Alles, was draußen ist

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Jung und Jung, 2013, Seiten: 116, Originalsprache

Couch-Wertung:

83
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Sebastian Riemann
Kühle Überlegungen über das, was drinnen bleibt

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Okt 2013

Totenmasken und eingelegte Embryonen: Bei ihrem Debüt umgibt Saskia Hennig von Lange ihre Hauptfigur mit Erinnerungen ans Leben und zeigt zugleich einen Weg auf, dem Tod bewusst zu begegnen. Ein aufwühlendes Stück neue Literatur, welches melancholisch und nachdenklich stimmt, manchmal auch erschreckt.

Der namenlose Protagonist der Novelle lebt und arbeitet in einem vergessenen Museum der Anatomie, welches wohl schon lange keine Besucher mehr gesehen hat und nur noch für sich allein zu existieren scheint. Einsam ist der Mann, würde der Betrachter sagen, doch er selbst äußert keinerlei Überlegungen die vermuten lassen, dass er seine Lage derart beurteilt, nur hier und da drängen sich zwischenmenschliche Fantasien in seinen sonst so kühlen Geist. Lebensarm ist er zudem, in einem Maße das Schrecken weckt. Sein Umfeld – all die Überreste der Lebenden und Ding gewordener Tod – fängt ihn ein, füllt sein Dasein aus und bestimmt sein Bewusstsein. Der lebendige Geist befasst sich zu großen Teilen mit dem Tod und so bleibt es nicht aus, dass auch bald der Körper der Richtung folgt, die ihm vorgegeben wird. Der Herr des anatomischen Museums schneidet sich zusehends von der Außenwelt und vom Leben ab, wendet sich dem Inneren zu, und dem, was nach dem Tod kommt.

Zwei Erinnerungen wollen nicht aus dem Gedächtnis des Protagonisten verschwinden, schwingen in seinem Kopfe nach wie Töne, die nicht vergehen, sondern auf ewig gefangen sind und denen nichts anderes übrig bleibt als altes Leid immer wieder an die Oberfläche zu bringen, Vergessen und Weiterschreiten zu verhindern. Folglich entwickelt der Mann ein tiefgreifendes Interesse an dem, was von außen in seinen Geist eindringt.

 

"Was ich suchte, war der Weg des Tons, ihm musste ich folgen, von draußen nach drinnen. Und daher nutzten mir die ausgeschlachteten Köpfe des anatomischen Instituts recht wenig, und die Studenten nutzten mir noch weniger, und so begann ich, mir selbst Material zu besorgen ..."

 

Für ihren Debütroman verwendet Saskia Hennig von Lange den Stil des Bewusstseinsstrom, taucht den Leser in die Erlebnis-, Gedanken- und Erinnerungswelt des Protagonisten, wodurch eine große Nähe und viel Verständnis entsteht. Die wirren Gedanken des Museumsbewohners werden somit im eigenen Kontext wiedergegeben, erhalten eine innewohnende Logik und sind geschützt gegen Stimmen von außen. Es ist dem Leser überlassen sich eine Meinung zu bilden, zu erschrecken, zu urteilen und Mitleid zu empfinden. Doch nicht nur der fehlende Erzähler fordert den Leser auf selbständig zu sein, es ist auch die sachliche und sterile Lebenssicht des Protagonisten, in der kaum Emotionen und ein zweifelhafter Lebensdrang enthalten sind.

Unmittelbar hineingeworfen wird man in den Alltag des Erzählers, der im Museum lebt und selten vor die Tür geht, hin und wieder seine Untendruntermieterin grüßt, sonst aber keinen Kontakt zur übrigen Menschheit hat. In seiner Erinnerung spielen die Mitmenschen meist nur Hintergrundmusik, in der Gegenwart leben sie vor allem in seiner Vorstellung und selbst dort werden sie mitunter zum Problem, überfordern den scheuen Einsiedler.

 

"Sie schaute mich an, und ich schaute zurück, und plötzlich müsste ich mich mit der einen Hand, der rechten, am Türrahmen festhalten, mich abstützen und mir mit der anderen auch noch an den Kopf greifen. Denn einen solchen Blick von ihr... könnte ich heute wohl nicht ertragen."

 

Der grobe Verlauf des Romans ist absehbar, vor Überraschungen braucht man sich nicht zu fürchten, aber sicherlich war es nicht die Intention der Autorin den Leser durch plötzliche Wendungen mitzureißen, das ganze Projekt ist vielmehr darauf angelegt diesen besonderen Menschen zu zeigen, der sich aus dem Leben zurückzieht. Zielgerichtet und diszipliniert wird der Weg in die Nichtexistenz beschrieben, ein geradliniger Pfad, vorgegeben durch die Konstitution des Protagonisten. Nach der Lektüre kann man sich eingestehen, dass Überraschungen nicht zu diesem Buch gepasst hätten und ihr Fehlen keineswegs Spannung verhindert.

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