Meine 500 besten Freunde

  • Luchterhand
  • Erschienen: Januar 2013
  • : Luchterhand, 2013, Titel: 'Meine 500 besten Freunde', Seiten: 256, Originalsprache
Meine 500 besten Freunde
Meine 500 besten Freunde
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Wolfgang Franßen
81

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2013

Wie lächerlich doch, wie bedeutend allemal.

Wer hat sich bloß diesen Titel ausgedacht? Selten traf eine Zeile eine Sammlung von Stories, die teilweise untereinander verknüpft sind besser. Jeder weiß, dass er sich glücklich schätzen darf, wenn er eine Handvoll Freunde sein eigen nennt. Aber dann gleich Fünfhundert. Was für ein glücklicher Mensch! Auch wenn sich darunter mindestens 496 jener Sorte befinden, die man leichthin als solche bezeichnet, weil es üblich ist, dass auch flüchtige Bekanntschaften in den edlen Stand der Freundschaft erhoben werden, wenn man sich was davon verspricht.

Mit den meisten möchte man das bei Johanna Adorján auch nicht sein. Nicht einmal mit den Sympathieträgern, die sich als Ich-Erzähler/-Innen ausgeben und die hohe Kunst der Gehässigkeit pflegen. Zwar unterstellt man dem Showbusiness, wie dem Filmgeschäft, wie den Theaterleuten leichthin, dass sie sich auf den Stutenbiss verstehen, doch bleiben sie allesamt bemitleidenswerte Geschöpfe am Rand des Zusammenbruchs. In einigen Geschichten erinnert die Autorin da an Dorothy Parker.

Die 1971 in Stockholm geborene Adorján kennt sich aus. Sie studierte Theater- und Opernregie, was den Geschichten über Schauspielerinnen, die Interviews geben müssen und nicht wissen, wo sie ihren Nachwuchs unterbringen sollen, Glaubwürdigkeit verschafft. Der Mann behauptet, sein Beruf zähle schließlich auch, die Mutter sitzt beim Friseur, also entwickelt sich einmal mehr der hysterische Alltagswahnsinn einer Schauspielerin, die einen Film, den sie nicht mag, auch noch promoten muss.

In der "FAS" sitzt Adorján in der Feuilleton-Redaktion, was sie nicht davon abhält, gleich zwei Stories in einer Redaktion anzusiedeln. Die eine erzählt von einer Praktikantin, die kühl ihre Karriereplanung mittels Konzertkarten und zeitweilig gewährten Schäferstündchen vorantreiben will. Die andere von einem renommierten Journalisten, der angesichts einer Preisverleihung übergangen wird und in seiner Eitelkeit so tief verletzt ist, dass er mit dem letzten Satz der Story zumindest noch ein Haar in der Suppe finden muss, um mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

Adorján kann schreiben. Das stellt sie nach "Eine exklusive Liebe" erneut unter Beweis. Wenn auch in der kürzeren Form. Schon die erste Geschichte um den Tisch im Borchardts und das Treffen zweier Freundin, von denen die eine leicht angetrunken ist, führt den Leser mitten in eine Vermutung hinein, ohne dass er den Grund kennt. Auch hier erfolgt erst mit letzten Satz die Auflösung. Einen Kniff, den die Autorin des Öfteren anwendet. Wir lesen den letzten Satz und schon beginnt sich die ganze Geschichte zu wandeln. Wir verstehen, warum dieses letzte Treffen zweier Freundinnen so merkwürdig verläuft.

In bester Theatertradition muss bei Adorján nicht alles gesagt werden. Ist es um die Ruhe einer Yogalehrerin bei weitem nicht zum besten bestellt, erschließt sich gleich die Erkenntnis, dass Yoga vermutlich nur etwas für Menschen ist, die glücklich sein wollen und dies dann auch rabiat durchsetzen. Eine Geschichte wird die Autorin dann wohl doch frei erfunden haben: Den Bestsellerautoren, der seinen Lektor durch ein Geschenk so sehr in die Bredouille bringt, dass der sich nicht mehr zu sagen traut, wie schrecklich er seinen zweiten Roman findet. 

Selbstdarsteller, wohin wir auch sehen. Zuweilen ähnelt sich das Nach-Außen-Tragen der innersten Gefühle etwas zu sehr. Doch die selbst auferlegte Tragik des Lebens führt dazu, dass jeder sich einfach in Gesprächen wieder und wieder auskotzen muss. Schonungslos im Rausch an sich selbst sind hier nicht nur die Thirtysomethings des neuen Berlins getroffen. Ihre Tische bevölkern längst Hamburg, wie München, wie Frankfurt.

Und wie bei jeder Mode haben sie sich inzwischen auch der Tische in der Provinz bemächtigt.

Meine 500 besten Freunde

Johanna Ardoján, Luchterhand

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