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Kathrin Plett
Wie ein Mädchen in der Lage ist, das komplette Leben auf den Kopf zu stellen.

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mär 2013

Siebzehn. Ein Alter, in dem einem so viele Möglichkeiten offen stehen, dass man schnell glauben kann, die Orientierung zu verlieren. Einerseits besteht das Verlangen auszubrechen, aus den Strukturen des Elternhauses, Traditionen und Konventionen, um ein eigenes Leben zu leben. Andererseits kann siebzehn sein auch bedeuten, auf der Suche nach etwas unbestimmten zu sein, nicht genau zu wissen, was man will und vor so viel neuem und noch unbekanntem zu stehen, dass man sich schier überflutet und überfordert fühlt.

Die vier Freunde - der Erzähler, Bobby, Luca und Santo - erleben ihre Jugend im kleinbürgerlichen Turin der siebziger Jahre. Das Leben geht seinen geregelten Gang, das etwas anders laufen könnte, kommt den Vieren kaum in den Sinn. Bis eines Tages Andre das beschauliche Leben in der Kleinstadt aufmischt und alle Moralvorstellungen der Jungen - in puncto Liebe - über den Haufen wirft. Immer tiefer geraten sie in Verwicklungen und Verwirrungen, werden sich mit der Zeit zusehends fremder, ihre Freundschaft verliert sich. Schließlich kommt es zum Suizid.

Alessandro Baricco ist studierter Philosoph und Musikwissenschaftler und hat bereits zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst.

Der in Turin geborene Autor ist in seiner Heimat vor allem durch seine Arbeit fürs Fernsehen bekannt. Er moderierte Sendungen, die sich dem Schwerpunkt Oper und Literatur widmeten. Seine beiden Tätigkeitsgebiete verbindend, brachte er 2003 in Zusammenarbeit mit der französischen Band "Air" ein Album heraus, welches den Zusammenschluss von Lesung und Musik zum Inhalt hat. Für sein Schaffen wurde er bereits mehrfach mit wichtigen Preisen ausgezeichnet. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt.

Auch in Bariccos neuestem Werk wird seine Nähe zur Philosophie deutlich. Er erzählt seinen Roman aus der Perspektive des etwa siebzehnjährigen Ich-Erzählers, der sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befindet. Verbrachte er gestern seine Zeit mit seinen Freunden, hat das Erscheinen des Mädchens Andre das Leben der vier Jungs vollkommen auf den Kopf gestellt. Alle  schwärmen für sie. In den Augen der Männer ist sie perfekt, sie ist in der Lage, sie völlig um den Verstand zu bringen:

"Ihr ganzer Zauber liegt im Gesicht – die Augenfarbe, die hervorstehenden Wangenknochen, der Mund. Es gibt keinen Grund, mehr zu sehen – ihr Körper ist nur eine bestimmte Art zu stehen, sich anzulehnen, wegzugehen. […] Allen genügt die Art, wie sie sich bewegt, in jedem Augenblick – eine angeborene Eleganz der Gesten und der gedämpften Stimme, die Fortsetzung ihrer Schönheit. In unserem Alter hat man keine Kontrolle über seinen Körper, man geht zögernd wie ein Fohlen und unsere Stimmen gehören uns nicht."

Baricco lässt den Leser an den Zweifeln und Sorgen teilhaben, aber auch an der Neugier auf die Liebe, die mit den katholischen Moralvorstellungen nicht zu vereinbaren ist und zu starken Gewissenskonflikten führt. Eine vermeintliche Vaterschaft, Verzweiflung, die keinen Ausweg erkennen ließ, bis es zum Selbstmord einer der vier Freunde kommt. Halfen sie vorher im Krankenhaus, gingen in die Schule, kamen ihrer Pflicht nach, brechen sie einer nach dem anderen aus, geraten in zwielichtige Kreise. Die abschließenden Gedanken des Erzählers stimmen nachdenklich:

"Gleichwohl wurde ich zu einem hartnäckigen Widerstand erzogen, dem das Leben als eine vornehme Pflicht gilt, die mit Würde und ganzer Seele erfüllt werden muss. Dafür haben sie mir Kraft und Charakterstärke mitgegeben und das Erbe all ihrer Traurigkeit, damit ich es mir zunutze mache. Also weiß ich, dass ich niemals sterben werde -  außer in flüchtigen Gesten und in Momenten, die man vergessen kann. Ebenso wenig zweifle ich daran, dass mein Fortgang sich als grimmiger erweisen wird als jene Angst. Und so wird es sein."

Mit "Emmaus" liefert Baricco einmal mehr einen lesenswerten Roman, in dem sich seine Freude an Literatur und Philosophie widerspiegelt. Gleichzeitig bietet der Roman eine Tiefe, so dass nicht nur Sprache, sondern auch die Erzählung selbst auf ganzer Linie überzeugt.

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Letzte Kommentare:
01.07.2013 14:54:15
tedesca

In seinem immer wieder großartigen Erzählstil beschreibt Baricco das Leben von vier Jugendlichen im Italien der 70er-Jahre. Religion und Ordnung stehen im Mittelpunkt der Erziehung, die keine Aussenseiter duldet. Und doch entdeckt man beim ersten Blick hinter die Kulissen der braven Familien an allen Ecken und Enden Zustände, die bei weitem nicht der geforderten Moral entsprechen. Als dann die unkonventielle Andre auf der Bildfläche erscheint, beginnen die sorgsam gehüteten Fassaden abzubröckeln, die vier jungen Männer geraten ins Taumeln, nicht jeder erfängt sich wieder.

Getrieben von Liebe und Verzweiflung brechen sie aus aus dem Gefängnis des Gutbürgerlichen, suchen neue Wege und finden sich doch plötzlich vor einem Abgrund wieder. Der bisher so selbstverständliche Gottglaube wird immer mehr verdrängt durch Zweifel an sich selbst und den moralischen Werten, die bis dahin unverrückbar Teil ihres Lebens waren.

Der Autor gewährt tiefe Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt eines 17-jährigen, man kann dieses Buch nicht ohne Rührung lesen.

Und doch war da irgendwann der Moment, wo ich die Geschichte verloren habe, wo ich mich dann nur mehr gefragt habe, wohin Baricco mit seinen Ausführungen jetzt eigentlich will. Dort, wo die Philosophie plötzlich über der Erzählung steht, befindet sich für mich ein Knick in der Handlung, der auch durch die schönen Worte nicht mehr überwunden werden kann. Leider. Sonst hätte das Buch 100% von mir bekommen.

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