Solange du bei uns bist

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • -: -, 2012, Titel: 'Lone Wolf', Originalsprache
  • Köln: Bastei Lübbe, 2016, Seiten: 464, Übersetzt: Rainer Schumacher

Couch-Wertung:

82
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Rita Dell'Agnese
Ein paar Mal leer Schlucken inklusive

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2013

Jodi Picoult scheut sich nicht, schwierige Themen anzufassen. Davon weicht sie auch bei Solange Du bei uns bist nicht ab. Zentrales Thema des Romans ist die Frage: Wann ist der richtige Moment, lebenserhaltende Maschinen abzustellen. Die Geschwister Edward und Cara sind sich in dieser Frage nicht einig. Ihr Vater Luke liegt nach einem schweren Verkehrsunfall mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Koma, die Prognosen sind schlecht. Während der junge Erwachsene Edward seinen Vater gehen lassen möchte, klammert sich Teenager Cara an die Vorstellung, er könnte wieder aus dem Koma erwachen und gesund werden. Was sich zunächst wie eine Meinungsverschiedenheit ausnimmt, wächst zu einer erbitterten Auseinandersetzung heran, die schließlich vor Gericht geführt wird. Für Georgie, Mutter von Edward und Cara und geschiedene Frau von Luke, ist es nicht einfach, den Zwist ihrer Kinder mitzuerleben. Erst recht, da Edward sich vor einiger Zeit von der Familie abgewandt hatte und jeden Kontakt ablehnte. Der verlorene Sohn ist also zwar zurückgekehrt, doch die Familie droht noch mehr auseinander zu brechen, als zuvor.

Die Autorin arbeitet mit wechselnden Erzählperspektiven. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die beiden Geschwister, die auf den ersten Blick die Hauptrollen einnehmen. Zwar liegt tatsächlich viel Gewicht auf Cara und Edward, doch auch Luke selber kommt immer mal wieder zu Wort, allerdings im Prinzip losgelöst von der eigentlichen Handlung. Über die Stimme von Luke kann Jodi Picoult noch eine ganz andere Geschichte erzählen: Diejenige eines Mannes, der sich zu einem Wolfsrudel hingezogen fühlt und nach und nach so stark im Studium der Verhaltensweise des Rudels aufgeht, dass er die menschlichen Bindungen vernachlässigt und teilweise auch kappt. Je mehr Luke vom Rudel akzeptiert wird, desto stärker verliert er den Bezug zur menschlichen Realität. Als Teenager Cara zu ihm zieht, weil sie mit der neuen Familie ihrer Mutter nicht klar kommt, stellt das Luke vor eine große Herausforderung. Er muss plötzlich wieder Verantwortung für einen Menschen übernehmen. So erzählt Luke im Prinzip eine völlig andere Geschichte, als die übrigen Mitwirkenden. Aber eine, die mit den Vorgängen und Überlegungen der anderen Protagonisten einhergeht.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass bei einer solchen Thematik die Gefühlsebene der Leserinnen und Leser ebenfalls angesprochen wird. Es ist jedoch keineswegs eine rührselige Geschichte, eher eine im höchsten Masse berührende. Mehr als einmal ertappt sich der Leser bei der Frage: Wie hätte ich entschieden, wie würde ich reagieren? Der Konflikt zwischen Cara und Edward steht im Prinzip für den inneren Kampf, der wohl jeder in dieser Situation mit sich ausfechten würde. Dass bei Cara wie auch Edward die Frage nach Schuld und falschen Entscheidungen mitschwingt, ist verständlich. Etwas schwieriger ist da die Rolle von Georgie zu verstehen, hier zeigt die Autorin nicht ganz klar auf, welche Rolle sie der Mutter zugedacht hat, beziehungsweise, was sie über die Mutter einbringen möchte.

Der Verlag hat die stark zergliederte Geschichte optisch "aufgeräumt". Was auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheint, ist auf Dauer jedoch teilweise sehr ermüdend. Zwar hat jeder Erzähler ein eigenes Schriftbild bekommen, doch sind vor allem die kursiven Schriften schlecht zu lesen. Dass zu den vier Hauptbeteiligten noch weitere Erzähler mit eigenen Schriftbildern hinzukommen, macht es nicht besser.

Jodie Picoult hat mir ihrem Roman Solange Du bei uns bist ein brisantes Thema gut aufgefangen und so intensiv umgesetzt, dass leeres Schlucken nicht ausbleibt. Die menschliche Nähe, mit der sie an die Sache heran geht, tut dem Roman gut und macht ihn zu einem eindrücklichen Leseerlebnis.

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