Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • München: Nagel und Kimche, 2006, Seiten: 117, Übersetzt: Matthias Strobel
  • Berlin: Wagenbach, 2010, Seiten: 90, Übersetzt: Matthias Strobel
  • Barcelona: Editorial Anagrama, 2002, Originalsprache

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Claire Schmartz
Ein Feuerwerk zur nächtlichen Erleuchtung / Ein Homo faber im Kuriositätenkabinett Colón

Buch-Rezension von Claire Schmartz Sep 2013

César Airas Novelle Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo folgt dem Tagesablauf des Protagonisten Varamo. Varamo hat noch nie etwas geschrieben. Eigentlich ist er ein einfacher Staatsdiener, lebt bei seiner Mutter und war nie verheiratet. Es ist überraschend, dass ausgerechnet er ein meisterhaftes Gedicht verfassen wird. So versucht die Novelle, den Kreationsprozess nachzuempfinden. Sie deklariert sich als literarische Forschung, mittels derer ein Erzähler die Entstehungsgeschichte von "Der Gesang des jungfräulichen Kindes" nachstellen will.

Es ist Zahltag in Colón, einer Stadt am Rande des Panamakanals – doch man händigt Varamo anstelle seines eigentlichen Lohns Falschgeld aus. Er erkennt die Fatalität seiner Situation direkt, ist aber zu gelähmt um etwas zu unternehmen. Zurückgeben kann er das Geld nicht, aber auch nicht ausgeben, denn er läuft Gefahr, verurteilt und eingesperrt zu werden. Dennoch muss er etwas unternehmen, um sich und seine Mutter über die Runden zu bringen. Nach einem Moment der Orientierungslosigkeit auf dem Markt Colóns kehrt Varamo zu Hause ein, wo er sich seinem Hobby widmet: Fische einbalsamieren und zu Skulpturen verformen. Allerdings hat Varamo weder Erfahrungen noch Grundlagen auf diesem Gebiet. Sein Experiment an dem lebendigen Fisch ist eine Premiere, die damit endet, dass der Fisch die Versuche mit Chemikalien überlebt.

Abends bereitet die ahnungslose Mutter denselben Fisch zu, und vergiftet sich und ihren Sohn fast. Doch auch angesichts der bisherigen Geschehnisse wird die Stadt immer verrückter. Auf dem Weg zum Café hört Varamo Stimmen in seinem Kopf, erkennt aber bald daraufhin, dass es sich hierbei um Codes zweier Golfschläger schmuggelnden Damen handelte. Varamo wird Zeuge eines Unfalles der illegalen Wettrennen (die eher "Gleichmäßigkeitsrennen" sind) seiner Heimatstadt. Und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, trifft er im Café auf drei Raubverleger, die ihm den endgültigen Anstoß zum Schreiben geben. So kommt es, dass er sich noch in derselben Nacht hinsetzt und sein Gedicht verfasst: Sein erstes und einziges Werk, das weltweiten Ruhm erlangen wird und dennoch bloß eine Abschrift aller Papiere ist, die Varamo in seiner Hosentasche trägt und die sich im Verlauf dieses verrückten Tages dort angesammelt haben.

Was hier verwirrend klingt, ergibt eine lustige und überzeugende Odyssee. Die vielen kleinen Episoden, die im Alltag Varamos zusammenfließen, begründen die Symbolstärke der Novelle und entwerfen einen fließenden Übergang zwischen Kreativität und Gewohnheit, Verrücktheit und Alltag, Spiel und Ernst – und lassen dabei auf Airas eigenen kreativen Schaffensprozess schließen. Das Wechselspiel zwischen Inspiration und minutiöser Alltagsplanung lässt sich leicht auf das Wirken des argentinischen Schriftstellers übertragen. So ist die Willkür mit der damit einhergehenden Entgleisung des Protagonisten in einem scheinbar ernsthaften Rahmen typisch für Aira. Allein das vom Erzähler deklarierte Genre widerspricht dem Vorgehen des Dichters Varamo, dabei sind diese beiden Personen doch Teil und somit Facetten des eigentlichen Autors.

César Aira ist ein argentinischer Schriftsteller und Übersetzer. Er hat bereits mehr als 70 kurze Bücher verfasst, die vielfach übersetzt wurden. Seinen Stil beschreibt er selbst als "fuga hacia adelante" (Flucht nach vorne), mithilfe derer er sich aus den Sackgassen - in die er sich hineinschreibt - befreit.

Die vielen Situationen bieten wunderschöne Bilder und Metaphern, die einerseits das Leben der Bewohner Panamas darstellen, andererseits aber auch allgemeinere Reflexionen einleiten. Jede Konstellation hat einen neuen Schwerpunkt, jede Situation ihre eigene Komik – sei es die Verwandtschaft leugnende Mutter, das Thema der Improvisation oder die Reflexionen über illegale Autorennen. Alle Thesen werden von Varamo, dem Erzähler oder den Randfiguren erklärt, verkörpert und begründet. César Aira entwirft und verwirft die eigenartigsten Theorien mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. So erinnern die Codes, Reflexionen, skurrile Menschen und verdrehte Regeln teilweise an ein Lewis Carroll würdiges Wunderland mitsamt Bewohnern. Die Novelle lässt eine Begegnung in die nächste münden, und so verharrt man nicht allzu lange bei einer der zahllosen abstrakten Theorien, sondern verschiebt seine Aufmerksamkeit immer weiter auf das zu folgende.

Die Novelle balanciert somit erfolgreich auf dem schmalen Grat der gewagten Form und der inhaltlichen und sprachlichen Stärke und wird zu einem künstlerischen Meisterwerk. Trotz und vielleicht gerade aufgrund seiner Kürze ergeben alle diese Facetten ein großes Bild, über dessen Bedeutung man lange und gerne rätseln kann. Denn aus dem Herumirren Varamos entsteht ein Feuerwerk an Eindrücken, das noch lange nachglühen wird. 

Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo

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