Die unendliche Bibliothek

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2013, Seiten: 384

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Sebastian Riemann
Borges´ Geflecht aus Lesern und Büchern

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jul 2013

Borges war nicht nur großer Schriftsteller, sondern auch außergewöhnlicher Freund des Lesers, dem er seine ganze Aufmerksamkeit widmete und dessen Verständnis er mit vielerlei Können immer wieder durcheinander brachte. Wer Borges liest muss sich stets fragen was er liest, was er zu lesen vorhatte, was er vor Kurzem noch zu lesen glaubte und wie er liest – es ist eine Selbstfindung als Leser und eine Neuentdeckung der Schrift, die Borges alter Strukturen beraubte, damit sie das gesamte Universum einnehmen kann. Die unendliche Bibliothek ist eine erlesene Auswahl, die durch das Denken des großen argentinischen Schriftstellers führt und den Leser vertraut macht mit jenen Themen, die sein Schaffen prägten.

Die Sammlung ist ein Blick hinter die Kulissen, sie offenbart dem Leser Einblicke in den Geist eines sachkundigen Literaten, der sich mit Hingabe dem Fach verschrieben hat. Scheinbar lose Überlegungen gehen Hand in Hand mit fundierten Analysen und Kritiken einzelner Schriftsteller und Bücher aller Genres. Die Themen, derer er sich dabei annimmt, sind vielfältig, reichen von Kafka´s Vorgängern über unterschiedliche Übersetzungen der 1001 Nacht, Einblicke in die Ideenwelt eines KZ-Leiters bis hin zu Fragmenten eines angeblich apokryphen Evangeliums. Den Kern der Ausgabe bilden aber selbstverständlich die kurzen, aber großen Erzählungen Borges, in denen er kunstvoll mit dem Thema Literatur umgeht, es an seine Grenzen treibt und die Auffassungsgabe des Lesers herausfordert. Nachfolgend eine kleine Auswahl...

Ja, die Bücher sind die Helden, so auch in der Erzählung über einen mysteriösen Enzyklopädieeintrag über Uqbar, einen Ort, der scheinbar nicht existiert, über den aber geschrieben werden kann. Borges erzählt, wie der Text zur intellektuellen Suche nach Uqbar und letztlich zur Entdeckung einer Enzyklopädie führt, die sich mit Uqbar und seinen Bewohner befasst. So wandelt er den Mangel an schriftlichen Dokumenten in einen Reichtum an Informationen – denn natürlich sind die Bände über Uqbar nichts Geringeres als das größte literarische Projekt der Menschheit! Damit geht einher ein Wechsel des Erzählstils: zu Beginn liest sich die Erzählung wie ein Bericht über vergangene Recherchearbeiten zweier Freunde, wandelt sich aber in dem Moment da die Suche nach Informationen über Uqbar erfolgreich ist und wird zu einer Schilderung jenes Ortes und seiner Bevölkerung, welche sich durchaus philosophisch ausnimmt. Das Wort wird zur Tat und diese zur Verwirklichung in der Welt, wodurch das Wort die Welt prägt, mehr als nur bloße Abbildung wird.

Die kreisförmigen Ruinen handelt von einem Magier, der sich vornimmt eine Person so detailliert zu träumen, dass er sie der Wirklichkeit aufzwingen kann. Sein Vorhaben droht zu scheitern, weil er in seiner Methodenwahl fehlte, wird aber doch noch realisiert, wenn auch mit mehreren Jahren Verzögerung. Seinen Sohn, so nennt er den erschaffenen Geist, schickt er zu den Resten eines Tempels am Oberlauf des Flusses, während er selbst bei den kreisförmigen Ruinen verbleibt. Aufgrund einer Dürre bricht Feuer in der Nähe aus und erreicht den Magier, der nicht flieht. Als er inmitten der Flammen steht und nichts spürt erkennt er, dass er nur eine Person im Traum einer anderen Person ist. Der Alte mit dem Pudel lässt grüßen...

Pierre Menard, Autor des Quijote befasst sich mit einem fiktiven Schriftsteller, der sich vornimmt einen bereits bekannten Roman neu zu schreiben. Es bleibt dabei unklar inwiefern die neue Version des Romans Änderungen enthält oder aber eine Übernahme Wort für Wort, Zeichen für Zeichen ist. Borges ergeht sich ausführlich in den Unterschieden zwischen Original und Neufassung, betont gleichzeitig die völlige Identität der beiden Werke. Er zitiert eine wort-, aber nicht zeichen-gleiche Stelle der Bücher, ergänzt sie mit zwei unterschiedlichen Kommentaren und wirft den Leser somit auf die Problematik des Lesens zurück, unverblümt, direkt, nahezu anklagend.

Herbert Quain ist ein weiterer fiktiver Schriftsteller, dessen Werk Borges analysiert und ihn auf reale Autoren bezieht, gerne auch mit Quellenverweisen. Das Hinüberholen Quains in die Welt der realen Literatur gipfelt in der Aussage Borges, dass er von ihm die Erzählung der kreisförmigen Ruinen entliehen hat.

Die Bibliothek von Babel ist das Universum der menschlichen Sprachen, sie umfasst alle möglichen Bücher, die in sich alle möglichen Kombinationen von Schriftzeichen beherbergen. Der Großteil der Bücher trägt somit keinen Sinn, besteht aus wilden Aneinanderreihungen von Buchstaben und verwehrt dem Leser den Zugang zum Inhalt – jedoch nicht wirklich, denn irgendwo in der Bibliothek muss es ein Buch geben, welches das Erlernen einer scheinbar sinnlosen, chaotischen Sprache ermöglicht. Doch wie findet man das entsprechende Buch, um das andere Buch zu verstehen? Natürlich mittels des Kataloges der Bibliothek, aber es bleibt die Frage, wo sich dieser Katalog befindet. Sein Standort muss aber unweigerlich in einem anderen Buch festgehalten sein und wo dieses Buch steht, jenes mit dem Hinweis auf den Katalog, muss auch verzeichnet sein, in einem anderen Buch. Dergestalt ziehen die Gedanken Borges und mit ihm der Leser durch die unendlichen (?) Tiefen der Bibliothek von Babel, mit dem einzig trostvollen Gedanken beladen, dass die Bibliothek zyklisch ist und somit doch nicht gänzlich unbegreiflich.

Borges und Ich widmet sich der doppelten Identität, die auch sonst beständig Eingang in die Texte des Argentiniers findet, meist in Form von Spiegeln. Das Ich schreibt über Borges, die Gemeinsamkeiten, die sie teilen und wie es in ihm verbleiben muss. Der Text nimmt lediglich eine Seite ein und schließt mit dem Zweifel wer der Verfasser ist, Ich, also Borges, oder Borges.

Das Aleph bezeichnet den ersten Buchstaben im Hebräischen und in der gleichnamigen Erzählung einen Punkt, welcher in sich alle Punkte des Universums vereint, ohne dass diese sich dabei überlagern oder transparent sind. Es erlaubt dem Glücklichen, der es erblickt, einen Einblick in die Gesamtheit in Form seiner Teile, es erlaubt dem menschlichen Auge für eine gewisse Zeit göttlich zu werden, sich über alle Schranken hinwegzusetzen. Borges berichtet von seiner Bekanntschaft mit einem Mann, den er nicht leiden und dessen epische Prosa er nicht billigen kann. Als er um einen Gefallen gebeten wird, der Publikation behilflich zu sein, kann der renommierte Borges nicht anders, als der Bitte nicht nachzukommen und den Dichter mit einer Ausrede abzuspeisen. Die unliebsame Bekanntschaft wird erst interessant als Borges vom Aleph im Keller des Anderen erfährt. Nach der göttlichen Schau des Universums kann er trotzdem nicht anders als seinen Gastgeber nachlässig zu behandeln, denn trotz dem Geschenk, dem Blick ins Aleph, kann er für diesen Mann keine Sympathie entwickeln.

Die Sammlung ist eine Bereicherung für jede Bibliothek, eine gute Einführung in das Werk jenes legendären Schriftstellers, dessen Einfluss in der zeitgenössischen Literatur vielerorts spürbar ist. Die ergänzenden Worte Alberto Manguels am Ende des Buches vermitteln einen lebendigen Eindruck vom Wesen des alten, blinden Borges, allerdings wünscht man sich mitunter Kommentare und Ergänzungen, die weiter gehen würden, um das Verständnis für die raffinierten Texte auf ein solides Fundament zu stellen.

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