Ich & Monsieur Roger

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Hanser Berlin, 2013, Seiten: 256, Übersetzt: Norma Cassau und Andreas Jandl
  • Montréal (Québec): Les Éditions XYZ, 2011, Titel: 'La petite et le vieux', Seiten: 182, Originalsprache

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Kathrin Plett
Die fabelhafte Welt von Joe-Hélène

Buch-Rezension von Kathrin Plett Aug 2013

Erst acht Jahre alt zu sein - ist ganz schön hart. Vor allem dann, wenn man wie Hélène mit einer besserwisserischen älteren und zwei jüngeren Schwestern zusammenwohnt, eine strenge "Fertig. Aus!"-Mama hat und einen Vater, der seinen Lehrerberuf nur noch mit einer hohen Dosis Alkohol erträgt. Wen wundert es da, dass Hélène davon träumt, wie ihre Serienheldin "Oscar" zu sein: mutig, stark und märtyrerhaft. Um ihrem Wunsch ein Junge zu sein, was ihrer Vorstellung von einem Helden schon viel näher kommt, nennt sie sich fortan Joe und macht sich zwei Jahre älter als sie ist. Als mit Monsieur Roger, einem 80jährigen, stets fluchendem Senior, ein neuer Nachbar einzieht, entwickelt sich zwischen den beiden - auf den ersten Blick so unterschiedlichen Charakteren - eine Verbundenheit, von der beide profitieren.

Hélènes Familie ist alles andere als konventionell. Als zweitälteste von vier Schwestern muss sie sich zum einen gegen die Kommentare und Sticheleien ihrer älteren Schwester Jeanne wehren und zum anderen um ihre kleineren Schwestern Margot und Catherine kümmern. Besonders dann, wenn ihre äußerst autoritäre Mutter wieder zu unnahbar erscheint - oder einfach vergessen hat, für Essen zu sorgen. Da kommt ihr der Zeitungsjob nur zu gelegen, um auch Geld nach Hause zu bringen und es der Mutter heimlich ins Portemonnaie zu stecken, so dass es nicht bei Cornflakes ohne Milch zum Abendessen bleiben muss. Als dann Monsieur Roger einzieht, der mit den absurdesten Flüchen um sich wirft und dem Bier das liebste Getränk ist, wächst zwischen den beiden eine besondere Beziehung. Roger, der eigentlich auf den Tod wartet, bekommt durch das kleine Mädchen neue Lebensgeister und Joe-Hélène selbst einen Aufpasser, der ihr bei einer ihrer morgendlichen Zeitungstouren zum Retter werden soll. Und wie ihre Serienheldin "Oscar" langsam dem Filmtod entgegensteuert, beginnt die empfindsame Hélène, die immer für alle anderen da ist, sich Stück für Stück von ihrem Filmvorbild zu lösen und sich selbst zu finden.

Ich und Monsieur Roger ist der erste Roman der 1974 geborenen Kanadierin Marie-Renée Lavoie. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin unterrichtet sie Literatur am Collège de Maisonneuve in Montréal. Für ihren Debütroman erhielt sie den Prix Archambault.

Einfühlsam und herzlich erzählt Lavoie aus der Sicht der zu Beginn des Romans gerade achtjährigen Protagonistin. Hélène gewährt dem Leser tiefe Einblicke in ihre kindliche Welt, ihre Sorgen, Ängste und Wünsche, die sich doch stark von denen der meisten Erwachsenen und wohl auch denen anderer Kinder unterscheiden. So will sie beispielsweise unbedingt zunehmen und ist ganz verzweifelt als ihre Bemühungen sich auch nach längerer Zeit als vergeblich herausstellten:

 

"Die Magerkeit, diese schamlose Hyäne, nutzte eine genetische Veranlagung und klammerte sich an meinen Knochen fest. Kein Fleisch wollte hier ansetzen; mein Körper war ein Kuchen, der nicht aufging, eine Soße, die nicht andicken wollte, ein Desaster."

 

Witzig und mit viel Humor beschreibt sie die vielen kleinen und großen Katastrophen ihres Alltags, wie etwa das Leben mit der überstrengen Mutter. Diese lässt keine Zweifel an ihrem Erziehungsstil aufkommen und zeigt kein Erbarmen, wenn etwa aus eigenem Verschulden das Essen verpasst wurde:

 

"Wer zu spät kommt, isst mit den Gemalten an der Wand. Fertig aus." Das Mantra meiner Mutter: "Fertig aus".

 

Auch die Begegnungen mit Monsieur Roger laufen zunächst alles andere als harmonisch ab und ärgern die resolute Joe-Hélène, als er sie einfach mit "Hallo, Hühnchen! Bist ganz schön klein für so'n großen Sack!" anspricht, als sie gerade dabei ist ihren Zeitungsjob zu erledigen. Schlagfertig wie sie ist erwidert sie seine Unverschämtheiten und Flüche auf der Stelle:

 

"Hm, meine Mama kann ganz schön schimpfen, wenn ihr was nicht passt. Die wird dir die Hosen stramm ziehen. Pass auf!"

 

Doch mit der Zeit wird Monsieur Roger zu Hélènes Freund, der zur Stelle ist, wenn man ihn braucht und immer einen guten Rat hat, wenn Not am Mann ist. Beide kennen die Macken des anderen und lassen dies den anderen auch ohne Hemmungen spüren:

 

"Es wäre echt super, wenn du nicht immer nur abkratzen willst." "Und du den Möchtegern-Jungen spielst."

 

Besonders authentisch wirkt die Geschichte auch durch den Stil, den Marie-Renée Lavoie gewählt hat. Mit einfachen Worten und der Leichtigkeit eines Kindes geht sie auch auf ernste Themen wie etwa das Alkoholproblem des Vaters, Hélènes Auseinandersetzungen mit Tod, Krankheit oder Armut ein. Besonders komisch wird es immer dann, wenn Hélènes kindliche Moralvorstellungen durchbrechen.

Alles in allem ist Ich & Monsieur Roger ein gelungener Roman, der in seinem französischen Charme und seiner Liebenswürdigkeit in etwa mit Die fabelhafte Welt der Amelie oder Die Kinder des Monsieur Mathieu vergleichbar ist. Unterhaltsam und komisch, bisweilen auch ernst gewährt Marie-Renée Lavoie Einblicke in Hélènes Gedanken, die so aufrichtig und ehrlich daherkommen, dass man das kleine Mädchen einfach gern haben muss!

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Letzte Kommentare:
19.11.2014 18:40:45
ra

Helene ist 8 und lebt mit ihren 3 Schwestern und den Eltern, die beide Lehrer sind, in einem ziemlich heruntergekommenen Viertel. Sie sind nicht arm, aber sie kommen nur mit Mühe über die Runden. Der Vater ist mit seiner Arbeit totunglücklich und beginnt, mehr und mehr zu trinken. Die Mutter, versucht die Familie über die Runden zu bringen, ist aber oft an der Grenze ihrer Möglichkeiten und daher ziemlich hart geworden. Ihr Wort ist Gesetz, obwohl sie im Inneren doch einen weichen Kern hat. Helene macht sich 2 Jahre älter, nennt sich Joe und trägt Zeitungen aus, um so die Familie zu unterstützen. In die Nachbarschaft zieht Roger - ein über 80-jähriger alter verbitterter und einsamer Mann, der ständig flucht. Als er Helene aber vor einer Vergewaltigung rettet, werden sie mehr und mehr Freunde ...
Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit dem Buch. Ich fand einfach keinen Zugang. Es lag nicht unbedingt am Stil, aber ich konnte mich mit den Figuren nicht so recht anfreunden. Helene ist nicht wie ein 8-jähriges Kind, egal in welchem Alter, sie ist immer ihrer Zeit um Längen voraus und spricht auch nicht wie ein Kind. Und das Buch ist aus ihrer Sicht geschrieben. Auf der anderen Seite ist sie auch sehr naiv und lebt mit einer Trickfilmfigur namens Oscar. Ab Mitte des Buches wurde es aber für mich immer besser. Ich bewunderte Helene, wie sie trotz des heruntergekommenen Viertels und ihren familiären Schwierigkeiten nie ihren Humor verliert, immer irgendwie nach vorn sieht, sehr pragmatisch ist und auch sehr optimistisch. Am Ende war es irgendwie ein sehr berührendes und nachdenkliches Buch. Die Figuren konnten sich entwickeln und waren nicht nur schwarz/weiß, sondern mit vielen Facetten dazwischen. Immer blitze auch ein gewisser Humor durch. Alles in allem doch eine angenehme Überraschung und ich würde das Buch weiterempfehlen.

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