Haus des Sturms

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Diana, 2012, Seiten: 560, Übersetzt: Heinz Tophinke
  • London: Headline, 2010, Originalsprache

Couch-Wertung:

62
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Rita Dell'Agnese
Kampf gegen die Trauer

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2013

Für Madeline Moretti verliert das Leben innerhalb weniger Momente seinen Glanz. Ihr Verlobter verunfallt kurz vor der geplanten Hochzeit tödlich. Die junge Anwältin gibt sich vollständig der Trauer hin, was nicht nur ihre Familie mit Sorge beobachtet. Der resoluten Großmutter gelingt es schließlich, Madeline eine neue Perspektive zu geben. Sie schickt sie auf eine Reise zu ihren italienischen Wurzeln. In der Toskana öffnet sich Madeline erstmals wieder anderem als ihrer Trauer. Langsam kehrt sie ins Leben zurück und ist in der Lage, ihre Situation völlig neu zu beurteilen. Zusammen mit ihrer Gastgebern Jeanette beginnt Madeline sich mit der Frage zu beschäftigen, was es mit den Skeletten aus dem Mittelalter auf sich hat, die bei Gartenarbeiten auf dem Grundstück gefunden wurden. Dabei kommt Madeline einem Geheimnis auf die Spur, das auch ihr eigenes Leben tangiert.

Weit vor dem Schicksalsschlag, der Madelines Leben 2007 auf den Kopf stellt, muss sich die junge Mia ihren Gefühlen stellen. Das Mädchen, das seit dem Tod seiner Mutter keinen Laut mehr von sich gibt, lebt im Mittelalter in einer Pilgerherberge in der Toskana. Als ein junges Ehepaar in der Herberge Unterschlupf sucht, verändert sich Mias Welt. Die geheimnisvolle junge Frau kennt sich in der Heilkunde aus und versteht es, Mia langsam an ihren verborgenen Schmerz heran zu führen.

Das Grundgerüst des Romans von Titania Hardie hat viel Potenzial. Ein Potenzial aber, das die Autorin nicht voll nutzt. Sie verliert sich viel zu sehr in Details und zieht die Geschichte über weite Strecken unnötig in die Länge. So sehr, dass es für die Leser oft eine Geduldsarbeit bedeutet, das Buch nicht genervt beiseite zu legen. Besonders der Erzählstrang, der in der Gegenwart angesiedelt ist, strotzt vor Banalitäten und seltsamen Winkelzügen des Schicksals. Hier scheint, die Autorin habe die Geschichte sehr stark zu Recht gebogen, um sie schlüssig erscheinen zu lassen. Das vermittelt ein ungutes Gefühl und die Leselust bleibt unter diesen Umständen recht schnell auf der Strecke. Was Hardie als tiefe Trauer darstellt, wirkt mit der Zeit nur noch wie gut gepflegtes Selbstmitleid, was die Auseinandersetzung mit der Hauptfigur des Romans nicht unbedingt auf eine positive Schiene schiebt.

Schön und stimmig nimmt sich hingegen der historische Teil der Geschichte aus. Titania Hardie hat sich gut in die Zeit um 1347 eingearbeitet und präsentiert ihren Leserinnen und Lesern sehr viel Atmosphäre und eine wesentlich überzeugendere Geschichte, als dies für den anderen Erzählstrang gilt. Obwohl es reizvoll ist, eine Geschichte in zwei so unterschiedlichen Epochen anzusiedeln und sie nach und nach miteinander verknüpfen, geht dieses Konzept hier nicht ganz auf. Dazu fehlt es bei Madelines Geschichte viel zu sehr an Tiefe und Nähe: Es fehlt schwer, sich in die Protagonistin hinein zu versetzen und ihrem Handeln etwas Positives abzugewinnen.

Sprachlich kann Titania Hardie einiges vorlegen. Sie erzählt unaufgeregt und ruhig und kann dadurch eine solide Grundlage bieten, auf der sich einiges entwickeln könnte. Dass ihr dies nur bei jenem Teil richtig gelingen will, der im Mittelalter spielt, lässt die Vermutung aufkommen, dass sich die Autorin mit dieser Epoche nicht nur besser vertraut gemacht hat, sondern auch, dass sie sich darin wesentlich wohler fühlt. Stellt man die beiden Erzählstränge einander gegenüber, könnte gar der Verdacht entstehen, es wären zwei verschiedene Autoren am Werk gewesen. Wo im Mittelalterteil viele beschreibende Elemente Nähe bringen, bleibt es bei den Gegenwarts-Szenen zumeist bei einem oberflächlichen Berühren, das sich aber verflüchtigt, sobald man sich näher damit auseinander setzen will.

Schade, dass Titania Hardie weder das Potenzial der Geschichte genutzt hat, noch an ihre früheren Romane richtig anknüpfen konnte. Haus des Sturms wirkt leider oft klischeehaft und unreif. Hier hätte sich auf jeden Fall die Frage gelohnt, ob der Gegenwarts-Teil nicht zugunsten des mittelalterlichen Erzählstrangs hätte zusammen gestrichen werden können. Der Roman wird letztlich wohl wirklich nur jene vollauf befriedigen, die als Fans von Titania Hardie auch bereit sind, die vielen ausgedehnten Nichtigkeiten zu akzeptieren. Alle anderen werden sich mehr als einmal die Frage stellen, was denn die Autorin nun wirklich erzählen möchte und ob es nicht mit wesentlich weniger Detailliebe und dafür einem etwas zügigeren Tempo gehen könnte.

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