Nilufar

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2013, Seiten: 210, Übersetzt: Bahman Nirumand

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Die Last der Liebe

Buch-Rezension von Kathrin Plett Okt 2013

Seit Gheiss mit Nilufar zusammen ist, hat sich sein Leben gewendet. Es erscheint ihm, als ob sein ganzes vorheriges Leben nur darauf ausgerichtet war, sie zu treffen. Dennoch sind seine Gedanken zur Liebe voller Schmerz: "Das Wort Eschgh - Liebe – stammt von Aschagheh - Winde" Nein, hier ist nicht der Plural von "Wind" gemeint, der die Leichtigkeit der Liebe verkörpert, einer Liebe, die sich nicht festhalten lässt und hauchzart die Seele umweht. Nein, für Gheiss bedeutet Liebe das komplette Gegenteil:

 

"Das Wort Liebe stammt von Winde. Das ist eine Pflanze, die im Garten wächst, unter Bäumen. Zunächst schlägt sie ihre Wurzeln tief in die Erde, dann erhebt sie sich, umschlingt den Baum und wächst, bis sie ihn ganz umschlingt. Dann beginnt sie, ihn zu quälen, raubt ihm die Nahrung, das Wasser und die Luft, bis er schließlich verdorrt."

 

Denn wie eine Winde schlingt sich auch Nilufar, deren Name Seerose bedeutet, um ihn. Mit ihr erlebt er höchstes Glück, doch ihm ist klar, dass auch sie es sein wird, die ihm schließlich die Grundlage zum Weiterleben rauben wird:

 

"Tausende Zweige und Blätter sprießen aus Freude und Glück in den Himmel. […] Wenn der Baum sich seiner reinen Vollendung nähert, rückt die Liebe aus ihrem Winkel hervor, umschlingt ihn so kraftvoll, dass keine Feuchtigkeit mehr zu ihm gelangen kann. So stark schmiegt sich die Liebe an den Baum, dass plötzlich ihre Zuneigung endet. Dann stirbt der Baum und erweist sich als würdig in den Garten Gottes aufgenommen zu werden."

 

Als er sie das erste Mal traf, war es, als würde er sie schon seit Ewigkeiten kennen. Die gemeinsamen elf Jahre werden zu gefühlten elftausend. Denn: Die beiden Liebenden umgibt ein Gefühl uralter Zuneigung, Freundschaft und Einheit. Als Gheiss Nilufar trifft, ist er beinahe ein alter Mann, sie hingegen gerade mal um die dreißig. Sie schafft es, ihn wieder oder vielmehr zum ersten Mal richtig zum Leben zu erwecken, lässt ihn fühlen und ruft in ihm die Lebensfreude hervor, die zuvor unter einer Mauer des Schweigens schlummerte. Obwohl die Kraft der Liebe überwältigend erscheint, gibt es Mächte, die sich als unüberwindbar herausstellen: Nilufars traditionelle Familie, die Gheiss nicht akzeptieren will, politische Bewegungslosigkeit und das sich wehrlose Einfügen in starre Muster.

Mahmud Doulatabadi, der 1940 im Nordosten des Irans geboren wurde, gilt als bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen persischen Prosa und ist aus dem persischen Kulturkreis nicht mehr wegzudenken. Sein über 3000 Seiten starker Roman "Kelidar" hat sich im Iran bisher über 100 000 Mal verkauft, was einzigartig in der iranischen Verlagslandschaft ist. Doulatabadi lebt heute mit seiner Familie - als freier Schriftsteller und Universitätsdozent - in Teheran.

Mit Nilufar schildert Mahmud Doulatabadi eine Liebesgeschichte, die einer Tragödie oder einem Drama sehr nahe kommt. Zwar ist die Liebe, die Gheiss für Nilufar empfindet, schier unendlich, doch die Widerstände gegen die diese Liebe stößt, erweisen sich mit der Zeit als unüberwindbar. Tradition, familiäre Zwänge und Erwartungen geben dem ungleichen Paar keine Chance.

Bei Nilufar ist es vor allem die Erzählweise des iranischen Autors, die das Buch zu etwas besonderem macht. Anspruchsvoll fordert er seine Leser auf, seiner poetisch anmutenden Sprache zu folgen. Da er nicht viele Worte an Beschreibungen oder Erklärungen verliert, ist es zunächst nicht leicht die Handlung zu durchblicken und die Figuren, die nicht vorgestellt werden, einzuordnen. Rätselhaft und undurchsichtig stellt sich die Geschichte auf diese Weise zu Beginn dar. Im Hinblick auf den ganzen Roman stellt sich dieses Muster jedoch als passend und stimmig heraus. Die ganze Erzählung ähnelt einer großen Suche und ist auf die Frage ausgerichtet, wer der alte Mann mit dem Notizbuch ist, den Gheiss zu Beginn der Handlung sieht und verfolgt. Sprachlich arbeitet Doulatabadi viel mit wörtlicher Rede, lässt die Personen des Romans sprechen ohne dabei den Sprecher zu nennen, was einerseits verwirrend ist, andererseits die Worte aber auch von den Figuren löst. Immer wieder durchziehen auch philosophische Zeilen die Seiten, die von diesem Effekt profitieren. Gerade der Stil des Buches verdeutlicht, dass der Roman den Leser nicht nur inhaltlich, sondern auch erzähltechnisch in eine fremde Kultur eintauchen lässt.

Alles in allem ein faszinierender Roman, der sich deutlich von der westlichen Erzählweise abgrenzt, und dadurch ungewohnt und nicht ganz einfach zu lesen ist. Ein anspruchsvoller Text, der ganz sicher nichts für zwischendurch ist, qualitativ aber auf jeden Fall einiges zu bieten hat.

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