Kronhardt

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 928, Originalsprache

Couch-Wertung:

90
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Andreas Kurth
Panorama der Nachkriegszeit in Bremen.

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2013

Willem Kronhardt ist ein echtes Kind der Nachkriegszeit. Als Sohn eines Fabrikanten-Ehepaars wächst er im hanseatisch geprägten Bremen auf. Nach dem plötzlichen und rätselhaften Tod seines Vaters übernimmt sein Onkel dessen Rolle, und irgendwann heiratet seine Mutter ihren Schwager dann auch. Er durchlebt seine Schulzeit am Gymnasium mit wechselvollen Erfahrungen, mit seinem besten Freund Schlosser sondert er sich ab, um in der Natur nördlich der Stadt seine Ruhe zu haben. Von Mutter und Stiefvater fühlt sich Willem stets bedrängt, da sie ihn in ihrem Sinne zu lenken versuchen. Schlosser macht sich nach der Schule auf in die weltstädtische Atmosphäre des geteilten Berlin, Willem lernt seine spätere Frau Barbara kennen. Die Beziehung zu ihr ist für ihn ein Zufluchtsort vor den Anfeindungen und Zumutungen von Eltern, Firma und Gesellschaft. Kinder sind dieser Ehe nicht vergönnt, denn Willem ist zeugungsunfähig – und sehr glücklich darüber. Nach Jahrzehnten, Barbara und Willem haben sich längst in ihrem Leben eingerichtet, beauftragt er zwei eher skurrile Detektive damit, die Todesumstände seines Vaters zu untersuchen – mit einem erschreckenden Ergebnis.

Ralph Dohrmann ist mit seinem über 900 Seiten starken Roman ein wortgewaltiges Lesestück gelungen, das von Literaturwissenschaftlern trefflich seziert und kategorisiert werden dürfte. Aber auch für den Leser, der sich einfach nur auf hohem Niveau und ansprechend unterhalten lassen möchte, hat dieses Buch so einiges zu bieten. Ein kleiner Kritikpunkt ist aus meiner Sicht, dass der Autor seiner Fabulierlust am Ende etwas zu sehr nachgegeben hat. Das Panorama der deutschen und bremischen Geschichte ist wirklich lesenswert und unterhaltsam, aber gut 100 Seiten weniger hätten es auch getan, ohne dem Roman seine Faszination zu nehmen.

Immerhin gelingt es Dohrmann, in seiner facettenreichen Haupt-Figur die west- und später gesamtdeutsche Geschichte in ihren Irrungen und Wirrungen gekonnt zu spiegeln. Dennoch bleibt Willem Kronhardt ein überaus eigenwilliger Typ, der im Grunde in keine Schublade passt – auch wenn ihn Literaturwissenschaftler vermutlich in mehrere stecken werden. Dem Leser wird schnell deutlich gemacht, dass der Fabrikantensohn später einmal die traditionsreiche Maschinen-Stickerei der Familie übernehmen soll, die seit Kaisers Zeiten gute Gewinne abwirft, und auch im westdeutschen Wirtschaftswunder gut im Markt ist. Mutter und Stiefvater sind – wie der Leser später stückweise erfährt – eher halbherzig entnazifiziert worden, was Willem aber als Kind kaum wahrnehmen kann. Dafür spürt er früh die geschickten Manipulationsbemühungen seiner Mutter, die ihn gemeinsam mit dem Stiefvater in einem Korsett enger Regeln aufwachsen lässt.

In Erinnerung an seinen völlig anders "gestrickten" Vater sucht sich Willem Vertraute und Ratgeber außerhalb der Familie. Da ist der Hausarzt der Familie, der Willem mit allerlei Weisheiten versorgt, der Wachmann Zirbel, und nicht zuletzt sein bester Freund Schlosser, mit dem er alle wichtigen Erfahrungen teilt. Ruhe und Ausgleich findet Willem auch in seinen ausgedehnten Naturbeobachtungen, an denen der Leser ausgiebig teilnehmen darf. Trotz seiner anders gelagerten Interessen und Neigungen lässt er sich zum Studium der Betriebswirtschaft und der anschließenden Mitarbeit in der Firma drängen. Der Folgsamkeit in der großen Linie stehen eher beiläufige Widerstände in kleinen Dingen gegenüber, und es kommt zu ständigen Konflikten mit Mutter und Stiefvater.

Zu radikalen Verhaltensweisen und dazu gehörigen Schnitten in seinem Leben ist Willem jedoch nicht gemacht. Seine Beziehung zur lebenstüchtigen Tuchhändler-Tochter Barbara wird für ihn zum Glück seines Lebens. Die beiden richten sich in ihrer Wel ein, sind zuweilen zweckorientiert, aber speziell Willem lässt sich immer wieder von seinen Launen treiben. Barbara übernimmt in geschäftlichen Fragen das Ruder, sorgt für die Modernisierung des Unternehmens - und beklagt zuweilen mangelnde Unterstützung durch Willem bei Auseinandersetzungen mit den "Alten". Aber ihre Liebe zu Willem ist stark genug, um ihm sein eigenwilliges Verhalten zu verzeihen.

Nach dem Tode seiner Mutter beauftragt Willem aus einer erneuten Laune heraus das Detektiv-Duo Ramow & Ramow mit Nachforschungen zum Tode seines Vaters. Dieser zweite Abschnitt des Romans ist ebenso spannend und unterhaltsam wie die erste Hälfte, zieht sich im Finale allerdings etwas zu lang hin. Die Geduld des Protagonisten wird mindestens so strapaziert wie die des Lesers, aber wenn man sich für diesen geradezu epischen Roman genug Zeit nimmt, ist das zu verzeihen. Es gibt einen weiteren Bilderbogen, bei dem es um menschliche Abgründe geht, vom Dritten Reich bis in die Gegenwart reichend.

Schreibstil, Länge und Thematik dieses wortgewaltigen Romans sind durchaus gewöhnungsbedürftig. Und es ist ein Werk, das man nicht so einfach "weglesen" kann. Viele Bilder, philosophische und zeitgeschichtliche Anspielungen und Erklärungen machen den Roman zu einer mehr als vergnüglichen Lektüre. Ralph Dohrmanns Erstlingswerk ist ein Buch, das man nach der genussvollen Lektüre gut zur Seite legen, und mit gebührendem Abstand erneut zur Hand nehmen kann. Die Lektüre ist unterhaltsam und informativ zugleich, viele seiner Schilderungen dürften realen Vorgängen sehr nahe kommen, es wirkt zumindest ausgezeichnet recherchiert. Die Frage, die sich am Ende aufdrängt ist recht spannend: Was kann nach so einem "Ziegelstein" als erstem Roman vom Autor noch kommen? Auf die Antwort bin ich wirklich gespannt.

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