Der glücklose Therapeut

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • München: Albrecht Knaus, 0, Seiten: 256, Übersetzt: Brigitte Heinrich

Couch-Wertung:

74
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Kathrin Plett
Der glücklose Therapeut oder wie sich auch ein Profi in der Krise befinden und scheitern kann

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mai 2013

Viele erleben es irgendwann einmal in ihrem Leben. Manche merken erst viel zu spät, dass sie allein nicht mehr vom Alkohol loskommen, andere haben vielleicht Angewohnheiten entwickelt, die zum Zwang geworden sind und wieder andere sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben, sind traurig und niedergeschlagen. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es so nicht mehr weitergehen kann und der Besuch bei einem Psychologen notwendig wird, um endlich wieder glücklich leben zu können. Wie praktisch wäre es da, selbst Therapeut zu sein, um sich selbst wieder aus der Krise zu befreien! So zumindest die landläufige Meinung. Dass Therapeuten ebenfalls Menschen sind und Tiefpunkte erleben, beschreibt Noam Shpancer in seinem neuen Roman Der glücklose Therapeut.

David Winter ist Psychologe. In erster Linie behandelt er "aufgeregte Wohlstandsbürger" und "sorgengebeutelte Hausfrauen", wie ihm sein Mentor, der kauzige Dr. Helprin, oft genug vorwirft seit Winter sich gegen den fordernden Klinik- und Forschungsalltag entschieden hat. David führt ein bequemes Leben. Er ist verheiratet, seine Tochter Sam ist inzwischen erwachsen und beruflich läuft bei ihm alles ganz gut. Als er dann aber mit dem schwer depressiven Versicherungsangestellten Barry Long an seine beruflichen Grenzen stößt und gleichzeitig auch sein Privatleben in die Brüche zu gehen droht, werden plötzlich all seine bisherigen Gewissheiten in Frage gestellt. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er überfordert. Er hat das Gefühl die Kontrolle zu verlieren und stößt an die Grenze zwischen Persönlichem und Privatem, die ein Therapeut nie überschreiten darf. Als auch seine Familie ihm immer mehr zu entgleiten droht, macht er trotz Helprins Warnung einen verhängnisvollen Fehler.

Nach dem internationalen Erfolg seines Debütromans Der gute Psychologe ist Der glücklose Therapeut der zweite Roman von Noam Shpancer, der 1959 in einem Kibbuz in der Nähe von Jerusalem geboren wurde. Wie auch in seinem ersten Buch lässt der Autor, der als Professor für klinische Psychologie an der Otterbein University in Ohio arbeitet und außerdem als Therapeut praktiziert, seine beruflichen Erfahrungen in sein Werk einfließen.

Psychologie hat noch immer etwas Geheimnisvolles und zieht viele in ihren Bann. Wer würde nicht gerne seine Mitmenschen durchschauen und wissen, was sie denken und fühlen? Dass der Beruf des Therapeuten doch etwas anders ist und streckenweise regelrecht frustrierend sein kann, wird in Shpancers neuem Roman deutlich:

 

"Tatsächlich verbringt der Therapeut seine Tage in einem kleinen, spärlich beleuchteten Raum bei geschlossenen Fenstern und nimmt die Gebrochenheit von Fremden in sich auf; und das Tag für Tag, jahraus, jahrein. Niemand sieht ihn bei seinem Bemühen. Niemand erkundigt sich danach. Und selbst wenn das der Fall ist, kann er keine Auskunft geben, da er der Schweigepflicht unterliegt. Nicht einmal er vermag Erfolg und Misserfolg zu unterscheiden[...] und so verliert sich das Bemühen des Therapeuten in einem Nebel, der unergründet bleibt, denn im Wartezimmer wartet bereits der nächste Klient. Und dann der nächste Nächste. Und der Übernächste. Und so weiter."

 

David Winters Sicht auf seinen Beruf ist nach all den Jahren eher ernüchternd als begeisternd. Die Tage gleichen sich, statt mit ernsten Beschwerden wird er vor allem aufgrund von Wohlstandsproblemen aufgesucht. Doch als mit Barry Long endlich ein "echter" Fall bei ihm seine Therapie beginnt, stößt David an seine Grenzen, die ihn dazu zwingen, endlich aufzuwachen und sein Leben wieder neu in die Hand zu nehmen. Wie auch in seinem Vorgängerroman überzeugt Noam Shpancer durch die authentische Darstellung seines Protagonisten, mit dem er sich denselben Beruf teilt. Die vielen Exkurse in das Reich der Psychologie, die er in seine Erzählung einfließen lässt, sind dabei besonders interessant, da Krankheiten wie etwa Schizophrenie oder auch bipolare Störungen nicht rein sachlich, sondern auch aus der Sicht des Therapeuten oder der Betroffenen beschrieben werden. Ohne Fachkenntnisse vorauszusetzen gelingt es dem Autor, seinen Lesern sein Metier näher zu bringen. Dadurch, dass er aus der Perspektive seines Protagonisten erzählt, gelingt es leicht, sich mit der Figur des David Winters zu identifizieren und sich in die Geschichte hineinzuversetzen. Ohne Sprünge oder viele Nebenhandlungen und mithilfe einer überschaubaren Anzahl an Figuren liest sich der Roman ohne große Probleme. Der einfache Aufbau mindert gleichzeitig aber auch die Raffinesse. Vermissen lassen sich Höhepunkte, die der Geschichte das gewisse Etwas geben würden. Shpancer macht viele kleine Türen auf, die sich dann aber alle mehr oder weniger einfach schließen ohne Fahrt aufgenommen zu haben.

Alles in allem ist Der glücklose Therapeut ein Roman, der allein schon durch seine Nähe zur Psychologie zumindest für Psychologiefreunde interessant ist. Im Vergleich zu Der gute Psychologe, der sowohl spannend wie auch emotional packend ist, weist die Geschichte jedoch deutliche Schwächen auf. Durchaus ein lesenswertes Buch, auch wenn es nicht an seinen Vorgänger anknüpfen kann.

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