Viviane Élisabeth Fauville

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Klaus Wagenbach, 2013, Seiten: 144, Übersetzt: Anne Weber
  • Paris: les Éd. de Minuit, 2012, Titel: 'Viviane Élisabeth Fauville', Seiten: 154, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Verlassen und zum Äußersten getrieben

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2013

Nach einem Mord gibt es allerhand zu tun, es bleibt wenig Zeit für die kleinen Angelegenheiten des Alltags, von Freizeit ganz zu schweigen. Man muss sich über die laufende Untersuchung der Polizei informieren, muss zusehen, wie man andere Verdächtige in die Geschichte verwickeln kann, die Tatwaffe muss in Sicherheit gebracht werden und natürlich darf man gegenüber dem Kommissar nicht die Ruhe verlieren. Letzteres ist besonders schwierig, wenn psychische Störungen im Spiel sind. Die Frage nach der Motivation für den Mord kann in der ganzen Hektik leicht verloren gehen. Julia Deck hat in ihrem Debütroman ein altbekanntes Sujet gewählt, es jedoch auf unterhaltsame und interessante Weise neu interpretiert. Viviane Élisabeth Fauville ist eine moderne Mörderin, getrieben von Sorgen, die nicht spektakulär, trotzdem aber essentiell sind.

Die Geschichte beginnt recht abrupt, nahezu beiläufig wird erwähnt, was die nahe Zukunft bestimmen wird. Genauso locker und unvorbereitet wie der Leser scheint auch die Protagonistin selbst in ihr Schicksal zu fallen, sie lässt sich treiben von den Ereignissen, lässt sich mitreißen von der Fatalität ihres Lebens.

 

"Sie sind am 15. Oktober ausgezogen, haben eine Kinderfrau gefunden, Ihren Mutterschaftsurlaub aus gesundheitlichen Gründen verlängert, und am 16. November, also gestern, haben Sie ihren Psychoanalytiker umgebracht. Sie haben ihn nicht symbolisch umgebracht, wie man irgendwann den Vater umbringt."

 

Vivianne hatte ein gutes Leben: einen gut bezahlten Job, vor Kurzem ist sie Mutter geworden, einen Mann an ihrer Seite. Vor ihr stand ein neuer Lebensabschnitt, der viel Veränderungen mit sich bringen, aber auch viel Erfreuliches bereithalten würde. Als ihr Partner aber offenbart, dass er sie betrügt und eine Trennung wünscht, zerfällt das Szenario und Vivianne sieht sich auf einmal allein gelassen, schutz- und haltlos in einer kalten Welt. Der Psychoanalytiker kann ihr leider nicht die Hilfe bieten, die sie sich erhofft – er ist dieser Psychoanalytiker, der im Angesicht bedrohlicher Katastrophen ruhig, ja fast gelangweilt reagiert, auf die Uhr schaut und seinen Patienten zur Tür hinaus schickt; man kennt ihn aus Film und Fernsehen – und so muss er sterben. Er verdient es nicht zu sterben, zu seinem Unglück ist er jedoch der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, Vivianne kann nicht mehr ertragen, sie weiß nicht was sie tut.

Fortan dreht sich alles um den Mord, die Ermittlungen der Polizei, die Berichterstattung in der Zeitung, andere Verdächtige. Das Baby und der scheidende Ehemann Viviannes ziehen sich in die zweite Reihe zurück, der Wahn der Protagonistin übernimmt die Regie. Der Mord hat seine Funktion erfüllt, hat die junge Mutter von ihren eigenen Problemen gelöst, indem er größere Probleme geschaffen hat. Doch letztlich kann Vivianne ihrer Situation nicht entfliehen, an allen Fronten macht sie Verluste, der Zusammenbruch, der sich zu Beginn des Buches abzeichnete, ist nun nicht mehr aufzuhalten.

Die Protagonistin erinnert mitunter an Raskolnikow, der nach einem begangenen Mord ebenfalls dem Wahn verfällt und im Umgang mit der Polizei ungeschickt agiert. Ein großer Unterschied ist jedoch die Motivation der beiden Täter, während der bekannteste Mörder der russischen Literaturgeschichte eine fundamentale Ungerechtigkeit der menschlichen Gesellschaft zu überwinden glaubte, ist seine jugendliche Nachfolgerin im zeitgenössischen Frankreich ein Opfer ihrer Psyche. Die Welt bezwingt sie und sie wehrt sich, Raskolnikow wehrt sich, indem er versucht die Welt zu bezwingen. Er glaubt sich zu Höherem berufen, sie versucht nicht zu tief zu fallen.

Die geistige Verwirrung der junge Frau wird stilistisch dadurch umgesetzt, dass die Perspektiven von Erzählerin, Protagonistin und Leser sich verschieben und im Verlaufe des Buches verschwimmen. Das derart gestiftete Durcheinander trägt erfolgreich zum Leseerlebnis bei, das Buch wird unruhiger und steigert die Aufmerksamkeit. Bei genauerem Hinschauen bleibt jedoch fragwürdig, warum Stilmittel verwendet werden, die eine Persönlichkeitsspaltung nahelegen, während die Protagonistin keinerlei Anzeichen für eine derartige Veränderung zeigt. Der Eifer der Autorin war in dieser Hinsicht zu stark, das Spiel mit dem Stil geht zu weit, wird manchmal sogar zur Belästigung. Das Buch leidet, da die Autorin merklich über das Ziel hinausschießt.

Der Text ist trotzdem spannend geschrieben und bietet mehr thematische Tiefe, als beim ersten Blick geglaubt wird. Vivianne ist gefangen in einem Katz und Maus Spiel, weigert sich jedoch ihr Leben aus der Hand zu geben und bäumt sich auf gegen die äußeren Umstände, aber vor Allem gegen sich selbst, gegen die eigene Ohnmacht. Andere Menschen finden in diesem Kontext wenig Anerkennung, sie ziehen an der Protagonistin vorbei, wie Landschaften an einer Zugreisenden. Der Mord wird kaum noch als Verbrechen gegen die Mitmenschen gesehen, sondern als persönliches Dilemma der Mörderin. Das Buch handelt von Viviannes persönlichem Leiden, nicht von einer Idee, die zum Mord führte, das individuelle Erleben steht über allem. Damit trifft Julia Deck ins Schwarze, denn in heutiger Zeit wird den Tätern mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Opfern, das Publikum giert danach in einen Geist einzutauchen, der die Hand führte beim Auslöschen anderer Leben. Ein gelungenes Debüt, unterhaltsam, mutig und zeitgemäß.

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