Die Straße

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 193, Originalsprache

Couch-Wertung:

84

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Sebastian Riemann
Essay-Roman über die Jugend in Wetterau

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2013

Mehr als nur schlüpfrige Kindheitserinnerungen: in seinem neuesten Buch beschreibt Andreas Maier nicht nur die verspielt-experimentelle Sexualität kleiner Kinder, sondern auch die Pädophilie in der deutschen Provinz der 70er Jahre. Ein bedrückendes und brisantes Thema, welches nicht einfach zu bearbeiten ist. Auf zweifache Weise wird es entfaltet, dem Leser dargeboten: Zum einen zeigt der Autor Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit auf, zum anderen geht er über das persönlich Bekannte hinaus, verdeutlicht die allgemeine Verlogenheit, die zwischen falscher, bürgerlicher Prüderie und einem Sexualtrieb herrscht, der jede Gesellschaftsmoral vernichtet. Es ist eine ernste Abrechnung, die in kühlem Ton offenlegt, wie selbstverständlich Kinder missbraucht wurden, wie inkompetent eine ganze Gesellschaft mit Körperlichkeit und Gelüsten umging, wie bereitwillig Fehlverhalten und Lügen geduldet wurden. Das Buch ist eine Anklage gegen kollektives Wegschauen und Vergessen. Maier steht jedoch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger vorm Leser, nicht mit dem Gesetzbuch, auch nicht mit humanistischen Idealen – seine Sprache ist nüchtern, er verlässt sich auf kurze, aber prägnante Erzählungen und Ausführungen, die den Leser auffordern sich zu empören. Aufwühlend wird das ganze Unternehmen aufgrund seiner Doppelthematik, die sich entwickelnde Sexualwelt der Kinder, einerseits zwischen den Kindern selbst, andererseits als der Bereich, der von den Pädophilen gestürmt wird. Beides liegt abseits der bürgerlichen Welt und verschwindet in einem schwarzen Loch, wo es niemanden belästigt, wo es vergessen bleibt. "Down the Rabbit-Hole" liegt diese zweite, geheime Welt.

Mit nahezu wissenschaftlicher Sprache beschreibt Maier das Natürliche im Leben der Familien in der Wetterau. Natürlich sind die Doktorspiele der Kinder, welche in einem Moment mit unschuldiger Lust vollzogen und kurz darauf gleichsam unschuldig geleugnet werden, da sie zu einer Realität gehören, die nur im Geheimen, nur versteckt unter der Schicht von normalem Verhalten existiert und deshalb nicht angesprochen wird. Natürlich sind die Väter, die ihre kleinen Töchter und die hübschen Freundinnen der kleinen Tochter auf ihrem Schoß wiegen, ihnen sagen wie schön sie doch sind. Natürlich sind die Mütter, die den Vätern bedeuten, die kleinen Mädchen abzusetzen. Über sexuelles Vokabular verfügen die Kinder noch nicht, für sie existieren diese Dinge in einer anderen Sphäre, eine die sie später leugnen werden. Die Eltern verfügen über das entsprechende Vokabular, benutzen es jedoch nicht, man spricht nicht über Sex, nicht über unsittliches Verhalten, Gelüste und Fälle von Missbrauch, zu denen Maier übergeht, nachdem er den Leser sachte an die Thematik herangeführt hat.

Der zweite Teil des Buches beginnt leider mit einer zu ausführlichen Kritik an der Jugendzeitschrift Bravo, insbesondere der Dr.-Sommer-Seite, die den jungen Lesern Wörter an die Hand gab, um über ihre Sexualität reden zu können. Ein misstrauischer Blick auf den Einfluss einiger, weniger Leute, die in einer weit entfernten Redaktion saßen und letztlich das sexuelle Schicksal unzähliger Jugendlicher prägten, ist sicherlich angebracht und auch interessant, wird vom Autor aber unnötig in die Länge gezogen und strapaziert die Nerven des Lesers. Maier fährt dann fort mit einer allgemeinen Darstellung von familiären Problemen, wie der Streit über Ausgehzeiten, Schminken etc. Das Buch ist zu diesem Zeitpunkt kein Roman, es gibt weder Charaktere noch einen Handlungsstrang, vielmehr handelt es sich um einen Essay. Der Autor behandelt verschiedene Aspekte des Phänomens der Jugend in der Wetterau, analysiert, kommentiert und spricht über Allgemeinheiten. Mütter und Töchter spielen hierbei eine große Rolle, die Veränderungen in der Beziehung zwischen beiden Personen werden ausführlich behandelt, kritische Situationen mit viel Geduld zerlegt. Der Autor hat ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche, welches ungesagt bleibt, er holt es mit klaren Worten aus den Köpfen:

 

"So sitzen sich beide Parteien gegenüber und wissen: Wir trauen einander ganz grundlegend nicht mehr. Ich glaube dir nicht, was du mir sagst, und du glaubst mir nicht, was ich dir sage."

 

Damals sollten aus den jungen Damen später Hausfrauen werden, Ehefrauen, die das Haus und die Kinder hüten, während der Mann das Geld verdient. Aber die Mädchen in Wetterau verehren die US-amerikanischen Soldaten, welche nach dem Krieg dort stationiert wurden, sie kommen aus einer aufregenden Welt, in der so viel möglich ist, während in der Heimat Wetterau einzig die Eintönigkeit regiert. Die "barracks" der Soldaten werden zum gelobten Land, in welchem es Kaugummi und Bier aus den USA gibt, kleine Strohhalme, an denen die Mädchen sich festhalten, um ihrem tristen Schicksal in der Provinz zu entfliehen.

Nach all den allgemeinen Darstellungen und Kommentaren geht der Autor letztlich doch dazu über den Roman wieder aufleben zu lassen, seine Schwester dient ihm als Personifikation der Sehnsüchte nach einem anderen Leben. Er erzählt von ihr, ihren Treffen mit einem GI, der sogar ins elterliche Haus eingeladen wird und sich sichtlich unwohl unter den deutschen Hinterwäldlern fühlt. Diese sehr lebendigen Anekdoten geben dem Buch einen großen Unterhaltungswert, entschädigen den Leser für den Ausflug in die Welt der Essays, welcher ein wenig ermüdend war. Schuld daran ist Maiers Antrieb, die Sprache präzise zu verwenden. Er berichtet vom Betrug seiner Eltern, die von allerhand reden, nur um nicht über Sex reden zu müssen – die Sprache wird zum Komplizen der Prüderie und will den Kindern etwas verwehren, was sie auf dunkle Weise schon kennen und zu dem sie sich hingezogen fühlen. Der analytische Sprachstil über große Strecken des Buches will das Gegenteil, will enttarnen und das wiederholen, was den Kindern damals vorenthalten wurde.

Offenlegen will der Autor aber nicht nur den sprachlichen Missbrauch, sondern auch den physischen, dazu berichtet er von alten Männern, die Kinder auf dem Weg von der Schule zum Elternhaus abfangen und in ihre Hexenhäuser locken. Diese Darstellungen nehmen wenig Platz ein, bilden aber einen wichtigen Teil des Buches, da sie Konsequenzen einer Kultur des Schweigens zeigen. Beschrieben werden die Taten der alten Männer nur sporadisch, was der Autor mit  Authentizität begründet – im Dunkel versinken die Details, die Erinnerung versagt bei jenen traumatischen Erinnerungen und deshalb kann jede nachträgliche Schilderung nur schemenhaft bleiben.

Den großen Schlusspunkt bildet das Schicksal eines amerikanischen Austauschschülers, der apathisch im Maierschen Hause umherläuft. Er redet kaum, isst aber umso mehr und wird bald zum Kettenraucher. Wie sich herausstellt, wurde er in der vorherigen Gastfamilie sexuell misshandelt und isolierte sich seitdem immer mehr von der Außenwelt. Eine symbolische Zerstörung der kindlichen Wünsche: Amerika steht für die Sehnsucht der jungen Menschen im Wetterau, und die wurde missbraucht - ein düsteres Fazit.

Das Buch ist sehr ambitioniert, versucht zwei Aspekte eines Themas gleichzeitig zu durchleuchten, mit Stilmitteln, die im Micro-Kosmos des Buches ihre Rechtfertigung haben, aber dem Leser doch öfters das Lesen schwer machen, und so wird die Lektüre manchmal verwirrend. Vieles bleibt diffus, obwohl sich um klare Sprache bemüht wird und so geschieht es, dass sich das literarische  nicht immer mit dem gesellschaftlichen Projekt verträgt. Trotzdem muss man Maier danken für sein mutiges, ambitioniertes Buch, welches das Augenmerk auf ein schwieriges Thema lenkt, sich nicht scheut persönlich zu werden und die Allgemeinheit anzuklagen.

Die Straße ist nur ein Teil des großen literarischen Projektes, welches Maier unternimmt, um sein Aufwachsen in der Region Wetterau für die Nachwelt festzuhalten. Das Haus und Das Zimmer bildeten den Auftakt und es werden wohl noch viele Bücher folgen, der Autor selbst hat es sich vorgenommen elf Bände zu schreiben.

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Letzte Kommentare:
03.02.2014 12:13:45
Gerald Knöß

Sehr sorgfältige und ausführliche Rezension. Was ich in großen Zeitungen dazu gelesen habe, fand ich vergleichsweise harmlos, lasch und ungenau – Deine ist, besonders was die kritischen Aspekte gegen Ende betrifft, viel klarer und ehrlicher.
Ich teile auch deine Ansichten, was den missglückten Genremix und die analytische Sprache betrifft. Mir ging es so, dass ich den Roman zügig las, dank einiger schöner Anekdoten zunächst auch gerne, doch nach und nach stieß mir der Jargon auf, er hat etwas gleichzeitig Verklemmtes und Besserwisserisches, ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, wie ich es formulieren soll. Du schreibst zurecht, dass das Literarische leidet («Welt des Essays»). Ich fand allerdings, dass es dem Autor nicht gelang, sprachlich etwas zu enttarnen, empfand es eher so, als bediene er sich der sprachlichen Versatzstücke von damals, um sie endlos zu wiederholen, besonders seine Lochmetapher. Vielleicht mache ich mir die Mühe und schreibe auch noch eine kleine Rezension auf meinem Blog. Deine ist jedenfalls wirklich sehr gut, ich werde Dich jetzt gleich auf meinem verlinken. (lesensehendenken@blogspot.com)

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