Darling River

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2010, Titel: 'Darling River', Seiten: 326, Originalsprache
  • Frankfurt: S. Fischer, 2013, Seiten: 336, Übersetzt: Ursula Allenstein

Couch-Wertung:

70
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Kora Kutschbach
Liebe und Leid einer Lolita.

Buch-Rezension von Kora Kutschbach Mai 2013

Lo ist nicht wie die anderen Mädchen in ihrem jugendlichen Alter. Nein, die verbringt die meiste Zeit auf ziellosen Autofahrten mit ihrem Vater, dem sie gefallen möchte, oder in Gesellschaft älterer Männer am Darling River, die von ihrer zarten unschuldigen Erscheinung betört sind. Doch mit den Jahren, in denen Lo mehr Schmerz und Leid als ehrliche Liebe erfährt, sehnt sie sich nach Geborgenheit und uneingeschränkter Freiheit. Für dieses Ziel ist die bereit Opfer zu bringen und wie eine Löwin zu kämpfen, womit für die junge Frau die Gratwanderung zwischen Erfüllung und Selbstaufgabe beginnt.

Die Schwedin Sara Stridsberg arbeitet als Journalistin, Übersetzerin und Autorin. Für ihre charakterstarken und Authentizität ausstrahlenden Werke wurde sie bereits mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Ihre Arbeiten nehmen nicht selten Anteil an dem Leben prägender Persönlichkeiten und Figuren der (literarischen) Historie. Dabei verschwimmen die deutlichen Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit auf sehr markante Weise.

Das besondere Augenmerk dieses Buches liegt auf der emotionalen Bandbreite, welche die Autorin einerseits ausschmückt, andererseits geradlinig transportiert. In jenem Zusammenhang gelingt es Sara Stridsberg, eine Protagonistin darzustellen, die gleichermaßen stark und resolut wie empfindsam und gebrochen ist. Wie sehr sich die Melancholie und das Bedauern als Grundtenor durch die Geschichte ziehen, wird immer wieder deutlich. Heißt es hier beispielsweise wehmütig betrachtet "Ich altere, ich träume, ich versäume zu leben" oder "Weil ich in Trauer bin. Weil ich um mein Leben trauere."

Die Erzählung, deren Tristesse und Schwermütigkeit durchweg zu vernehmen sind, beginnt in der Kindheit der Protagonistin, zeigt deren Heranwachsen und ihr Hadern mit dem Leben gleichwohl wie die unergründliche Einsamkeit als erwachsene Frau: "Sie hätte alles bezahlt, um in dieser Nacht nicht allein sein zu müssen."

Der Schreibstil der Autorin ist gekennzeichnet von klaren Strukturen, die bildhaft beschreiben ohne dabei allzu verspielt zu wirken. Ein Stil, der sich in die Ganzheitlichkeit der vermittelten Atmosphäre gut einpasst und eine Kombination aus Schlichtheit und Tiefsinnigkeit bildet. Beschreibungen wie "Ich verwechsle die Liebhaber, weil sie sich ähneln wie Brüder. Ich vergesse ihre Namen, und das verletzt sie. Also fange ich an, sie alle Darling zu nennen" strahlen Trostlosigkeit, Verlorenheit und Sehnsucht aus. Gefühle der Hauptfigur, die sich beinahe auf jeder Seite des Romans wiederfinden. Die verzweifelte Suche nach Glück, Anerkennung und wahrer Zuneigung fängt Sara Stridsberg gekonnt ein.

Das Vorbild für diese tragische Erzählung ist die Figur des Schriftstellers Vladimir Nabokov. Eine Protagonistin, deren Rolle von ewiger Widersprüchlichkeit geprägt ist. Mit ihrem Werk lässt Stridsberg ein Stück literarische Vergangenheit aufleben und verziert diese mit einer Zeitlosigkeit, die stets bewegen wird.

Ein Roman, der Erschütterung gleichermaßen mit sich bringt wie Ernüchterung und dabei die menschliche Angst vor Zurückweisung und Einsamkeit auf sehr kontroverse Weise schildert. Die innere Zerrissenheit der Hauptfigur – "Meine Liebe war immer fehlgerichtet, demütig, einsam, bedingungslos" – polarisiert und lässt den Leser nicht unberührt. Abgründe tun sich auf und reißen den Boden unter den Füßen weg, doch trotz allem sind Kraft und Wille spürbar.

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