Der Feind meines Vaters

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

83
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Jochen König
Ein Land von Mördern und Ermordeten

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2013

Almudena Grandes Roman mit dem kryptischen deutschen Titel Der Feind meines Vaters (im Original wesentlich treffender El lector de Julio Verne benannt, was so viel heißt wie "Der Jules Verne-Leser") spielt in seinen drei Hauptteilen zwischen 1947- 1949 im faschistischen Spanien. Erzähler ist der zu Beginn neun Jahre alte Nino, der mit seinem Vater Antonino, einem Gefreiten der Guardia Civil, seiner Mutter und seinen beiden Schwestern in einer Kaserne der Guardia Civil im andalusischen Örtchen Fuensanta de Martos lebt. Kryptisch ist der Titel, weil sich ein Zusammenhang mit dem Roman nicht offenbart. Zunächst könnte man meinen, dass der Portugiese Pepe, mit dem sich Nino in dessen Waldhütte trifft, der sein Freund, literarischer Wegbereiter, wahrhafter Verbündeter wird, der ominöse Feind des Vaters sei. Doch weit gefehlt. Ninos Eltern freuen sich, dass Nino – und gelegentlich seine Schwester – in Pepes sicherer Obhut sind, wenn die Jagd nach dem legendären Rebellenführer Cencerro mal wieder eröffnet ist, und der Vater Ninos nächtelang außer Haus weilt. Bleibt als Feind das Franco-Regime samt Handlangern, die Ninos Großvater und andere Familienangehörige auf dem Gewissen haben, und dem Antoninos Sympathien – zumindest andeutungsweise – trotz Zugehörigkeit zur Guardia Civil (in jenen Jahren so etwas wie das spanische Pendant zur Gestapo) nicht gehören. Oder jener Cencerro und seine Anhänger, die aus Verstecken in den Bergen die Franquisten in Bedrängnis bringen, und fast schlimmer noch, lächerlich machen.

Cencerro ist ein Volksheld, der weiterlebt, auch wenn seine aktuelle Inkarnation stirbt, eine Idee, eine Vorstellung von Freiheit, der mehr Menschen zujubeln als es den Franquisten lieb sein kann. Auch Nino bewundert ihn insgeheim und lernt früh, damit hinterm Berg zu halten.

Almudena Grandes schildert eine Welt voller Zwänge und Repressalien, in der Menschen en masse verschwinden. Im günstigsten Falle schließen sie sich den Rebellen an, in vielen Fällen werden sie gefoltert und ermordet – "auf der Flucht" erschossen. Viele Nächte, in denen Nino seiner weinenden Schwester die Ohren zuhalten muss, während wenige Räume weiter potentielle Anhänger der Demokraten auf brutalste Weise gequält werden. Fast jede Figur im Buch hat Freunde, Bekannte, Verwandte auf diese Art verloren. Und obwohl der Bürgerkrieg – mit freundlicher deutscher Unterstützung – von der Falange "gewonnen" wurde, lässt Grandes keine Zweifel offen, dass er in Wahrheit immer weiter fortdauert und seine Opfer fordert. Nicht umsonst heißt der vierte und kürzeste Teil des Buches "Ein Krieg, der nie enden wird".

Nino pendelt zwischen dieser Welt alltäglicher Grausamkeit und seinem Freund Pepe "dem Portugiesen", der u.a. dafür zuständig ist, dass der Titel des Originals zutrifft. Denn in Pepes Hütte findet Nino ein Exemplar von Jules Vernes Die Kinder des Kapitän Grant, das ihn sofort verzaubert. Von da an wird er begeisterter Leser, nicht nur der Werke des französischen Autors. So wird Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel Rückhalt und Inspiration an zentraler Stelle des Romans. Die Beschaffung der Bücher gestaltet sich schwierig, bis Nino, mit dem Wissen seiner Eltern, klammheimlich Schreibmaschinenunterricht bei Doña Elena erhält. Die höchst verdächtige Sippschaft der gebildeten Rubias darf ein Angehöriger eines Guardia Civil-Beamten natürlich nicht öffentlich besuchen.

Der Feind meines Vaters ist die Geschichte eines innerlich zerrissenen Landes, in dem ein wacher Junge aufwächst, der zwischen Scham, jugendlichem Forscherdrang, der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und einem unbeschwerten Leben an genau die richtigen Menschen gerät, die ihm eine lebenswerte Perspektive (und ein paar Jahre im Gefängnis) eröffnen. Grandes meistert das schwierige Unterfangen, ein Kind als Erzähler auftreten zu lassen, indem von Anfang an klar ist, dass der reife, erwachsene Nino die Erlebnisse seiner Kindheit Revue passieren lässt. So bleibt auch manche allzu kluge und nachdenkliche Passage nachvollziehbar und verkommt nicht zur peinlichen Selbstbeweihräucherung eines altklugen Knaben.

Der Roman entwickelt sich zu einem breit gefächertern vielschichtigen Bilderbogen, mit gelegentlichem Hang zur Ausschweifung und wortreicher -schmückung: Jede noch so kurz auftretende Person (und es sind viele) bekommt ihre Kurzbiographie, manche Begebenheit wird ein ums andere Mal wiederholt. So ist der Leser bereits bei der ersten Erwähnung erschüttert von der gängigen Praxis der Guardia Civil, Verdächtige zu entlassen, um sie umgehend hinterrücks "auf der Flucht" zu erschießen. Doch Grandes weist wieder und wieder auf diesen Umstand hin, bis man ihn nur noch geflissentlich überliest. Was bedauerlich ist, denn zum Ende erlebt gerade diese faktische Hinrichtungsmethode durch den Mut der Opfer neue Bedeutung.

Doch kann man die vorhandenen Schwächen achtlos beiseitelassen; Der Feind meines Vaters ist eine höchst eindringliche Schilderung des (Über)lebens in einer faschistischen Diktatur, in der Freundschaft, das Festhalten an Idealen bis zur Selbstverleugnung, und der Glaube an die Kraft der Worte, die Kraft verleiht, den alltäglichen Wahnsinn, den Verrat und Verlust von Menschen und Würde durchzustehen und aufrecht leben und leider viel zu häufig sterben zu können.

Wie beiläufig erfahren wir etwas über die dunkle, und bislang viel zu wenig aufbereitete Geschichte eines beliebten Urlaubslandes. Mag das Regime – gerade im Hinblick auf einen lohnenswerten Tourismus – auch nach 1950, bis zu Francos Tod 1975, moderater geworden sein, eine verbrecherische Quasi-Diktatur, die zahllose Menschenleben forderte, blieben die Herrschaft der Falangisten bis zum Ende.

Mag der Roman manchmal unter seiner dramatisch überbordenden Wucht ächzen, eindrucksvoll bleibt die nachdenkliche Poesie des Schreckens allemal. Angst vor einer schier unüberschaubaren Flut spanischer Namen und liebevoller Umschreibungen, Abkürzungen und Verballhornungen derselben sollte man allerdings nicht haben. Selbst eingeschworene Gegner eines Personenregisters könnten sich angesichts des ominösen "Feindes meines Vaters" ein solches wünschen.

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