Einstieg in Fahrtrichtung

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2013, Seiten: 190, Originalsprache

Couch-Wertung:

75
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Kathrin Plett
Reisen von Mensch zu Mensch

Buch-Rezension von Kathrin Plett Sep 2013

Bahn fahren. Nicht gerade spannend, aber für viele Pendler und Reisende unvermeidlich, wenn sie von einem Ort zum anderen gelangen wollen. Zu allem Überfluss passiert es dabei nicht selten, dass die Züge überfüllt sind, man sich in enge Abteile mit fremden Menschen quetschen muss, mit denen einen bis zu diesem Zeitpunkt nichts als eventuell ein gemeinsames Fahrtziel verbindet. Das Bahn fahren mehr sein kann als ein notwendiges Übel um von A nach B zu kommen, beweist Sia Bronikowski in ihrem neuesten Werk Einstieg in Fahrtrichtung. Gerade volle Bahnen sind für sie besonders interessant, denn wo, wenn nicht hier, ist es einfacher mit seinen Mitmenschen in Kontakt zu kommen und wo lassen sich sonst so viele, unterschiedliche Persönlichkeiten treffen wie in der Bahn?

Sia Bronikowski schreibt in ihrem neuesten Buch die Geschichten von 36 Begegnungen, die sie während ihrer vielen Bahnfahrten gemacht hat. Als Vielbahnfahrerin kommt sie mit zahlreichen Menschen ins Gespräch, die ihr während der gemeinsamen Fahrzeit aus ihrem Leben erzählen. Die Themen reichen dabei weit auseinander, manche berichten von ihrem Beruf, sind Anwalt, Hebamme oder Physiker, andere von einschneidenden Umbrüchen wie der Konvertierung zum Islam oder der Entscheidung für ein Baby. Sei es durch direkte Unterhaltungen oder stille Beobachtungen, jede Geschichte gewährt Einblicke, die einem außerhalb der Bahn wohl verschlossen geblieben wären. Alle Episoden haben ihre eigenen Besonderheiten und zeigen, dass gerade Zugfahrten die ideale Basis für Gespräche sind, die in die Tiefe gehen.

Sia Bronikowski, geboren 1953 in Heilbronn am Neckar, ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Direktorin in einem Bundesamt. Seit den Achtzigerjahren schreibt sie Lyrik und seit 2007 Erzählungen. Sie lebt in Wiesbaden. Sie ist sowohl privat wie auch beruflich viel auf Reisen, wie ihr neuestes Werk erahnen lässt.

Einstieg in Fahrtrichtung ist eine bunte Sammlung an Begegnungen mit Menschen, die außer, dass sie alle mit der Bahn unterwegs sind, kaum etwas zu verbinden scheint. Doch gerade dies macht das Besondere des Buches aus. Mit jeder neuen Geschichte lernt auch der Leser eine völlig neue Person kennen. Jeder einzelnen Persönlichkeit widmet die Autorin ein eigenes Kapitel, in wenigen Seiten gelingt es ihr, die Eigenarten oder Schicksale ihres Gegenübers herauszustellen. Bronikowski schafft es, ihre Gespräche so wiederzugeben, als würden sie sich gerade erst entwickeln. Wie sie selbst in den Unterhaltungen darauf warten musste, dass ihr Pendant mehr und mehr von sich Preis gibt, lässt sie auch ihre Leser mitwarten. Wie bei einer richtigen Plauderei entwickelt sie auch ihre Storys Stück für Stück. In einem Mix aus Gedanken, Beobachtungen und wörtlicher Rede präsentiert sie ihre Mitreisenden, die klar im Mittelpunkt stehen. Gerade ihre Feinfühligkeit wird es sein, die auch ihre Gesprächspartner dazu animiert, sich einer völlig Fremden zu öffnen um von ihren ganz privaten Erfahrungen und Situationen zu berichten. Wie etwa Dietmar, der ihr zwischen dem Toilettengang seiner Frau fast einen kompletten Kochkurs zukommen lässt, obwohl er im Beisein seiner Frau kaum ein Wort hervorbringt, wie diese Bronikowski nach ihrer Rückkehr erzählt:

 

"Dietmar ist ja so ein Schweiger, das haben Sie sicher bemerkt."
"Ja, es war eine wirklich nette Unterhaltung", sage ich, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.
Dietmar verzieht einen Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln. Ich glaube, auch ein leichtes Zwinkern seiner Augen wahrzunehmen.

 

Oder auch der bunte Vogel, der sich einfach ins Abteil quetscht und von allen Anwesenden gerade sie auswählt, um ihr ungefragt von seinem Mallorca-Urlaub zu erzählen. Als er das Abteil verlässt, hinterlässt er ein verwundertes Abteil, dessen Insassen in ein angeregtes Gespräch verfallen, in dem deutlich wird, wie sehr doch das Äußere unser Urteil über Menschen bestimmt:

 

"So ist es doch. Man könnte jemanden einfach fragen. Den Mann vorhin, den haben wir gar nichts gefragt. Vielleicht war alles ganz easy. Er findet Mallorca super und damit basta. Und er wollte uns erzählen, warum es so toll ist. Und es war heiß da, und deshalb hat er kurze Hosen getragen. Und wir denken uns dies und das. Irgendwie blöd. […] Ein harmloser großer, blaugelber Vogel mit nackten Beinen, der uns ein bisschen verwirrt hat, denke ich."

 

Alles in allem ist Einstieg in Fahrtrichtung eine gelungene Sammlung von kurzen Erzählungen. Schon das Lesen der vielen verschiedenen Begegnungen, die die Autorin machen durfte, zeigt, wie spannend es sein kann, sich offen auf seine Mitreisenden und analog auch auf seine Mitmenschen einzulassen. Wenn schon das Nacherleben der einzelnen Kontakte so interessant sein kann, wie außergewöhnlich werden dann erst echte Unterhaltungen sein? Sia Bronikowskis Buch macht neugierig und regt dazu an, sich selber auf Gespräche mit völlig Fremden einzulassen, ohne Ahnung wo sie hinsteuern werden und auf den Moment zu warten, den Sia Bronikowski so beschreibt:

 

"Und dann passiert das Wunder. Jeder ist bereit, einmal etwas Besonderes zu erzählen." 

 

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