Das Lavendelzimmer

  • München: Droemer Knaur, 2013, Seiten: 384, Originalsprache
Das Lavendelzimmer
Das Lavendelzimmer
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Birgit Stöckel
97

Belletristik-Couch Rezension vonNov 2013

Heilmittel Bücher

Bücherliebhaber wissen: Bücher sind wie gute Freunde – sie bereichern unser Leben, sind immer für uns da und können uns in vielen Lebenslagen helfen. Doch es gibt auch Bücher, die uns enttäuschen, die uns langweilen oder ärgern, mit denen wir schlicht und ergreifend nichts anfangen können. Entweder weil sie wirklich nicht für uns bestimmt sind oder weil es der falsche Zeitpunkt ist, an dem wir sie kennen lernen. Deshalb ist es klug, ihnen eine zweite Chance zu geben – Büchern wie Menschen.

Doch wäre es nicht schön, wenn es jemanden gebe, der uns zumindest bei den Büchern helfen könnte? Der wüsste, welches Buch uns in welcher Lage gut tut und hilft und welche Bücher wir tunlichst meiden sollten, weil sie unseren Kummer nur noch vergrößern? In Nina Georges neuestem Roman Das Lavendelzimmer gibt es so einen Menschen. Er heißt Jean Perdu und betreibt eine schwimmende "pharmacie littéraire", eine literarische Apotheke, auf einem alten Schiff. Dort sammelt und verkauft er Bücher, doch eben nicht jedes Buch an jeden Kunden, sondern stets die Richtigen an die Richtigen.

Doch sich selbst kann er nicht helfen. Seit zwanzig Jahren trägt er tief in sich verschlossen eine Wunde, einen unglaublichen Schmerz – seit ihn seine große Liebe Knall auf Fall und ohne Erklärung verließ. Den Brief, den sie schrieb, hat er in das Zimmer verbannt, in dem er mit ihr so glücklich war und die Tür zu diesem Zimmer ist fest verschlossen und verbaut. Als er schließlich gezwungen ist, dieses Zimmer wieder zu betreten, bricht mehr auf, als nur die Tür. Und so macht sich Jean Perdu schließlich auf die Reise, um sich der Vergangenheit zu stellen.

Nina George ist mit Das Lavendelzimmer ein wunderbarer, feinfühliger Roman gelungen, der be- und verzaubert. Eine großartige Geschichte über das Leben, die Liebe, den Schmerz, die Trauer, die Verzweiflung und vor allem – die Hoffnung.

Die zentralen Themen und Aussagen sind beileibe nicht neu: Lebe dein Leben, lass deine Gefühle zu, verschließe dich nicht vor deinem Schmerz, habe Mut, zu lieben... solche Botschaften findet man in jedem mittelmäßigen Lebenshilferatgeber. Doch keiner versteht es, das ganze so bezaubernd zu verpacken wie Nina George. Allein ihre Sprache ist ein Genuss: Wunderbar poetisch mit Sätzen, ja ganzen Absätzen, die zum Verweilen und Wiederlesen einladen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann, die einen zum Träumen und Nachdenken anregen. Das Lavendelzimmer ist kein Buch, das man mal so eben runter liest, wenn man gerade zwei Augenblicke nichts zu tun hat. Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen, dem man mit Ruhe und Muße begegnen muss, doch dann wird es einen berühren und verzaubern.

Atemlose Spannung darf man nicht erwarten, es geht größtenteils ruhig und gemächlich zu, die Dinge entwickeln sich langsam, aber stetig. Doch das tut dem Genuss keinen Abbruch, denn das Buch hat so viel zu bieten: Kleine Episoden am Rande, die bereichern und einige interessante Reisegefährten, die Jean Perdu zur Seite stehen und das Ganze unterlegt mit einem sehr feinen Humor. Dazu herrliche Landschaftsbeschreibungen, die vor allem die Provence vor den Augen der Leser zum Leben erwecken.

Das Lavendelzimmer ist ein wundervolles Buch, das bewegt, berührt, nachdenklich und vor allem hoffnungsvoll stimmt und das auch nach der letzten Seite noch lange nachhallt.

Das Lavendelzimmer

, Droemer Knaur

Das Lavendelzimmer

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