Aléas Ich

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Osburg, 2013, Seiten: 384, Originalsprache

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85

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Sebastian Riemann
Rollenspiel von Fiktionen und Realitäten

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2013

Inwiefern spiegeln belletristische Bücher reale Geschehnisse und Personen wieder? Viele Leser wünschen sich einen hohen Realitätsgehalt oder möchten zumindest in der Annahme lesen, dass die unterhaltsamen und interessanten Wendungen des Romanlebens ein mögliches Pendant im Alltäglichen haben. Viel Reiz und Spannung verströmt ein Buch, indem es in uns die Vermutung weckt, dass das eigene Leben ähnlich spektakulär sein kann, wie in einem Roman, gerade weil der Roman an das normale Leben anknüpfen kann. Diese Verbindung wird verstärkt durch scheinbar authentische Charaktere, zu denen der Leser eine Beziehung aufbauen kann.

Aléa Torik widmet sich in ihrem neuen Buch dem Thema Fiktionalität, in ansprechender, unterhaltsamer und komplexer Weise. Ein literarischer Leckerbissen für diejenigen, die das Wort als Mittel der Kunst sehen und nicht nur als Vehikel für Spektakel.

Aléa, die Autorin und ebenso Protagonistin des Buches, sitzt in der Grimm-Bibliothek in Berlin Mitte und schreibt Aléas Ich. Authentischer kann ein Buch nicht beginnen, doch bereits auf der zweiten Seite wird wieder Alles zunichte gemacht, ein menschlicher Körper fällt durch ein Deckenfenster, hinein in die ruhige Lese- und Schreibwelt der Bibliothek. Aléa schreibt weiter an ihrem Buch und nach Kurzem ist die ganze Aufregung schon wieder vergessen. Diese herausfordernde Art über das Schreiben zu schreiben, den Leser über eine fiktive Schulter schauen zu lassen, legt sich über die eigentliche Handlung im Buch und benutzt die einzelnen Episoden, um das Lesen zu hinterfragen.

Die Autorin versteht es meisterlich mit der Glaubwürdigkeit ihres Werkes zu spielen, den Leser immer wieder an die Grenzen des Nachvollziehbaren zu ziehen, um dann die Künstlichkeit des Romans zu enthüllen, nur um später erneut Zweifel aufkommen zu lassen, ob dieses Buch, welches man in Händen hält, wirklich reines Produkt der Fantasie sein kann. Genres werden bei dieser Arbeit respektlos über den Haufen geschossen, nicht lange können Autobiografie, Fiktion, literaturtheoretischer Beitrag, Geschichte und dergleichen als Kategorien existieren, schnell finden sie ihr Ende und die gegenseitige Durchdringung in der wortgewandten Konstruktion Toriks.

Aléa Torik debütierte 2012 mit Das Geräusch des Werdens, welches durchaus positiv aufgenommen wurde. Wie man im Verlauf von Aléas Ich schnell erfährt promoviert sie zur Zeit an der Humboldt Universität zu Berlin und hat den bekannten Literaturwissenschaftler Joseph Vogl als Betreuer ihrer Arbeit gewinnen können. Sie stammt aus einem Dorf in den Karpaten, wuchs in einer deutsch-rumänischen Familie auf und ging nach Deutschland, da sie Literatur in deutscher Sprache verfasst.

Die Protagonistin wird dem Publikum näher gebracht durch Schilderungen ihrer Vergangenheit in Rumänien und dem derzeitigen Leben in Berlin. Rumänien ist dabei die beständige emotionale Heimat, die sie aufregt, reizt, zutiefst bewegt, während das Dasein in Deutschland meist von Einsamkeit geprägt ist. An Weihnachten besucht Torik ihre Familie in Siebenbürgen und sofort verschwindet ihre Lethargie. Das Zusammenkommen mit den Eltern und alten Freunden lässt das Blut kochen, sie braucht mitunter Stunden oder Tage, um sich zu beruhigen, um kleine Streitigkeiten verarbeiten und überwinden zu können. Kälte und Distanz regieren die zwischenmenschlichen Beziehungen in Deutschland, wo sie stets ein Fremdkörper zu drohen bleibt. Dieser Teil der Identität Aléas scheint besonders glaubwürdig, da er so gekonnt kulturelle Unterschiede aufweist, dass man nicht auf die Idee käme die Herkunft der Autorin anzuzweifeln.

In der Mitte des Buches bezieht sich die Protagonistin auf ein Gespräch mit Professor Vogl, welches im ersten Kapitel zu lesen war, und deklariert es als fiktiv. Sie tut dies während eines Treffens mit einer Freundin, mit der sie Mojitos trinkt und über ihren Roman redet. Sie erläutert ihr, dass ihr gemeinsames Gespräch, ihr Treffen, die Mojitos, alles bereits im Buch beschrieben ist. Literatur bildet nicht mehr die Realität ab, sondern wird zum Vorreiter, zum zeitlich Vorgelagerten – die Welt gemäß "Aléas Ich". Die Freundin Aléas ist verwundert.

Die Fiktionalität macht gleichsam nicht vor den Figuren halt, sie werden nicht nur in den verwirrenden Paarungstanz zwischen Buch und Wirklichkeit hineingezogen, sondern müssen immer wieder Teile ihres Selbst in Verwandlung aufgehen sehen. So kann sich das Geschlecht eines Charakters ändern, Max und Jana sind keine Frauen, wie erst angenommen, sondern Männer. Auch die Autorenschaft gerät in die gleichen Mühlen und plötzlich erzählt ein Mann über ein Treffen mit Aléa, ihre gemeinsame Diskussion über ihr neues Buch. Aus dem "Ich" wird somit ein "Sie" und aus dem "Er" ein "Ich". Doch selbst solche Kunstgriffe vermag die Autorin dazu benutzen mehr Authentizität zu schaffen - scheinbar widersprüchlich konstruiert sie aus Verwirrungen und Täuschungen eine Aura der Wirklichkeit. Als Beispiel lässt sich die Episode mit Romulus heranziehen. Aléa ist von Romulus angetan, aber er beachtet sie nicht, ist vielmehr an ihrer gut aussehenden Mitbewohnerin interessiert. Die junge Schriftstellerin ist wieder in ihrer Einsamkeit gefangen und schreibt, als sentimental-trotzige Reaktion, aus der Perspektive Romulus´, der ihr doch Zuneigung bezeugt. Mittels Fiktion gelingt es Torik als Autorin und Protagonistin greifbarer zu werden, zu leicht kann man mit ihr fühlen, so einfühlsam sind jene Passagen geschrieben. Die kleine erdachte Erzählung im Roman lässt das Gesamte wieder im autobiografischen Licht erscheinen, das Fiktive bedient etwas im Leser, spricht ihn an und kann dadurch andere Fiktionen aufs Neue verbergen. Durch die neuen Perspektiven erhält der Leser zusätzliche Informationen über die Protagonistin, taucht tiefer in ihre Welt ein und erlebt sie lebendiger und sympathischer als zuvor.

Ein weiterer Höhepunkt der Fiktionalität wird im letzten Teil geboten, als ein Schriftsteller auf Aléa zugeht und ihr erläutert, dass er einen Roman über sie schreibt. Natürlich ist dieser Roman identisch mit dem Roman Aléas, dem Buch welches der Leser in Händen hält. Die Autorenschaft wandelt sich nicht mehr, sondern wird nun völlig dekonstruiert. Hat ein Mann dieses Buch aus der Perspektive Aléas geschrieben? Die künstlerische Experimentierfreude der Autorin erreicht an jener Stelle ihren Höhepunkt und schließt das Thema ab, lässt den Betrachter danach wieder durchatmen und die Wirren langsam verblassen.

Der Abschluss des Buches ist gefüllt mit Erläuterungen, die sich mit dem Vorangegangenen inhaltlich verbinden lassen, aber leider einen stark kommentierenden und kaum noch erzählenden Charakter aufweisen. Die Weltsicht der Autorin bezüglich der Welt, dem Internet, der Liebe und Einsamkeit, sowie ihre Einstellung zur Stadt Berlin, all das wird ausgebreitet, in phänomenologisch-vernünftige Zusammenhänge gebracht. Ein nettes Fundstück für den Bildungsbürger, ein Bruch mit dem schönen Fluss der Sprache in diesem sonst so lebendigen Buch.

Toriks zweiter Roman ist anspruchsvolle Literatur, die viele Möglichkeiten zum Reflektieren über Schreiben und Lesen bietet und ein grundlegendes Verständnis vom Zusammenhang zwischen Literatur und Wirklichkeit anzugreifen weiß. Die Flucht des Autors vor Einsamkeit und Isolation förderte ein beeindruckendes Stück zeitgenössischer Literatur zutage und kann jedem interessierten Leser empfohlen werden.

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Letzte Kommentare:
05.04.2015 19:14:32
Anna del Mondo

Ein bisschen wünsche ich mir, vor dem Lesen von "Aléas Ich" weniger über die Autorin "Aléa Torik" gewusst zu haben. Wer sich diese Lesart aufsparen möchte, folge mir an dieser Stelle nicht weiter und nehme sich erst einmal diesen Roman vor - empfehlen kann ich diese Lektüre guten Gewissens auch als "Eingeweihte" - nur änderte sich eben für mich als Leserin der Blick auf die Seiten enorm.

Eigentlich könnte "Aléas Ich" einfach ein Roman rund um eine Neu-Berlinerin mit rumänischem Hintergrund sein, mit einem leicht oberflächlichen Tagesablauf, ein bisschen studieren, ein bisschen Flohmarkt und Freunde treffen zum Kaffee. Nicht so neu. In Rezensionen der Zeit oder des Tagesspiegels wird stattdessen der Fokus immer wieder auf die verschiedenen Erzählebenen des Buchs gesetzt - ja, auch die hat es. Gekonnt und gewollt postmodern kommt "Aléas Ich" daher. Und das außen und innen. Denn das Buch stammt nicht von Aléa, auch sie wurde erst erschrieben - von Claus Heck, einem bisher nicht sonderlich erfolgreichen Autor. Ist das ein Problem? Auf dem Blog von Aléa/Claus ([...]) wurde sich eifrig beschwert, an der Nase herum geführt worden zu sein, einige hätten sich sogar in die junge Dame verliebt und sehen nun wohl selbst recht alt aus nach der Enthüllung. Was in der Online-Welt zu empören scheint, wirkt auf mich wie ein Kompliment für die Geschicklichkeit des Autors - wenn er die Welt einer 27-jährigen so vermeintlich authentisch schildern kann, kann er schreiben. Wenn ich einen Blick in mein Bücherregal werfe, stelle ich fest, dass ich bei vielen Autoren keinerlei biografische Angaben kenne. Wieso sollten diese Texte echter sein als jenes Buch, bei dem ich mir als Leserin nun vorstellen kann, wie ein 40-jähriger Mann meint, dass eine junge Frau in einer Großstadt wohl leben und fühlen würde. Die Chance, so weit in die Gedankenwelt eines Autors vorzudringen, könnte für mich echter nicht sein.

Zum Buch: Ja, es ist ein Verwirrspiel. Ein gutes sogar. Figuren in Büchern sind nun einmal oftmals erfunden, also können sie hier x-beliebige Namen bekommen, die genau wie das Äußere von Aléas Mitbewohnerin Olga zu passend und perfekt sind, um real sein zu können. Aléa erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, von Männergeschichten und ein bisschen Sex, Tristesse, ihrem sich entwickelnden Roman und ihrer Dissertation. Der Roman, an dem sie arbeitet, liegt gerade vor mir, die Dissertation beschäftigt sich wiederum mit Fiktionalität, ich als Leserin werde zum Stalker von Aléa, schließlich finde ich auf jeder Seite mehr über sie heraus, bin ihr und ihrer kleinen Welt dicht auf den Fersen. Was hektisch und verwirrend klingt, liest sich angenehm, bietet Platz für kleine Reflexionen über die Zeit, die Bedeutung von Geschlechtern, Zufällen und dem, was für uns wirklich ist. Schön. Lesen.