Der Mann auf dem blauen Fahrrad. Träume aus einer alten Kamera

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2013, Seiten: 192, Übersetzt: Verena Reichel

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Sebastian Riemann
Eine verwirrende Fotoserie

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2013

Fotos bilden sonderliche Erinnerungshilfen: sie halten einen Ausschnitt der Vergangenheit fest, schützen ihn gegen Vergessen und Verzerren, lassen jedoch alles außerhalb ihres Fokus in einem dunkler werdenden Schleier versinken. Geschichten können nicht von Fotos erzählt werden, sie benötigen stets die Worte eines Erzählers, der Bedeutung gibt, Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigt. Lars Gustafsson hat sich für seinen neuesten Roman dieser Aufgabe angenommen, er wählte zehn Fotos als Bezugspunkte, um eine Geschichte zu erzählen. Bild wird durch Text ergänzt, ein ungewöhnliches Konzept für einen Roman, aber ein interessantes. Entstanden ist ein unterhaltsames Buch, hervorgegangen aus einem schönen Projekt.

Janne hat einen schlechten Tag erwischt. Es ist die Nachkriegszeit in Schweden, die meisten Tage sind wenig erfreulich, aber dieser eine Tag tut sich hervor und lässt Janne an seinem Dasein zweifeln. Der Winter naht, das Wetter ist schlecht, der Erfolg im Job ist gering, der Job selbst nur eine Notlösung, es kriselt in der Ehe, und zwar nicht zu wenig. Das Szenario ist wie geschaffen, um einen jungen Mann mit seinem blauen Fahrrad auf Sinnsuche zu schicken. Doch der Eindruck täuscht. In einem großen, weißen Herrenhaus strandet der unglückliche Verkäufer, auf der Suche nach Kunden und einem kleinen Erfolgserlebnis. Stattdessen findet er jedoch skurrile Gestalten und Fotografien, welche von einem Dichter gemacht wurden. In diesem Moment verschmilzt Janne ein wenig mit dem Leser und dem Autor, er sinniert über die Abbildungen.

 

"Er verstand, warum dieser Poet diese Bilder gemacht hatte – sie waren Elemente, natürlich einer Erzählung, Fragmente, die zusammengefügt werden konnten. Aber wie? Es war ein wenig wie ein Kreuzworträtsel."

 

Lars Gustafsson ist Schriftsteller und Philosoph. Er wurde 1936 in Västeras, Schweden, geboren und verfasste seit den 50er Jahren Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Essays, später war er auch als Dozent in Texas und Tübingen tätig. Sein Werk ist umfangreich, er wurde mehrfach im In- und Ausland ausgezeichnet, darunter die Goethe-Medaille im Jahre 2009.

Sein Umgang mit Erinnerungen ist interessant und verdient Anerkennung, gerade weil er nicht versucht, die einzelnen Elemente in Einklang zu bringen. Gustafsson erzählt eine Geschichte, die holpert und Verwirrung stiftet, sie ist kein sich schließender Kreis, kein fein gestricktes Konzept. Die Fotos ergeben nicht einfach eine Geschichte, sie sind bizarr und oft stehen sie in keinem erkennbaren Zusammenhang. Es bedarf also eines kreativen Aktes des Autors, um sie zu verbinden. Trotz vieler geschlagener Brücken muten einzelne Fotos und die dazu gehörigen Passagen aber komisch, ja mitunter fehlplatziert an.

Unverhohlen schafft der Autor Erinnerungen, vertraut dabei auf seine Vorstellungskraft und Intuition, ignoriert den vermeintlichen Zwang der Kohärenz und verzichtet darauf, die Erinnerungen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Er lässt vielmehr Absurdes bestehen, versucht es nicht so lange zu biegen, bis es sich geschmeidig in die große Erzählung einfügt, sondern orientiert sich immer nur an einem Foto. Das Ergebnis kann verwirrend wirken, ist aber näher am wahren Wesen von Erinnerungen, denen oft genug die Kohärenz fehlt und die uns verleiten, nachträglich Zusammenhänge zu erschaffen. Gustafsson schafft sich durch diese Methode viel Freiheit und kann eine Geschichte erzählen, die den Leser unterhält, und bei dessen Lektüre die Frage nach Authentizität vergessen werden sollte. Denn – so sagte schon Aristoteles – es ist nicht die Aufgabe des Dichters das Vergangene zu rekonstruieren, sondern zu zeigen, was geschehen sein könnte. Und genau das tat Lars Gustafsson.

Der Mann auf dem blauen Fahrrad. Träume aus einer alten Kamera

Der Mann auf dem blauen Fahrrad. Träume aus einer alten Kamera

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