Bevor alles verschwindet

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 411, Originalsprache

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Rita Dell'Agnese
Realität und Illusion verschmelzen zur phantastischen Geschichte

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2013

Eine kleine Dorfgemeinschaft, ein Schicksal: Die Menschen aus einem kleinen Ort erfahren, dass sie ihre Heimat verlassen sollen, da das Dorf einem großen Stausee Platz machen muss. War es zunächst ein eher träges Dasein, beginnen die einzelnen Bewohner zu erwachen und entwickeln ureigenste Abwehrmechanismen. Der aufmerksame Leser wird Zeuge davon, wie sich die Menschen in ihrer plötzlichen Bedrohung zu verändern beginnen. In kleinen Sequenzen macht Annika Scheffel Schicksale sichtbar und lässt den jeweiligen Protagonisten Raum, um sich zu entfalten. Je grösser die Bedrohung scheint, desto eher sind die Dorfbewohner bereit, sich aufeinander zu verlassen. Dennoch verlieren sich die Schrulligkeit ebenso wenig, wie die weniger schönen Aspekte, die bisher nur im Verborgenen geschehen konnten.

Annika Scheffel stellt einige Figuren besonders ins Rampenlicht. So etwa den Sohn des brutalen Wachtmeisters, David, der Gefühle für den aus dem Nichts auftauchenden Milo entwickelt. Doch Milo scheint nur für David selber von Bedeutung zu sein, die anderen Dorfbewohner nehmen ihn nicht wahr, oder wollen ihn nicht wahrnehmen. Hier ist auch die Besonderheit des Romans zu finden. Annika Scheffel kokettiert mit der Verwischung der Realität. Sie konzipiert ihre Geschichte so, dass der Leser ständig zwischen der Überzeugung schwankt es habe sich alles so zugetragen und dann wieder an seiner Wahrnehmung zu zweifeln beginnt, weil die Autorin eine schillernde Illusion sichtbar macht. Diese Zerrissenheit in der Geschichte fordert von den Lesern allerdings höchste Aufmerksamkeit. Wer sich nicht ganz auf das Buch einlässt, verliert schnell den roten Faden und fühlt sich wie in einem führerlosen Boot, das sich trudelnd in der Strömung um die eigene Achse dreht.

Es ist wohl ein Versuch, den die Autorin Annika Scheffel mit Bevor alles verschwindet wagt. Der Versuch, eine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser sich nicht entziehen kann und gezwungen wird, sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen auf das Buch einzulassen. Zum einen ist es das Thema selber, das gleichermaßen fasziniert wie erschüttert. Das Selbstverständnis, dass eine ganze Dorfbevölkerung ihre Heimat verliert, um übergeordneten Interessen Platz zu machen. Der Stausee als Bedrohung für die Existenz, die kaum jemanden anderen berührt, als die betroffene Person selber. Ob bewusst oder unbewusst: Annika Scheffel degradiert das einzelne Individuum zu einer bloßen Schachfigur, die auf dem Spielbrett der höher gelagerten Interessen nach Belieben hin und her geschoben wird. Die betroffenen Menschen reagieren indes höchst unterschiedlich auf die zunehmende Bedrohung, die sich wie ein Strick um ihren Hals legt und ihnen langsam die Luft abschnürt.

Es ist jedoch nicht nur die Angst vor dem Kommenden, das die Protagonisten umtreibt: es ist auch das Bemühen, unter Verschluss zu halten, was so lange verschlossen ist. Ein Bemühen, das nicht von Erfolg gekrönt sein kann – die latente Drohung, die im Raum steht, verlangt nach Wahrheiten. So müssen sich die Charaktere unvermittelt mit ihren schlimmsten Albträumen auseinandersetzen – und darauf zählen, dass sie in ihrem Gegenüber einen Verbündeten in der Not finden. Die Autorin hat ihren Figuren dafür sehr viel Empathie mit auf den Weg gegeben. Dennoch sind nicht alle Schnittstellen stimmig und es braucht hin und wieder ein Nachblättern, um einen Verlauf nochmals genauer nachzuschlagen, um eine Reaktion, eine Wahrnehmung oder eine Handlungsweise zu verstehen.

Die Ansätze von Annika Scheffel sind bestechend: Sie erklärt, was mit der Dorfbevölkerung auf der menschlichen Ebene passiert, wenn sie weiß, dass sie ihre Heimat verliert. Leider bleibt die Autorin dabei den Lesern oft etwas fern und spielt zu sehr mit dem Graubereich zwischen Illusion und Realität. Nichts ist sicher – außer dem Untergang des Dorfes. Denn hierüber lässt die Autorin von Anfang keinen Zweifel aufkommen, auch wenn sich der Leser im Verlaufe des Buches wünschen würde, den Ereignissen eine andere Wendung geben könnte.

Mit Bevor alles verschwindet hat Annika Scheffel einen Roman präsentiert, der wohl Tiefgang zu bieten hat, aber von seinen Lesern viel abverlangt. Wer sich ganz auf die Geschichte einlassen mag, wird eine interessante und faszinierende Welt kennen lernen.

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