Die Arglosen

  • Kein & Aber
  • Erschienen: Januar 2013
  • New York: Voice / Hyperion, 2012, Titel: 'The innocents', Originalsprache
  • Zürich: Kein & Aber, 2013, Seiten: 432, Übersetzt: Verena Kilchling
Die Arglosen
Die Arglosen
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Rita Dell'Agnese
63

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2013

Denn er weiss nicht, was er will

Seit zwölf Jahren sind Adam und Rachel nun ein Paar. In absehbarer Zeit werden sie heiraten und ihre Stellung in der jüdischen Gemeinde in Nordwestlondon einnehmen. Die Vorbereitungen für den großen Tag sind angelaufen, nichts soll dem Zufall überlassen bleiben. Rachel wünscht sich eine große Hochzeit, in der nicht nur die Abläufe, sondern auch der äußere Rahmen den Gepflogenheiten der Gemeinde folgt. Adam hingegen wünschte sich ein etwas weniger vorbestimmtes Fest. Seine Einwände werden jedoch beharrlich ignoriert. Da kehrt Elli aus New York in den Schoß der Familie zurück. Rachels Cousine hat längst alle Konventionen über Bord geworfen und fällt durch ihre unangepasste Art auf. Ohne es darauf abgesehen zu haben, bringt Elli die ganze festgefahrene Ordnung durcheinander. Sie avanciert zum Traum der Männer, hat sie doch in einem zwielichtigen Streifen mitgespielt und man munkelt auch, sie wäre kein Kind von Traurigkeit. Adam, der die Tugend seiner künftigen Frau hoch einschätzt, fühlt sich von Elli gleichermaßen angezogen wie auch provoziert. Als sie ihn bittet, ihr dabei behilflich zu sein, sich zu einem unauffälligen Mitglied der Gemeinschaft zu wandeln, stürzt die extravagante Elli den jungen Mann in einen Gewissenskonflikt. Er weiß bald nicht mehr, ob er sich nun zu Elli oder doch zu seiner Verlobten hingezogen fühlt. Und je intensiver sich Adam mit Elli beschäftigt, desto deutlicher wird ihm, wie starr die Vorgaben sind, nach denen die Gemeinde lebt.

Die Leserinnen und Leser werden sich im Laufe der Geschichte mehr als einmal die Frage stellen: Ist Adam ein langweiliger Spießer oder kann er über seinen Schatten springen. Denn letztlich dreht sich die Geschichte vor allem um die Frage, ob Adam seinem bisherigen Weg treu bleibt und Rachel heiratet, oder ob ihm der Kontakt mit Elli eine neue Perspektive gibt. Und hier liegt auch der Hund begraben. Das zögerliche Hin und Her des Protagonisten wird – spätestens nach den ersten Szenen langweilig. Man wäre mehr als einmal versucht, ihm zuzurufen, er möge sich doch endlich für die eine oder andere Variante entscheiden. Bringt die Konstellation zunächst eine nette Spannung mit sich, so flacht diese schnell ab und löst sich fast vollständig auf. Spätestens nach dem halben Roman ist die Ermüdungserscheinung so stark, dass es Überwindung kostet, an der Sache dran zu bleiben. Adam schafft es nicht, aus der Mittelmässigkeit hervor zu treten und zu einem Sympathieträger zu werden. Genauso wenig kann Rachel mit ihrer naiven Selbstgerechtigkeit die Herzen des Publikums gewinnen. So werden die Charaktere zu einer Stolperfalle für die Autorin Francesca Segal, die mit Die Arglosen ihren Debüt-Roman präsentiert. Sie bleiben fast durchs Band weg blass und zweidimensional. Einzige Ausnahme bietet hier die Großmutter Ziva, die sich nach ihren Erlebnissen im KZ über alle Zwänge hinweg setzt und für sich eine unangepasste Handlungsweise in Anspruch nimmt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Elli mit ihrer forschen Art Zivas Liebling ist.

Für ihren Erstling hat Francesca Segal bereits einige Preise verliehen bekommen, zudem erscheint der Roman in mehr als zehn Ländern. Das weckt Erwartungen, die jedoch kaum erfüllt werden. Die besonderen Feinheiten, die Pointen erschließen sich höchstens einem Publikum, das mit den jüdischen Sitten und Gebräuchen eng vertraut ist und abzuschätzen vermag, wie progressiv das Verhalten der einzelnen Charaktere in bestimmten Fragen ist. Nicht-Juden dürften sich mit den Vorgaben, auf die das Buch baut, schwerer tun. Francesca Segal hätte es ihnen mit kurzen Erläuterungen zu den jeweiligen Bräuchen vereinfachen können, die Handlungsweise der Protagonisten besser zu verstehen und damit die verborgenen Feinheiten des Romans nicht nur zu entdecken, sondern auch zu genießen. So bleibt der unkundige Leser oft mit einer Szene zurück, deren Bedeutung sich ihm nur ansatzweise erschließt, oder deren Witz ihm nicht bewusst wird, weil er die feinen Zusammenhänge nicht verstehen kann. Es scheint, dass die Autorin hier entweder bewusst eine jüdische Leserschaft ansprechen wollte – oder sich dessen nicht ganz bewusst ist, dass einem uneingeweihten Publikum vieles erklärt werden müsste.

Francesca Segal hat unbestritten Talent zum Erzählen. Sie beweist das in verschiedenen Sequenzen, vermag jedoch das Tempo nicht ganz durchzuhalten. Immer wieder bricht sie ein und lässt den Leser etwas ratlos mit einer sich in die Länge ziehenden Szene zurück. Das und die sich immer wieder in den Vordergrund drängende Frage, weshalb Adam und Rachel überhaupt eine Hochzeit ins Auge fassen, machen Die Arglosen zu einem Roman, der hart erarbeitet sein will. Wer diese Details ausblendet und sich vor allem auf das gesellschaftliche Umfeld konzentriert, wird durchaus auf eine Geschichte treffen, die Einiges bereit hält.

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