends die Frau an Camillas Seite. Wie weit die Beziehung wirklich geht, lässt der studierte Germanist und Theaterwissenschaftler Zimmermann offen.

Alles wirkt wie ein großes Vexierbild, in das sich bei Zeiten immer weitere Charaktere einpflegen. Sonderbare, versteht sich, wie Renny Harlin, der so großartige Sätze sagt wie:

 

"Ich bin froh, wenn ich mir selber über den Weg laufe, von Zeit zu Zeit wenigstens, und mich noch erkenne. Harlin, sage ich, schön dich zu sehen. Schön ist was anderes, antworte ich dann, und jeder geht wieder seiner Wege."

 

Stille lässt sich nur äußerst schwer einem Genre zuordnen. Der Beginn gleicht einem Krimi – vielleicht geschieht ein Mord, oder nur eine unterlassene Hilfeleistung – dann schleicht sich ein vielschichtiger Plot ein, um Liebe und solche, die auf der Strecke geblieben ist, um Glück und Unglück, um Wut, Angst und dem nicht Verstehen können. Zimmermann hält die Fäden in der Hand, lässt seine Puppen tanzen, auf sehr anstrengende Weise, auf dünnem Eis und nah am Abgrund. Alle trinken zu viel, alle trauern zu viel, alle reden zu viel – am liebsten über sich selbst. Keiner hört zu, jeder ist sich selbst der Nächste. Wie im richtigen Leben?

Jeder Mensch, sagen die Anthropologen, ist Fachmann seiner eigenen Biografie. Sicher, keiner kennt sein eigenes Leben besser, als eben besagter Mensch selbst. Doch, was gilt es zu tun, wenn eine gemeinsame Basis bröckelt, das Leben nur noch in der Vergangenheit existiert und auch dort nur so ausgehalten werden kann, dass es etwas Glück zulässt. Mehr Glück eigentlich, als die Realität vorgesehen hat. Katharina und Jann trennen sich mehr als einmal voneinander. Einmal physikalisch, als Jan verschwinden. Danach immer wieder. Jede Situation muss wieder erlebt werden, um sie schließlich zu beerdigen. Wie Camillas Kind, das nicht bei Camilla sein wollte. Wie im Theater, eine Regieanweisung: "Das Kind geht weg." Katharina wusste nichts von Camillas Schwangerschaft. Paul war möglicherweise tot, Jan verfolgt die Szene schweigend von der Tür des Badezimmers aus. Vielleicht war es sein Kind. Wieder die Seite sieben.

Gerne würde man auf halber Strecke des Romans seinem Verfasser Zimmermann zurufen: "Bringen Sie doch bitte noch etwas Positives unter, etwas, das uns Zurückgebliebene hoffen lässt." Es ist da. Ganz am Rande, in ganz klugen Sätzen, solchen allerdings, die nicht gelesen sondern gelebt werden wollen. Ein kleiner großer und auch politischer Roman, der nachdenklich stimmt:

 

"Was ist es Jan, flüsterte Katharina, was hält uns zusammen? Das kleine Wunder, dass die Unwahrscheinlichkeit dieser einen Begegnung unter Millionen möglicher Begegnungen blind umgangen wird? Die Erinnerung an das Zusammenwachsen zweier Menschen, die anfangs wenig miteinander verbunden hat? Oder einfach die Angst vor dem Alleinsein?"

 

Endgültige Antworten auf diese Fragen kann auch ein Jan nicht geben.

Sehr lesenswert.

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