Straße der verlorenen Schritte

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Liebeskind, 2013, Seiten: 448, Übersetzt: Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz
  • Port-au-Prince: Editions Mémoire, 1996, Titel: 'Rue des Pas-Perdus', Originalsprache

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Britta Höhne
Wie Farbe in Schwarz-Weiß-Bildern

Buch-Rezension von Britta Höhne Sep 2013

Da sind diese Bilder: Eine leere Schaukel bewegt sich im Wind. Oder vielleicht ist gerade ein Kind abgesprungen. Die Musik dazu ist tragisch, das Wetter grau in grau. Das Kind, welches aus dem Bild verschwunden ist, übt sich vielleicht in einer wie-weit-kann-ich-springen-Mutprobe. Oder es ist weg. Verschwunden. Bilder wie diese bleiben haften. Bei Szenen wie diesen denken die meisten Menschen einheitlich schlimm. Lyonel Trouillot scheint Meister der grausamen Bilder zu sein. Vielleicht, weil er in einem Land groß geworden ist, in dem ein Menschenleben nichts zählt, wenn der Diktator das nicht will: Haiti.

Straße der verlorenen Schritte heißt der Roman von Lyonel Trouillot, der bereits 1996 erschienen ist. Jetzt hat sich der Liebeskind-Verlag seiner angenommen. Zu Recht: Der Roman ist unglaublich umwerfend, abschreckend, verstörend und doch wissen wollend, wie es weiter geht. Lyonel Trouillot bedient sich dabei einer interessanten Technik. Er lässt unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kreisen die Sicht auf das Geschehen dokumentieren. Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz haben sich der schwierigen Aufgabe angenommen, das Buch ins Deutsche zu übersetzten.

Port-au-Prince, Hauptstadt Haitis.

 

"Geht nicht nach draußen, heute Nacht passiert etwas."

 

Die Luft ist zum Schneiden dick, es wird dunkel, der Strom fällt aus. Die Anhänger der Opposition wollen an die Macht. Sie rebellieren. Doch die Miliz des Diktators, des "großen Verblichenen Ewiglebenden Diktators", wie der Autor ihn nennt, plant ein Blutbad. Mehr noch: Richtet eines an.

Eben in dieser Nacht irrt ein Taxifahrer durch die Stadt auf der Suche nach einem letzten Kunden. Berichtet die Puffmutter des größten Bordells der Stadt aus ihrem Leben und wie sie versucht hat, den jungen Mädchen abzuraten, mit Messern auf ihre Feinde los zugehen.

Zeitgleich flüchtet ein sich liebendes Pärchen in ein Domizil im Abseits der Hügel gelegen, um sich näher kennen und lieben zu lernen. Um zu versuchen, ob Liebe in Zeiten des Aufstandes eine Chance hat.

Lyonel Trouillots Geschichte schreckt ab und holt zurück. Alles in einer Sprache, die der der Poesie nicht weit entfernt ist. Allein der Einstieg in sein Buch, dessen Überschrift Roman fehl am Platze zu sein scheint, irritiert. Schreibt er doch über Windstöße, Böen, Stürme. Schreibt und beschreibt sie und lässt die Leser wissen, dass letztendlich jede Geschichte mit einem Windstoß beginnt. Der gebürtige Haitianer Trouillot, der vor seiner Rückkehr im amerikanischen Exil lebte, spart auch mit Zynismus nicht. Alleine die Tatsache, dass er Alleinherrscher mit dem "großen Verblichenen Ewiglebenden Diktator" beschreibt und dessen Widersacher als Prophet, sagt einiges aus über den Schreiber und über eines der ärmsten Länder der Welt aus. Trouillot zwingt seine Leser, sich die Geschichte Haitis genauer anzusehen. Er selbst hält sich verdeckt. Lässt entdecken. Ob der Diktator François Duvalier, genannt Papa Doc heißt, oder dessen Sohn Jean-Claude Duvalier, genannt "Baby Doc"? Angesichts Trouillots Alter (der Autor wurde 1956 in Port-au-Prince geboren) wird es sich vermutlich um den katholische Armenpriester Jean-Bertrand Aristide, der 1990 mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde, handeln.

Der Roman Straße der verlorenen Schritte ist voller Weisheiten. Jeder Satz eine Überschrift, wenngleich jeder Satz eine Grausamkeit enthält, die schwer auszuhalten ist. Beschrieben etwa wird, wie Besatzer ein Baby aus dem Fenster werfen und einen Vater zwingen, seine Tochter zu vergewaltigen. Trouillot lässt Szenen dieser Grausamkeiten immer wieder kehren. Er lässt nicht vergessen. Macht nicht vergessen, wie die Protagonisten seiner Geschichte eben auch nicht vergessen können. Eigentlich müsste jeder Leser dem Autor böse sein, weil es sich nicht gehört, Dinge wie diese heraus zu schreien. Und er schreit sie heraus, aber leise und in poetischer Sprache. Wenn das geht. Trouillot metzelt nicht, er tötet leise, fortschreitend, aber immer so, dass sich das Messer weiter in die Wunde bohrt. Dabei singt er Kinderlieder: Il était un petit navire qui n'avait ja-ja-jamais navigué. Ein kleines Boot, das niemals fährt. Mehr Grausamkeit geht nicht, auch wenn zum Schluss der Geschichte, oder Realität, oder Real-Fiktion oder was auch immer, der kluge Gedanke aufkommt, dass Menschen aus der Geschichte nichts lernen. Diktatoren kommen und gehen. Töten und werden getötet. Und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

 

"Kommen sie, meine Herrschaften, machen sie nicht solche Gesichter, es hat immer blutige Geschichten gegeben, und dies wird nicht die letzte sein."

 

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