Pedro Páramo

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2010, Seiten: 170, Übersetzt: Dagmar Ploetz

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Sebastian Riemann
Die Magie von Leben und Tod im alten Mexiko

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Okt 2013

Was sind Leben und Tod, wenn sie nicht mehr Gegensätze sind, wenn sie sich nicht mehr klar und deutlich von einander unterscheiden lassen? In Juan Rulfos epochalem Roman führen Lebende Gespräche mit Toten, Stumme reden und die Seele eines Pferdes sucht nach Vergebung, sie lösen Barrieren auf und werden zum Widerhall ihres vorangegangenen Seins. Der Tod als Echo des Lebens ist allgegenwärtig und führt den Leser in eine andere Welt, in der er sich nur schwer zurechtfindet, die ihn aber auf mysteriöse Art gefangen hält.

Juan Rulfo ist außerhalb Mexikos und Mittelamerikas ein unbekannter Name, trotzdem hatte sein einziger Roman Pedro Páramo (1955) großen Einfluss auf die Entwicklung der Weltliteratur im 20. Jahrhundert. Unter seinen Bewunderern finden sich viele lateinamerikanische Autoren, genauso wie Schriftstellergrößen aus Deutschland, den USA, China oder Japan – sie alle überbieten sich in Lobpreisungen jenes Autors, der nur wenige Publikationen hinterlassen hat und dem breiten Publikum kaum bekannt ist. Nicht selten wird Pedro Páramo als eines der besten und einflussreichsten Bücher des vergangenen Jahrhunderts bezeichnet.

Die Handlung des Romans ist übersehbar und doch verwirrend - ob seines Aufbaus und der thematischen Verschiebung. Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter des vermeintlichen Protagonisten, Juan Preciado, der verspricht, seinen Vater zu suchen, eben jenen Pedro Páramo. Die Suche verläuft nicht wie erwartet, vor allem nicht so, wie der Leser es erwartet. Juan trifft auf der Suche nach dem Heimatort seiner Familie einen Viehtreiber und erfährt, dass sein Vater bereits gestorben ist, trotzdem setzt er seinen Weg fort und landet in Comala, dem Dorf seiner Eltern. Die Suche endet überraschend schnell. Gleichsam überrascht bemerkt der Leser, dass der verlorene Sohn in Comala zu bleiben scheint, nicht den Weg in sein vorheriges Leben sucht. Aus Unterhaltungen mit den Bewohnern des gänzlich verlassenen Dorfes werden Erzählungen, die das Leben Pedro Páramos einfassen und aufzeigen wie er den Ort und seine Menschen beherrschte. Juan und sein Vorhaben verblassen, versinken in Bedeutungslosigkeit: der Roman wandelt sich elegant und mystisch zugleich.

Das Faszinierende an diesem Buch sind die Übergänge, das Verschwimmen und Auflösen von Grenzen. Tod und Leben gehen ineinander über, Vergangenheit wird zur Gegenwart. Die Suche des Sohnes wird zur Erzählung des Vaters, ohne dass sich beide Entwürfe klar von einander abgrenzen. Alle Begegnungen und Unterhaltungen in Comala führen zwingend zur Person von Pedro Páramo, Juan sinkt ein in die gespenstische Atmosphäre des Dorfes, welches starb, als es sich gegen seinen Herren versündigte und seine Gefühle nicht kannte. Pedro Páramo saugte alles in Comala auf, es gab Nichts, was nicht Teil von ihm war, nicht von ihm bestimmt wurde, so auch sein Sohn, der viele Jahre zu spät kam. Folgerichtig stirbt Juan recht bald, findet sich unter der Erde und lauscht dort den Stimmen der ehemaligen Bewohner des Dorfes, die von seinem Vater berichten. In einem feuchten Sarg ist er eingesperrt, zusammen mit einer Frau, die ihm erläutert, wessen Stimmen er hört. Der erste Teil des Buches, und damit Juan Preciado, wird von der Allmacht des zweiten Teils aufgenommen und neu interpretiert.

Juan hat keinen Antrieb, er bleibt in Comala, weil er keinen Ort hat, zu dem er zurückkehren kann, und weil er durch die Macht des Vaters gefangen wird. Pedro Páramo regierte das Dorf nach Belieben, machte sich Alle zu Untertanen, ohne sich selbst an die Menschen zu binden. So heiratete er seine erste Frau, um Schulden zu tilgen, die er bei ihrer Familie hatte. Als sie ihn verließ war sie für ihn gestorben, keinen Gedanken verschwendete er an sie, da sie ihm nicht mehr von Nutzen war. Die Mitmenschen sind für Pedro lediglich Mittel seine Ziele zu erreichen. Schon früh war er kalt gegen seine Umwelt:

 

"Und an der Tür lehnte eine Frau und unterdrückte das Weinen. Eine Mutter, die er schon vergessen, immer wieder vergessen hatte und die zu ihm sagte: "Sie haben deinen Vater umgebracht!""

 

Erst zum Ende des Buches wird Pedro Páramo menschlicher. Als seine große Liebe – ja, sie existiert – die Welt der Lebenden verlässt, trauert das ganze Dorf, die Glocken läuten. Doch wieder einmal verschwimmen die Grenzen, aus der Trauer wird Frevel, denn Schausteller werden vom Lärm der Glocken angelockt und verwandeln das Dorf in einen Schauplatz der Freude und Sorglosigkeit. Pedro schwört Rache, lässt seinen Griff auf das Dorf und das Leben lose werden, bis Comala zugrunde geht, er selbst dem Tod begegnet. Er war der Lebensgeist des Ortes, mit ihm muss alles Übrige zugrunde gehen.

Juan Rulfo war ein Erdbeben in der Welt der Literatur, nur eben in Mexiko und deshalb kaum spürbar in der alten Welt. Die Nachbeben spürten wir im Zuge des Booms lateinamerikanischer Literatur, als allen voran Gabriel García Márquez den internationalen Büchermarkt eroberte. Was sich uns als magischer Realismus neu und exotisch darbot, hatte auf der anderen Seite des Atlantiks schon viel Entwicklung hinter sich – Pedro Páramo gehörte zu den wichtigsten Werken dieser Strömung, war Teil des Fundaments, auf welchem später ein immenses Haus errichtet wurde. Es handelt sich bei diesem Buch um eine der ersten Blüten einer Schule, die in unseren Tagen nicht mehr wegzudenken ist, so prominent und zahlreich sind mittlerweile ihre Vertreter in aller Herren Länder. Im deutschsprachigen Raum werden Grass, Kehlmann, Süskind und Widmer gerne jener Strömung des magischen Realismus zugezählt.

In Mexiko und Teilen Mittelamerikas ist das Buch Pflichtlektüre in der Schule, nimmt eine Stellung ein, die man mit Goethes Faust in Deutschland vergleichen kann.

Der Autor Juan Rulfo verwendet eine bereinigte Sprache, ist sparsam in seiner Wortwahl und vermag es trotzdem sehr, gehaltvolle Bilder zu erzeugen, die voller Emotionalität sind, existentielle Fragen aufwerfen und immer wieder eine fantastische Dimension des Daseins berühren. Seine Figuren sind nüchtern, einsam und schwer zu fassen:

 

""Wie sind Sie dann auf mich gestoßen?"
"..."
"Sind Sie überhaupt lebendig, Damiana? Damiana! Sagen Sie es mir!"
Und plötzlich war ich allein in diesen leeren Straßen."

 

Die grundlegenden Dinge sind nicht greifbar, nicht fest und definiert, sondern befinden sich in einem trüben Fluss, in dessen Wasser alles verhandelbar wird und die Ideen der unbändigen Kraft des Willens ausgesetzt sind. Der Leser wird gefangen in einer Welt voller Hitze, Trägheit, Gewalt und Geister, schwer lassen sich Lehren ziehen oder Ideen festhalten. Es ist ein bedrückendes und doch auch unbekümmertes Gefühl, welches die Stimmung prägt und zurückbleibt, nachdem man die letzte Seite aufgenommen hat und die Welt Pedro Páramos wieder zwischen den Buchdeckeln versinken lässt.

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