Herr Palomar

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2012, Seiten: 128, Übersetzt: Burkhart Kroeber
  • München: Carl Hanser, 1985, Übersetzt: Burkhart Kroeber

Couch-Wertung:

65

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
1 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:60
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":1,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Sebastian Riemann
Marathonlauf der Beobachtungen und Überlegungen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2013

Herr Palomar ist jemand, dem es an Emotionen mangelt und der mitunter in der Unmenge seiner Gedanken zu ertrinken droht. Er will stets die Welt verstehen, sie von allen möglichen Blickpunkten betrachten, sie durchleuchten, ihr wahre Erkenntnis abringen und kann nicht anders als immer wieder zu scheitern, da es kein letztendliches Verstehen, sondern nur ein Hin- und Herwälzen der Gedanken gibt.

Das Meer betrachtend fasst Herr Palomar den Entschluss eine Welle, gesondert von anderen Wellen, zu beschauen, um sie klar von allem Anderen trennen zu können. Er scheitert zwiefach: natürlich kann er eine Welle im Meer nicht von den anderen separieren und die Übung hilft ihm nicht seine Nervosität zu verringern. Die Ordnungsversuche, soviel gesteht sich Herr Palomar ein, dienen einer innerlichen Beruhigung, sollen neurotisch-nervöse Tendenzen bekämpfen und somit das Seelenheil bewahren. Zeichen von Persönlichkeitsspaltung ergänzen das Profil dieses ungewöhnlichen Romanhauptdarstellers, der im Verlaufe der einzelnen Kapitel wenig erlebt, dafür umso mehr reflektiert und analysiert, und immer wieder verzweifelt.

Italo Calvino (1923 – 1985) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der italienischen Geschichte, seine Bücher sind nationales Gut und erreichten darüber hinaus ein Publikum in der ganzen Welt. Seine Sammlung italienischer Märchen verschafft ihm einen festen Platz im Literaturkanon seines Landes, während Erzählungen wie Wenn ein Reisender in einer Winternacht ihm internationale Anerkennung als postmoderner Autor zutrugen.

Herr Palomar erschien in Deutschland erstmals 1985; im letzten Jahr legte der Fischer Verlag es neu auf und vertreibt es seitdem in seiner Klassiker-Edition. Die Übersetzung nahm Burkhart Kroeber vor, der auch andere Größen der italienischen Literatur übersetzt, unter ihnen Umberto Eco und Alessandro Manzoni.

Die Objekte der Betrachtungen von Herrn Palomar sind vielfältig, es finden sich dort Schildkröten bei der Paarung, Anselm im Garten, der nächtliche Himmel, eine Käsetheke, Zen-Budhismus und unterschiedlich große Pantoffeln. Das Buch ist eine Ansammlung vieler detaillierter Beschreibungen samt dazugehöriger Gedankengänge, die gut geschrieben, mal mehr, mal weniger interessant sind. Es gibt Nichts was einer Handlung im üblichen Sinne entspricht, außer Herrn Palomar auch keine relevanten Figuren, somit auch keine nennenswerte zwischenmenschliche Interaktion. Die Linie ist gezogen zwischen Außenwelt und der Innenwelt Palomars und schnell spürt man, dass eine derartige Trennung nicht der Bekämpfung nervöser-neurotischer Tendenzen behilflich sein kann, sondern ein Resultat derselben. Ihm fehlt der Zugang zu anderen Personen, was nicht wenig überraschend in mitunter absurder Selbstwahrnehmung gipfelt:

"Er wünscht sich, diese Enten- und Hasenpasteten in ihren Schalen würden bezeugen, daß […] er allein der Erwählte ist, Herr Palomar, der Begnadete, der einzige, der den Schwall dieser aus dem Füllhorn der Welt überquellenden Güter verdient"

Traurig muss der Leser zusehen wie Herr Palomar sich immer weiter von der Welt entfernt, ohne seinem Ziel, sie zu verstehen, jemals näher zu kommen. Strapaziert wird der Lesende jedoch von den endlosen Beschreibungen und Überlegungen, die aufgrund ihrer Fülle nahezu ihre gesamte Anziehungskraft verlieren und das Interesse an der Person Palomar fast zum Erlöschen bringen. Es bleibt ein nennenswertes Projekt, fällt aber nicht in die Kategorie der unterhaltsamen, einsichtsreichen Literatur.

Deine Meinung zu »Herr Palomar«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
14.10.2014 17:03:06
Rosha

Herr Palomar ist in seiner Skurrilität eine liebenswerte Figur. In kurzen Kapiteln erfährt man von den Überlegungen, die er tagtäglich anstellt. Man sieht durch seine Augen Dinge, die durch seine Gedanken zu etwas Besonderem werden.

Der Autor besitzt Witz und Charme, die unaufdringlich durch die Worte nach oben steigen. Manchmal möchte man Herrn Palomar küssen, manchmal ist man froh, dass er nicht Teil des eigenen Lebens ist, dann wieder kann man nur mit (oder über ihn?) lachen.

Die Geschichten haben etwas Philosophisches. Selbst Banales (zwei unterschiedlich große Pantoffeln zum Beispiel) wird zu etwas Metaphysischem. Ich fühlte mich großartig unterhalten. Exemplarisch zitiere ich eine Stelle, die das Denken von Herrn Palomar erklärt. Er denkt über ein Denkmodell nach:

Um ein Modell zu konstruieren – das wußte Herr Palomar -, braucht man etwas, wovon man ausgehen kann, mit anderen Worten, man muß Prinzipien haben, aus denen man durch Deduktion seine Überlegungen herleiten kann. Solche Prinzipien, auch Axiome oder Postulate genannt, wählt man nicht, sondern hat man schon, denn hätte man keine, könnte man gar nicht zu denken beginnen.

Wer sich selbst zum Beobachten und Denken verführen lassen will, der sollte dieses Buch lesen.