Tage mit Echo

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013, Seiten: 256, Originalsprache
Tage mit Echo
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Christian Brockhaus
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Belletristik-Couch Rezension von Christian Brockhaus Nov 2013

Letzte Bücher sind wie Mitteilungen von letzten Lebensstrecken. Erschöpft, aufbegehrend, müde, schlaftrunken und todessüchtig.

Eingenommen von der Idee, "Letzte Bücher" von Schriftstellern in Lesungen vorzutragen, macht sich Robert Brodbeck auf den Weg nach Klütz. Klütz? Ja, Klütz, Heimatort des Schriftstellers Uwe Johnson. Johnson? Ja, Johnson ...

Bereits beim Abschied Robert Brodbecks von seiner Frau, bevor er auf seine Lesereise in den Osten der Republik aufbricht, fällt der eher schlichte, fast farblose Erzählstil Peter Härtlings in seinem neuesten Roman Tage mit Echo auf. Sachlich und nüchtern werden hier die Charaktere beschrieben, welche sich dann auch als fade und mit viel Raum für Interpretationen in der Phantasie manifestieren.

Ebenso bekommen die Örtlichkeiten, welche Härtling als Ziel der Lesereise von Brodbeck gewählt hat, einen Bauerndorf-Charakter, der den ohnehin vorhandenen Beigeschmack provinzieller Einfachheit gut zu unterstützen weiß. So wohnt Brodbeck beispielsweise aus Kostengründen und auf Wunsch seiner Agentin (welche er "die Madame" nennt), in einem Zimmer im oberen Stockwerk eines schmucklosen Hauses (was auch sonst?) einer Zimmerwirtin namens Elsbeth Horn. Er spaziert mit Wendelin Schulz, einem Abgesandten des Literaturhauses Uwe Johnson, durch Klütz, besucht das Café Kunterbunt, welches allabendlich seine Zufluchtsstätte aus dem Klützer Einerlei wird, und reist mit ihm nach Stralsund. Stoff für eine Menge Erzählung und ausschweifender Dialoge. Nicht aber in diesem Fall. Die Dialoge bleiben ebenso klein und grau, wie es die Städte im Landkreis Nordwestmecklenburg zu sein scheinen. So gesehen bleibt Härtling seiner Linie treu. Die abendlichen Lesungen im Literaturhaus werden gut besucht und Enden im ausklingenden Sommer mit der Lesung des letzten Bandes "Jahreszeiten", welches das letzte Buch von Uwe Johnson war. Brodbeck identifiziert sich beim Lesen immer mehr mit Johnson und findet in der Realität immer mehr Bezug zur Geschichte der "Jahreszeiten". Doch auch diese Tatsache, dass ein alternder Vorleser vorübergehend seine Realität mit der des Buches mischt, tröstet nicht wirklich über den Verlust von echtem Inhalt der Geschichte hinweg.

Im Anschluss daran setzt Brodbeck seine Lesereise der "letzten Bücher" in Potsdam mit Fontanes "Stechlin" fort. Wieder der Abschied von seiner Frau Lena, wieder die Zugfahrt in den Osten, wieder eine Wohnung in der Stadt, wieder Lesung vor Publikum mit ähnlichen Gesichtern besetzt wie schon in Klütz. Im Anhang befindet sich noch eine Liste der Bücher, welche Brodbeck noch im Laufe seiner Lesungen zum Vortrag geplant hatte. Es ist zu hoffen, dass wenigstens er die Eintönigkeit seines Vorhabens genießen mag.

Im zweiten Teil des Buches geht es um den Maler Karl Phillipp Fohr (1795-1818), einem der bedeutendsten Landschaftsmaler der deutschen Romantik. Geboren und aufgewachsen in Heidelberg kommt Fohr früh mit seinem Talent zum Zeichnen in Kontakt. Härtling nimmt sich dieser Geschichte an und skizziert die Kindheit und Jugend Fohrs in seinem Heidelberger Elternhaus. Erwartungsgemäß werden auch hier die Umgebung und die Personen um Fohr eher oberflächlich vorgestellt und es obliegt dem Leser, fehlende Details mit dem eigenen Vorstellungsvermögen zu verbinden und mit Leben zu füllen.

Nachdem das Talent Fohrs offenkundig bekannt und als förderungswürdig angesehen wird, verlässt dieser das Gymnasium, um bei Professor Rottmann in Heidelberg Studienstunden in Sachen Landschaftsmalerei und Radierungen zu nehmen. Für einen Moment stellt man fest, dass Härtlings detailreduzierte Art der Erzählung besser in die Epoche Fohrs passt als in die erste Geschichte mit Brodbeck. Ein Gefühl, als wären die Geschehnisse um den Maler Karl Fohr von ihm selber mit feinen Strichen skizziert worden, ohne jedoch zu viele Details preisgeben zu wollen. In der Kunst ist immer Platz für Interpretation. Das macht sie interessant.

So folgen wir Fohr beim Aufbruch nach Rom, dem Abschied von seinem Elternhaus und seinen Heidelberger Freunden und dem langen Weg zusammen mit seinem Hund Grimsel. Hier wirkt Härtlings Sprache passender, nicht übersättigt mit Bildern und schlicht im Ausdruck. Die Ankunft in Rom sowie die Entstehung neuer Freundschaften und das Zerbrechen der gleichen wirken zwar ein wenig emotionslos, jedoch in Anbetracht des Zeitalters der Deutschrömer nicht unpassend.

Härtling beschreibt auch in diesem zweiten Teil den Aufbruch eines Menschen zu einem großen, einem letzten Ziel. Es ist ein endgültiger Schritt, ohne zurückzublicken, aber dennoch zielgerichtet und voller Pläne. War es seine Intention, die Einfachheit der Geschichten zu vermitteln, so mag ihm dieses gut gelungen sein. Jedoch geht der Inhalt nicht tief genug, um spannend zu sein und es fehlt an Lebendigkeit und Farbe, die diesem Roman etwas Sympathisches und Herzliches hätte geben können.

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