Leben der kleinen Toten

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Titel: 'Leben der kleinen Toten', Seiten: 220, Übersetzt: Anne Weber

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Britta Höhne
Im Herzen der Sprache wohnen

Buch-Rezension von Britta Höhne Mär 2013

Ein wenig Koks. Amphetamine. Alkohol in Massen. Und Sex. Gedanken, die kreisen, die Umlaufbahn nie verlassen. Kommen und gehen und nicht zu fassen sind. Ein wenig von Schnitzlers "Traumnovelle", ein wenig von Agejews "Roman mit Kokain", ein wenig Vian, ganz viel Mythologie, eine Zeitreise durch die französische Literatur, durch die Bibliothèque verte, der berühmten Jugendbuchreihe bei Gallimard. Mehr noch ist Pierre Michons "Leben der kleinen Toten" (Vies minuscules im Original), weil es reizt zu lesen, reizt zu verstehen, reizt zu verbinden und doch am Ende dem Tode ins Antlitz blickt. Ein Roman in acht Teilen. Der zerstört, weckt und streckenweise in seiner unnachahmlichen Sprache zur Sprachlosigkeit führt.

Das "Leben der kleinen Toten" ist ein nicht mehr ganz junges Werk. Erstmalig erschienen im Jahre 1984. Erst jetzt hat der Suhrkamp Verlag unter der Rubrik "Bibliothek Suhrkamp", den französischen Klassiker der Gegenwartsliteratur in deutscher Sprache auf den Markt gebracht. Was gut ist, weil das Werk des  Autors, der in Nantes lebt, verstört und verzaubert zugleich. Die Sprache ist es, die fesselt, die Vergleiche, die derart weit hergeholt scheinen, surreal wirken – und doch so sehr das Leben treffen.

Michon schreibt das Leben. Bäuerlich zumeist. Schmutzig, non verbal, arbeitend, wenig interessant. Scheinbar. Dabei steckt hinter all seinen Figuren ein Charakter – ein zerstörerischer oft – aber ein Charakter. Michon kann es nicht lassen, auf Menschen herab zu blicken. Und herauf. Erzählt er doch aus der Ich-Perspektive. Erzählt, wie es ist, ein Autor, Schreiber sein zu wollen und es nichts zu schaffen. Unterzugehen in dem Versuch, dem weißen Papier einen Text aufzudrücken. In Gedanken zumindest, existieren wird er nie.

Dann kehrt er zurück. In Kindheit und Jugend. In eine Zeit, in der er nicht viel anders war, als die unbelesenen Bauern, die er mag und irgendwie auch nicht. Ist er doch Schriftsteller. Schriftsteller des Lebens. Einer der niederschreibt wie es war. Anlehnungen an berühmte Texte gibt es genug.

Über seine Bemühungen hinweg zerbricht die größte Liebe seines Lebens. Marianne ist es, die der Ich-Erzähler vergöttert. Liebt. Innen und außen. Sie lässt ihn gewähren. Seine Exzesse, seine ungeduldige Liebe, seine Kälte, die auch seine Wärme ist. Bis nichts mehr geht und Marianne ihn verlässt. Eine Anstalt scheint die Rettung. Halb geschlossen. Freigang zur sonntäglichen Messe. Der Pastor, Georges Bandy, einst Frauenschwarm, jetzt unansehnlicher Alkoholiker, liest die Andacht. Ohne Verve, ohne, dass etwas herüber kommt, ohne, dass eine Botschaft vermittelt wird. Ohne Glaube. Eines Tages liegt er tot im Wald. Die letzte "cigarette blonde" ist geraucht. Der seichte Wind weht durch das Grün und deckt den toten Pastor zu. 

Michons Werk zerstört. Die kleinen Toten sind Kinder. Gestorben an Krupp. An Leukämie. Am Kindstod. Sie werden Engel, steigen auf und zeigen auf: Den Lebenden, wie das Leben geht. Sie sind, schreibt Michon, "näher an der Erde geboren" und sie sind, schreibt er weiter, "schneller wieder von ihr verschluckt".  Großeltern sind es, junge Schwestern – kaum geboren, schon des Lebens beraubt - der Pastor ist es, Klassenkameraden, die es unbedingt zur Armee zog, Begleiter des Weges. Tod, unwiderruflich Tod.

Dabei ist Michons Werk nicht schwarz. Ganz im Gegenteil. Es strotz vor Leben und sagt, "beginne von vorne, versuche es neu." Der Ich-Erzähler hat es versucht. Immer und immer wieder. Wollte die weißen Blätter füllen, was ihm nicht gelungen ist.

Der Roman ist gelungen. Sehr sogar, wenngleich er zuweilen den Überblick verlieren lässt. Menschen kommen und gehen, Leben und Sterben und erinnern daran, dass die eigene Existenz einen Fliegenschiss wert ist. "Minuscules" eben, winzig klein, was Michon vielleicht durchaus auf seine Figuren bezieht, auf den Pastor, auf den krebskranken Alten im Heim der nicht lesen und schreiben kann, auf das alte Ehepaar. Kleine Leute sind es, Bauern, wenngleich groß an Gestalt, aber nicht dazu gemacht, um lange im Gespräch zu bleiben. Michon beschreibt sie akribisch genau, weil es sonst keiner tut. Er hält sie – und sich selbst – so am Leben. 

Anne Weber hat den Roman minuziös ins Deutsche übersetzt – was ihr zumeist außerordentlich gut gelungen ist. Über einige Übersetzungen ließe sich diskutieren, weil sie ohne Sinn scheinen, was aber nichts an der Großartigkeit des Romans ändert, der vor gut 20 Jahren Pierre Michons allererster war. Chapeau!

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