Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 687, Übersetzt: Anke Burger
  • New York: Random House, 2012, Originalsprache

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Carsten Jaehner
Empfehlenswerter Einblick in ein skurriles Nordkorea

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2013

Jun Do lebt zusammen mit seinem Vater in einem Waisenhaus an der Ostküste Nordkoreas. Da er in einem Waisenhaus lebt, denken alle, er wäre auch eine Waise, was er aber nicht ist. Eines Tages wird er geholt und soll einigen Soldaten bei der Entführung einer Person helfen. Jun Do bewährt sich, wird in einen Englischkurs der Regierung geschickt und findet sich als Funker auf einem nordkoreanischen Fischerboot wieder.

Jeder Fischer hat eine Tätowierung seiner Frau auf der Brust, nur Jun Do nicht, da er keine Frau hat, und so bekommt er das Tattoo von Nordkoreas berühmtester Schauspielerin Sun Moon verpasst, obwohl Jun Do noch nie einen Film gesehen hat und auch sonst nicht viel von der Welt an sich weiß. Als er inhaftiert wird, lernt er den brutalen Kommandanten Ga kennen.

Kommandant Ga ist mit Sun Moon verheiratet, und nach einem kleinen niedergeschlagenen Aufstand tötet Jun Do den Kommandanten und nimmt dessen Identität an. Von nun an ist er Kommandant Ga und begibt sich auf den Weg zu seiner Frau, die auf einem großzügigen Anwesen in den Bergen mit Blick auf Pjöngjang lebt, ist sie doch der Liebling des Geliebten Führers Kim Jong Il. Jun Dos Leben beginnt sich von Grund auf zu ändern.

Die Denkungsart des Nordkoreaners an sich

Der deutsche Titel von Adam Johnsons Roman Das geraubte Leben des Jun Do macht durchaus Sinn, wenn man einmal den gesamten Roman gelesen hat. "The Orphan Master’s Son", also in etwa "Der Sohn des Waisenhausleiters" wäre die korrekte Übersetzung, aber wenig aussagekräftig, und so lebt man mit Jun Do, der seinen Namen von einem nordkoreanischen Märtyrer übernommen hat, und lernt das Leben und vor allem die Art zu Denken in Nordkorea mit.

Überhaupt gelingt es Johnson, genau diesen Part in seinem Roman hervorragend und für jeden Leser verständlich zu vermitteln. Dass diese Art zu denken außerhalb der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea bestenfalls Kopfschütteln hervorruft, dürfte da nicht erstaunen. Alles, was man macht, macht man zum Wohl des Volkes, der einzelne ist nur Teil eines Kollektivs, letztlich unwichtig und zudem austauschbar. Daher sind auch Entführungen nichts besonderes.

 

"Es ist einfach, in Nordkorea jemanden verschwinden zu lassen. Aber ihn dann wieder auftauchen zu lassen - dazu muss man schon zaubern können."

 

Da es um den Staat an sich geht, ist es auch nicht unüblich, den Nachbarn, den Kollegen, den Untergebenen oder ein Mitglied der eigenen Familie zu denunzieren. Niemand ist etwas besonderes, abgesehen vom Geliebten Führer selbst, wie er immer genannt wird. Alles wird zu seinem Ruhm und zu seinem Gefallen getan, und letztlich wird auch systematisch gelogen, um ihn nicht zu verärgern. Daher kann es auch vorkommen, dass ein Sohn seinen Vater denunzieren muss und dieser dann in ein Arbeitslager kommt.

 

"Siehst du, mein Mund hat das gesagt, aber meine Hand hat deine gehalten. Wenn Mutter jemals so etwas zu mir sagen muss, um euch beide zu schützen, dann weißt du, dass sie und ich uns innerlich an den Händen halten. Und wenn du eines Tages so etwas zu mir sagen musst, weiß ich, dass das nicht wirklich du bist. Du bist innen drin. Und dort drinnen werden Vater und Sohn sich immer an den Händen halten."

 

Der erste Teil des Romans erzählt Jun Dos Geschichte bis zu dem Zeitpunkt, wo er selbst in ein Arbeitslager kommt, damit er sein Wissen nicht mehr preisgeben kann. Johnson malt hier ein Bild Nordkoreas, dass man sich als außerhalb dieses Landes lebender nicht vorstellen kann. Noch immer ist dieses Land isoliert vom Rest der Welt, man weiß recht wenig über die Menschen dort, und wenn man mal das Glück hat, das Land besuchen zu können, ist der Kontakt zur Bevölkerung verboten. Jeder "Tourist" in diesem Land bekommt einen oder mehrere Führer des Staates, die ihren großartigen Staat anpreisen und dem Gast die Errungenschaften Nordkoreas zeigen und alles zum Ruhm des großen und geliebten Führers. Alle anderen Länder sind Feinde, natürlich auch Japan und Südkorea, denen man mit Nahrungsmitteln aushelfen muss, so wird dem nordkoreanischen Volk vorgegaukelt. Besonders die Amerikaner sind der Feind, der hinter jedem Grashalm sitzt und eine Eroberung auf Nordkorea plant, was für den Nordkoreaner an sich völlig irrwenig ist, ist doch sein eigenes das beste auf der Welt und der Amerikaner an sich fehlgeleitet.

 

"Was ist das”, fragte sie. "Es heißt Gi-tar-re. Darauf spielt die amerikanische Landbevölkerung. Das Instrument soll in Texas besonders beliebt sein. Es ist außerdem das bevorzugte Instrument für den sogenannten >Blues<. das ist eine amerikanische musikrichtung die von den qualen handelt durch politische fehlentscheidungen verursacht werden.></.>

 

Dass Jun Do Englisch lernt, damit er für Nordkorea spionieren kann und von einem Fischerboot aus nachts Satelliten abhören kann, bedeutet auch, dass er, wenn spontan eine Delegation nach Amerika fliegt, er als Übersetzer mitkommen muss, ohne überhaupt darüber informiert worden zu sein, was gerade passiert. Zu viel Wissen ist nicht gut, je weniger man weiß, desto besser für den einzelnen. Der zu zahlende Preis ist das Arbeitslager, aber es zählt ja das Volk und nicht der Einzelne.

Schwere Recherche

Adam Johnson war in Nordkorea, und wer ebenfalls Gelegenheit hatte, das Land zu besuchen, wird feststellen, dass das, was er zu erzählen hat, durchaus nicht unmöglich ist, sondern eher sogar wahrscheinlich, wenn auch es für den Nicht-Nordkoreaner skurril und kurios sein mag. Seine Recherchen beruhen daher nicht nur auf eigenen Erfahrungen, sondern auch auf denen von Republikflüchtlingen. So wird der Roman auch auf seine Weise authentisch und bisweilen sogar spannend.

Wenn Jun Do im zweiten Teil die Identität Kommandant Gas übernommen hat und eine amerikanische Delegation zu Gast nach Pjöngjang kommt, um einen Austausch vorzunehmen, ist dies aus mehreren Gründen, die hier nicht verraten werden sollen, der Höhepunkt des Romans. Interessant hier wie auch an vielerlei Stellen des Romans die Ansichten der Nordkoreaner über sich selbst als dem weltweit überlegenen Volk, vor allem gegenüber den Amerikanern.

 

"Was ihr wohl tagein, tagaus in Amerika erduldet, ohne eine Regierung, die euch beschützt, ohne jemanden, der euch sagt, was ihr tun sollt? Stimmt es, dass ihr keine Lebensmittelscheine bekommen habt, dass ihr selbst für euer Essen sorgen müsst? Stimmt es, dass eure Arbeit keinem höheren Zweck dient als dem Erwerb von Papiergeld? Was ist Kalifornien, dieser Ort, aus dem du stammst? Ich habe noch nie ein Bild davon gesehen. Was wird über eure Lautsprecher verkündet, wann geht bei euch abends der Strom aus, welche kollektive Kindererziehung wird in euren Einrichtungen gelehrt? Wohin geht eine Frau mit ihren Kindern am Sonntagnachmittag, und woher weiß sie, dass die Regierung ihr einen guten Ersatzehemann zuweisen wird, wenn sie den ersten verliert? Bei wem schmeichelt sie sich ein, um sicherzustellen, dass ihre Kinder den besten Jungscharführer bekommen?"

 

Solche Sätze sagen mehr über dieses Land aus als viele Berichte, die man liest oder sieht.

Adam Johnson hat mit Jun Do (dessen Namen wohl nicht umsonst dem des allgemein unbekannten "John Doe" ähnelt) eine Figur erschaffen, die als kleines Licht zur Welt kommt und ein Durchschnittsleben lebt und durch ein paar Zufälle eine Art Karriere macht. Johnson schaut durch ihn dem Volk, dem Staat und dem System aufs Maul und schafft eine Reihe von Charakteren, die dies im Ganzen unterstützen. Die Schauspielerin Sun Moon hat schon seit einem Jahr keinen Film mehr gedreht und fühlt sich auf dem Abstellgleis, ihre Kinder dürfen Jun Do nur dann ihren Namen sagen, wenn sie es selber wollen. Im zweiten Teil gibt es noch weitere, teilweise anonyme Erzähler, aber Namen sind ja auch nicht so wichtig, weil sie eh vergessen werden, sobald der Mensch dazu nicht mehr da ist. Und wie man am Beispiel Kommandant Gas sieht, kann der Mensch hinter dem Namen auch durch einen anderen ersetzt werden.

Höhepunkte des Romans sind auch die persönlichen Begegnungen mit Kim Jong Il, der Souverän und Kind zugleich ist. Ihn zu charakterisieren fällt schwer, aber gerade das macht ihn als Staatschef ja aus.

Gerechtfertigter Pulitzer-Preis

Adam Johnsons Roman hat alles, was ein Roman haben muss. Er ist unterhaltsam, kritisch, herzergreifend, kurios, skurril, spannend, hat (wenige) unangenehme Folterszenen, romantische Szenen, Humor, Ironie und wird den Leser beeindrucken und ihm noch lange im Gedächtnis bleiben. Kaum zu glauben und zu unterscheiden, was in diesem Roman fiktiv und was real sein soll. Möglich ist beides, jederzeit, und das macht auch den hohen Unterhaltungswert des Romans aus.

Adam Johnson wurde für den Roman mit dem Pulitzer-Preis 2013 für Fiktion ausgezeichnet, und dies vollkommen zu Recht. Wer die Denkungsart der Nordkoreaner näher kennen lernen will, liegt mit diesem empfehlenswerten Roman goldrichtig, ob er’s glaubt, oder nicht.

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

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