Lume Lume

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Edition.fotoTAPETA, 2013, Seiten: 120, Übersetzt: Andreas Rostek, Bemerkung: Mit einer Anm. von Andrea Camilleri
  • Palermo: Sellerio, 2010, Titel: 'Lume Lume', Seiten: 132, Originalsprache

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Britta Höhne
Geschacher auf dem Weltenmarkt

Buch-Rezension von Britta Höhne Nov 2013

"Lume Lume". Was immer das heißt. Welt heißt es, oder Leute. Welt Leute? Leute Welt? Vielleicht eine Art von Genitiv: Leute der Welt? Die Welt der Leute? Was auch immer. Lume Lume ist der Titel eines wunderbaren dünnen Büchleins von Nino Vetri, das ein jeder lesen sollte, der versucht, in einer derart bunten Welt auf friedliche Weise seinen Standpunkt zu finden. Andrea Camilleri schreibt in seinem Nachwort, dass "Lume, Lume als Handbuch des zivilisierten Zusammenlebens in der Welt" zu lesen sei. Und Recht hat er, der Herr Camilleri.

Da ist dieser Mann, dessen Name eigentlich keine Rolle spielt. Er hat aber einen, ist nicht irgendwer, nicht namenlos. Doch oft heißt er anders, weil Menschen anderer Nationalität und Sprache ihm anders begegnen. Mal definieren sie sich über das Essen, mit Reis und Zwiebeln, mal über die Musik. Und genau Musik ist es, die den Ich-Erzähler fesselt. Nicht irgend eine Musik, sondern die rumänische Volksweise Lume Lume. Die jungen Rumänen, die es nach Italien zieht – die gezogen werden – hören lieber Eros Ramazzotti. Sie kennen die Lieder ihrer Heimat kaum. Den Älteren hingegen bereitet der Gedanke an die Heimat Magenschmerzen, weshalb sie dem Protagonisten des Romans den Liedtext vielleicht nicht übersetzen wollen.

Lume Lume erzählt von Klischees, von dem Sein, wie andere es sich vorstellen. Dabei gibt es zwei Schlüsselszenen in dem Roman, von dem vermutlich jeder Leser wünschte, die Szenen wären länger – und der Roman auch. Eine Handlung hat zwei junge bengalische Mädchen zum Inhalt, die es nicht erwarten können, zur Frau zu werden und somit die Burka zu tragen. Am kommenden Tag sieht der Ich-Erzähler die Mädchen in Jeans zur Schule gehen – die tragen sie dann, wenn sie wollen. Und wenn sie wollen die Burka. Herzlich Willkommen in einer vereinten Welt? Nein! Die die unten stehen verbünden sich mit denjenigen, die ebenfalls unten stehen. Gegen die da oben versteht. Eine weitere Episode. Ein Kampf.

 

"Ort: eine verlassene Garage. Zeit: ein Uhr nachts. Sechs Tamilen gegen sechs Singhalesen."

 

So ziemlich alles ist erlaubt: Auch Messer in den  Hintern. Nach dem Kampf, als sich alle medizinisch versorgen lassen müssen, heißt es nur, das waren "die Albaner". Dabei hat es nie viele Albaner im Distrikt gegeben, schaltet sich der Ich-Erzähler ein:

 

"...wäre besser gewesen, ihr hättet Rumänen gesagt"

 

Vetri, der neben seiner Schreiberei noch Musiker und Buchhändler ist, spielt mit der Angst. Er hat verstanden, dass der Feind weniger Angst macht als der Fremde. Der Feind ist einzuordnen: Besitzt in diesem Fall keinen Pass eines EU-Landes, hat eine andere Hautfarbe, Sprache, Lebensauffassung. Der Fremde hingegen macht Angst. Er ist nicht zu fassen. Er kommt, geht – und bleibt im schlimmsten Fall. Erst bewohnen vier Rumänen eine Wohnung, plötzlich sind es 20.

Nein, Nino Vetri ist fürwahr kein Rassist. Er ist ein Aufklärer. Er hält den Spiegel vor und sagt: "Ihr seid alles Menschen." Was er schreibt, kommt komisch daher. Sind Situationen, die wie Standaufnahmen wirken. Ein Bangladeschi, schon lange in Italien und er Italiener:

 

"Einmal war ich mit Mohammed im Bus. Eine surreale Situation. Ein Bus voller Frauen aus dem Osten. Also meiner Meinung nach sind wir die einzigen Italiener, hat er zu mir gesagt."

 

Dann verschwindet er irgendwann, der Mann aus Bangladesch, der eigentlich längst Italiener war. So wird der Ausländer zum Inländer – und die Inländer merken es nicht einmal!

Lume Lume ist trotz - oder wegen - der scheinbaren Neutralität ein hochpolitisches kleines Werk. Vetri haut drauf. Macht mit im Geschacher um Macht und Welt.

 

"Iran und die Vereinigten Staaten, findet er (Mohammed), sind heimliche Verbündete... Iran hat den Amerikanern den Irak überlassen. Im Gegenzug will Amerika, dass Iran Israel in Ruhe lässt, aber dafür gibt er ihm: Syrien, Jordanien, Libanon und den gesamten Balkan!"

 

Dann geht es um Europa. Wer oder was ist Europa? Einige gehören dazu, von Beginn an, andere wären gerne dabei, sind nicht gewünscht und wieder andere sagen: "Dem Europa-Teil fehlt etwas, um Europa zu sein, dem Nicht-Europa-Teil fehlt nichts, um nicht Europa zu sein." Verzwickt das alles und Vetri dröselt auf, in einer Sprache (aus dem Italienischen übersetzt von Andreas Rostek), die fesselt, fasst, verstehen lässt – oder auch verzweifeln.

Kurzum: Der Ich-Erzähler reist seinem Lied hinterher. Einem Lied, das er nicht kennt, um den Text nicht weiß, es ist die Melodie die ihn packt und das Gefühl dahinter. Er übersetzt sich Lume Lume selbst. Ein trauriges Lied irgendwie und auch ein fröhliches. Eines, das nicht stört und einfach nur dazu einlädt, zusammen zu feiern. Zusammen.

Vetris Roman ist so voller kleiner Spitzen, die  versteckt durch die Blume sagen: "Ihr Menschen ihr, ihr seid doch alle gleich." Mal heißt einer Mohammed und mal heißt einer Salvatore, was im Italienischen so viel wie "Retter" bedeutet: "Signora hat mich gefragt: Was heißt Mohammed? Ich habe geantwortet Salvatore."

Lume Lume sollte auch Erwähnung finden, weil es die italienische Flüchtlingspolitik beleuchtet. Nicht grell, aber beleuchtet. Lampedusa ist Thema. Noch bevor der Landstrich es in den Medien wurde. Jeder Mensch, heißt es, ist seine Glückes Schmied. Doch nicht jeder Mensch ist Schmied!

Klein, fein, bissig und zwingend zu lesen!

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