Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse

  • : Kein und Aber, 2010, Titel: 'Ein dreifach Hoch der Milchstrasse', Seiten: 160, Übersetzt: Harry Rowolth
Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse
Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse
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Wolfgang Franßen
83

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2013

Vielleicht bist du ja durch mit dem Leben?

Die Krux mit gesammelten Stories ist, eigentlich sollten wir sie für sich sprechen lassen. Geschichte um Geschichte, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie ja noch jemand selbst lesen will. Denn eigentlich ist alles über Kurt Vonnegut gesagt. Ein brillanter Beobachter. Ein Stilist, und wir dürfen uns glücklich schätzen, dass es immer wieder Verlage gibt, die ihn neu übersetzen, so dass Leser ihn entdecken können.

Geschichten wie jene von Elsa String Morgan in "An die große Glocke", einer Frau, die es gewagt hat, ein Buch zu schreiben, getreu den Maßregeln ihrer großen Liebe, die sie nicht nur geheiratet, sondern gleich auch seinen Blick auf die Welt verinnerlicht hat. "Dem Leben ins Gesicht sehen." Wir alle wissen, dass das nicht gut ausgehen kann. Insbesondere bei Elsa String Morgan, die schüchtern ein Hauch hinterwäldlerisch das Leben und die Mitmenschen in ihrer Naivität doch tatsächlich schön fand. Angetrieben durch einen Lehrer an ihrer Seite – nichts gegen Lehrer – aber sie wissen nun mal alles besser und setzen alles daran, ihr Wissen auch anzubringen. Plötzlich sind die Nachbarn ignorant, provinziell, habgierig und gemein. Was nicht weiter schlimm wäre, hätte Elsa String Morgan nicht den Ehemann zum Gegenstand ihres ersten Buches gemacht und somit eine Ehekrise vom Zaun gebrochen.

So eine Geschichte können viele schreiben. Kurt Vonnegut jedoch lässt einen Vertreter für äußere Doppelfenster in das gefährdete Glück geraten. Er macht das Geschäft seines Lebens, weil das Ehepaar aufgerieben von tagelangen, vielleicht gar wochenlangen Streitereien alles egal geworden ist. Die Buchtantiemen werden zum Fenster rausgeschmissen, weil Geld keine Bedeutung mehr hat. Aus Wut über die Ignoranz des anderen wird gleich mal ein Rolls Royce bestellt. Aus Protest läuft der Mann nur noch im Bademantel herum, und verrennt sich in die Idee, dass alle Welt ihn nun kennt, weil er von seiner eigenen Frau lächerlich gemacht wurde.

Vonneguts Biss zeigt sich in den letzten Zeilen. Da hat der harmlose Vertreter tatsächlich von dem neuen Buch von Elsas String Morgan erfahren. Im Mittelpunkt ein Vertreter für Doppelfenster, der durchs Land zieht und Fenster vermisst. Der reale Vertreter hat Angst, das Buch aufzuschlagen. Und so erzählt Vonnegut eigentlich die Geschichte davon, was mit uns geschieht, wenn wir einem Schriftsteller oder einer Autorin in die Hände fallen. Nichts ist vor denen sicher.

Gleich zu Beginn von "Confido" begegnen wir Ellen Bowers und ihrem Mann Henry, Labor-Assistent bei Akustiplus, einem Bastler, einem Auseinandernehmer, einem Wiederzusammensetzer und Heilmacher, der von zahlreichen Niederlagen und Rückschlägen geprägt, es endlich geschafft hat, die Erfindung zu machen, die unser Leben verändern wird. Es ist zwar nur eine kleine Blechbüchse, versehen mit einem Draht und einem winziger Kopfhörer, aber er wird das Leben der Familie Bowers auf den Kopf stellen. Wonach sehnt man sich am meisten? Nach ewiger Jugend, der ersten Million, der Liebe fürs Leben? Henry weiß es besser: Wie sehnen uns nach jemandem, mit dem wir reden können. Immerhin leben davon Psychotherapeuten und Psychologen. Wir suchen verzweifelt nach jemandem, der uns zuhört!

"Confido!", die künstliche Intelligenz in einer Blechbüchse spricht zu einem, gibt Ratschläge, verfügt über so viel Empathie, dass man seine Geheimnisse ihm einfach anvertrauen muss. Mit ihm im Ohr hat man einen Begleiter, einen Ratgeber, einen Freund. Er flüstert Sehnsüchte ein, die man sich selbst nicht zugesteht, bringt einen auf Gedanken, die man besser nicht hätte. Und so wird das, was man sich am meisten wünscht, zu der größten Gefahr, in die man sich begeben kann. Der Witz mit dem Vonnegut diese tragische Entblößung beschreibt, wird auch hier am Ende gekrönt. Confido wird begraben werden. Wie ein Mensch. Schließlich war er ja Familienmitglied. Und seine letzten Worte sind...?

                  "Man sieht sich, Blödmann. Man sieht sich."

Das sind nur zwei Stories von vierzehn. Auch andere hätten für Kurt Vonnegut sprechen, ihn in seiner einzigartigen Begabung zeigen können, unser Leben an den Engstellen mit Humor abzupassen.

Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse

Kurt Vonnegut, Kein und Aber

Ein dreifach Hoch auf die Milchstrasse

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