Nichts von Euch auf Erden

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2013, Seiten: 512, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Episches Werk über lebende Tote, Mars-Rückkehrer und gewaltige Bücher

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jul 2013

Legen Sie ihren Sicherheitsgurt an und stellen Sie sicher, dass ihre Wertsachen sicher unter dem Sitz oder in einem Schließfach über ihnen verstaut sind. Denn alles was ihnen wert ist wird durch den letzten Roman Jirgl´s kräftig durchgeschüttelt. Ihre Ideen vom lebenswerten Leben und der Menschheit werden einige herbe Schläge hinnehmen müssen, Turbulenzen auf diesem literarisch anspruchsvollem Flug sind nicht zu vermeiden.

Als die Erde von den Menschen an den Rande des Ruins getrieben und ihre Tragfähigkeit erschöpft war, wurde das größte Unternehmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen ins Leben gerufen, das vorstellbar und möglich war: der Überbevölkerung und Kriegsgefahr wurde begegnet, indem man alle bedrohlichen und damit unerwünschten Menschen auf den Mond und Mars schoss, damit sie dort Ressourcen abbauen und neue Siedlungen aufbauen könnten, während sie gleichzeitig einem Gen-Umgestaltungs-Prozess unterzogen würden, der ihnen ihre Ängste und Aggressionen nimmt, sie zu letztlich friedvollen, gesellschaftlich wertvollen Menschen machen würde. Derart würde die Erde ein beruhigter Ort, der wieder lebenswert ist und eine Vollendung der menschlichen Spezies anstreben kann, da sie bereinigt von jenen grundlegenden Makel nicht mehr in den Wirren von Krieg und Elend um ihr Überleben kämpfen müsste, sondern ihr wahres Wesen verwirklichen und dem endgültigen Ziel allen Lebens entgegenlaufen könnte.

Jirgl´s Roman zeichnet mit vielen Details eine Gesellschaft, die ihre Form des Seins und Zusammenseins auf solide wissenschaftliche und vernünftige Argumente und Erkenntnisse baut, sich nicht leiten lässt von kleinlichen Empfindungen, sentimentalen Rückständen alter Kultur oder Ängsten ob der Konsequenzen. Das Resultat ist desaströs. Befremdliche Schauer laufen dem Leser über den Rücken, wenn er über die Umgangsformen, fehlende Bezeugungen von Zuneigung und Lebensideale informiert wird. Das Leben auf Erden wird geleitet durch eine Verneinung all dessen, was vorher – sagen wir in unserer Zeit – als lebenswert galt. Folgerichtig ist das erste Buch des Romans mit "Die Toten" überschrieben. Die Erdlinge sind im Verlaufe ihrer Forschungen und Überlegungen zu dem Schluss gekommen das Evolution, das Fortbestehen und Weiterentwickeln von Leben, eine Fehlfunktion darstellt, dass vielmehr Sterben das Ziel allen Lebens ist und deshalb erstrebenswert ist. Ja, die Menschen wollen sich abschaffen, um ihrem Wesen gerecht zu werden, und sie tun es "frohen Mutes".

Die Rechnung wurde jedoch ohne ESRA gemacht. Die Expedition zur Sicherung für die Rückkehr der Außerterrestrischen schickt sich an die Verhältnisse auf dem Heimatplaneten der Menschen grundlegend zu ändern. Die Errungenschaften der jüngsten Geschichte sollen rückgängig, Regierungen wieder eingesetzt, Geld eingeführt und Separationen aufgehoben werden. Die Rückkehrer tun dies mit nichts Anderem als dem Recht des Stärkeren; sie sind den verweichlichten, dem Tode entgegenstrebenden Erdlingen gänzlich überlegen und müssen nur mit wenig Widerstand rechnen.

Den Sieg im Kampf der Lebensformen trägt jedoch eine ganz andere Gruppe davon. Jirgl lässt doch tatsächlich die gesamte Menschheit auslöschen, durch eine Errungenschaft derselbigen. Sich selbst schreibende Bücher übertreffen den Homo sapiens an Intelligenz und erkennen, dass sie das schönste Dasein führen können, sobald ihre einstigen Erschaffer das Zeitliche gesegnet haben. In einer überraschenden Wendung nutzen sie den Protagonisten des Buches, um sich selbst in Mond-Archive zu retten, bevor sie über den Zentralrechner sowohl den Mars als auch die Erde vernichten. Man fühlt sich durchaus vor den Kopf gestoßen.

Auf der Erde erscheint die Zielsetzung zur Vermeidung von Fehlern oftmals als Entmenschlichung, als vernünftiger Weg zum Sterben, während das Fortfahren im bereits bekannten Chaos mit Leid und Ungerechtigkeit behangen ist. Weder die eine, noch die andere Form des Seins kann sich gegenüber der Anderen behaupten und es bleibt der Eindruck, dass die vollständige Vernichtung das einzige Mittel zur Lösung dieser Frage ist. Einzig die Schrift überdauert, losgelöst von alten Verbindlichkeiten der Verfasser und mit dem traumhaften Ziel sich selbst zu genügen.

Reinhard Jirgl (Jahrgang 1953) gehört zur ersten Garde der zeitgenössischen Literatur in Deutschland, wurde mit nahezu allen wichtigen Preisen und Auszeichnungen bedacht, darunter der überaus renommierte Georg-Büchner-Preis. Seine Bücher befassen sich oft mit der jüngeren deutschen Geschichte, den Existenzen in DDR und BRD. Jirgl wuchs auf und schrieb in Ostdeutschland, wo seine Bücher jedoch nicht gedruckt wurden, Publikationen und Anerkennung kamen erst in den 90er Jahren.

Der Stil des Autors verdient besondere Beachtung, da er vom Leser Aufmerksamkeit und wahrhaftiges Interesse fordert. Jirgl schreibt nicht wie Hinz und Kunz, verwendet Worte und Satzzeichen nicht nach den Regeln, die wir in der Schule erlernten, sondern stellt die Schrift in den Dienst der phänomenologischen Kommunikation – die ungewöhnliche Taktung verwirft den alltäglichen Wortfluss und schafft ein ungewohnt rhythmisches Eintauchen in die Welt des Romans. Leichte Kost darf man also nicht erwarten, aber sehr wohl ein Leseerlebnis, welches nachhaltig beeindruckt und bereichert, denn derartige Erfahrungen beim Lesen sind äußerst selten.

Der Autor verfasste zwar ein futuristisches Buch, lässt es jedoch nicht an Verbindungen zur Gegenwart ermangeln, immer wieder finden sich Spuren unserer jetzigen Existenz:

 

" ...im Sommer des Erdjahres 1976, die Orbitstation von einer Viking-1-Mission die Cydonia-Region fotografierte & die Aufnahmen zur Erdstation im damaligen Nordamerika sendete, gerieten die-Wissenschaftler=dort in helle Aufregung:Eines der Fotos zeigte eine Formation, die einem !menschlichen-Gesicht ähnelte; ein Gesicht, auf glattem Untergrund liegend, das ins=Weltall blickte -."

 

Hinzu kommt eine dauerhafte Referenz zum biblischen Priester Esra, der gemäß dem Alten Testament vom persischen Hof nach Jerusalem geschickt wurde, um in der jüdischen Gemeinde Recht und Ordnung zu etablieren. Esra war eine zentrale Figur in der geschichtlichen Epoche der Rückkehr der Juden in ihre Heimat und eine treibende Kraft hinter der ethnischen Trennung von Ehen in Jerusalem. Die Zitate aus dem Buch Esra geben dem Roman somit nicht nur einen epischen Charakter und schlagen die Brücke zur bekannten Geschichte, sondern verleihen dem Konstrukt der zukünftigen Gesellschaft eine geschichtliche Plausibilität.

Die Motive im Buch sind vielfältig, reichen von Rache der Verstoßenen über Globalisierungs- und Biopolitikkritik bis zu Revolutionen aufgrund ausbeuterischer Verhältnisse, und alles verbindet der Autor mit fein ausgearbeiteten Handlungssträngen und detaillierten Konstruktionen jener zukünftigen Welt. Ein großartiges Werk, das seinesgleichen sucht, aber auch eine Herausforderung, die dem einen oder anderen Leser wohl zu groß sein wird.

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