Valerie kocht

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Kindler, 2013, Seiten: 352, Originalsprache

Couch-Wertung:

70
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Kathrin Plett
Valerie kocht - oder wie aus dem Leben eine Nahrungskette werden kann

Buch-Rezension von Kathrin Plett Okt 2013

Kochen, des einen Freud, des anderen Leid. Gemäß Wikipedia meint Kochen: "Im engeren Sinne das Erhitzen einer Flüssigkeit bis zum und am Siedepunkt, im Weiteren das Garen und Zubereiten von Lebensmitteln allgemein, unabhängig von der Zubereitungsart." Darüber hinaus "gehört Kochen zu den ältesten und wichtigsten Kulturtechniken des Menschen". Das Kochen weit mehr ist, als das bloße Zubereiten von Nahrung und das ganze Leben eigentlich aus lauter Küchenanalogien besteht, beweist Maria Goodin in ihrem Roman "Valerie kocht".

Nell hat es im Leben nicht leicht. Als Tochter einer exzentrischen Mutter, die mit einer unerschöpflichen Phantasie ausgestattet ist und in allem und jedem Rezepte und Nahrungsmittel sieht, bleibt ihr ihre eigene Herkunft und Kindheit ein Rätsel. Ihre Mutter blockt jegliche Fragen diesbezüglich ab, oder beantwortet sie mit abstrusen Geschichten, die sich rund um das Thema Essen abspielen. Selbst als ihre Mutter sterbenskrank wird, verweigert sie jegliche Auskunft und Nell wird klar, dass die Geschichten ihrer Mutter die Flucht in eine Scheinwelt ermöglichen. Bleibt nur die Frage: Wovor flüchtet ihre Mutter? Was ist damals wirklich passiert? Nell bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit zu machen.

Maria Goodin, die mit ihrem Mann und ihrer Katze in Hertfordshire, England, lebt, studierte zunächst Englisch und Französisch an der University of Kent, bevor sie für eine Weile nach Frankreich zog. Anschließend ließ sie sich zur Englischlehrerin und später zur Psychotherapeutin ausbilden. Seit einigen Jahren arbeitet sie ehrenamtlich für einen Wohlfahrtsverband für psychische Beratung. "Valerie kocht" ist ihr erster Roman und basiert auf einer preisgekrönten Kurzgeschichte.

 

"Als ich rauskam, war ich noch nicht ganz fertig. Fünf Minuten länger, und ich wäre so groß gewesen wie die anderen Kinder , sagte meine Mutter. Meine blasse Haut führte sie auf ihre Gelüste nach Weißbrot (zu viel Mehl) zurück und fragte den Arzt, ob ich besser aufgegangen wäre, wenn sie mehr Freiübungen gemacht hätte (zu wenig Luft). Der Arzt wollte sich diesbezüglich nicht festlegen, aber die Größe meiner Füße machte ihm ernsthafte Sorgen. Für die nächste Schwangerschaft schlug er meiner Mutter vor, es mit Kopfstand zu versuchen oder sich im Kreis zu drehen (sich auf dem Kopf im Kreis zu drehen wäre ideal, meinte er), das sei dem Mischvorgang zuträglich und würde zu einem besser proportionierten Baby führen."

 

Mit diesen Worten beginnt Maria Goodin ihren Roman und macht damit gleich deutlich, was den Leser die nächsten 348 Seiten erwarten wird: Das Leben als Küchenanalogie. Voller schräger Phantasie konstruiert sie eine Kindheit zwischen bellenden Rollmöpsen, die Gassi gehen wollen, Bockwürsten, die Bocksprünge machen und luftig leichten Baisers, die schon nach dem ersten Bissen zur Küchendecke emporschweben. Wenn Nell Fragen zu ihrer frühen Vergangenheit stellt, bekommt sie von Valerie immer die selben abstrusen Geschichten zu hören, mit denen sie sich jetzt mit Anfang 20 seit langem nicht mehr zufrieden gibt. Nell selbst ist im Gegensatz zu ihrer Mutter eher der Mensch, der Fakten vertraut und inzwischen eine erfolgreiche Wissenschaftlerin. Doch nun ist Valerie sterbenskrank und Nell beginnt nicht nur sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern muss auch feststellen, dass sie auch kaum etwas über ihre Mutter weiß. Nur langsam kommt sie dahinter, dass hinter ihren Lügengeschichten mehr steckt als nur eine blühende Phantasie.

Maria Goodins Roman ist ein Roman, der zunächst vor allem überrumpelt, da ein derartiger Einfallsreichtum, wie ihn die Autorin zu Beginn ihrer Geschichte beweist, völlig ungewohnt ist. Das Leben als eine Art Küchenanalogie darzustellen ist witzig und weckt das Interesse, was da wohl auf den restlichen Seiten folgen mag. Es folgt die Story einer Mutter-Tochter-Beziehung, einer Suche nach der eigenen Vergangenheit und der Herkunft, eine Story vom Abschied nehmen und Tod eines geliebten Menschen und gleichzeitig eine Story vom sich-selber-Finden und der Liebe.

Maria Goodin erzählt ihren Roman aus der Perspektive Nells und bietet die Möglichkeit, sich in die Protagonistin hineinzuversetzen. Sprachlich an die Alltagssprache der jungen Frau angepasst, liest sich der Roman locker und flüssig und besticht durch Witz und Ironie. Das der Roman mit der Zeit an Fahrt verliert und immer vorhersehbarer wird, trübt das Lesevergnügen am Ende jedoch etwas.

Alles in allem ein schöner Roman, der sich in erster Linie durch sein großes Maß an Phantasie und ungewöhnlichen Perspektiven von der Masse abhebt. Auch wenn die Handlung am Ende etwas seicht erscheint, ein unterhaltsames Buch.

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