Der Kalte

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Titel: 'Der Kalte', Seiten: 665, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
Ich habe meine Pflicht erfüllt.

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Feb 2013

Schon mal in Wien gewesen? Von Wien gehört? Da gibt’s den Heurigen, das Burgtheater, politische Skandale, Kulturkämpfe und den Schmäh. Deutsche werden da gerne als Piefke bezeichnet. Das sollte keiner allzu ernst nehmen, denn vor allem sind die Wiener mit den Wienern beschäftigt. Dort gibt es zurzeit ein neues Gesellschaftsspiel. Wer steckt hinter wem, in Robert Schindels neuem Roman "Der Kalte". Ist mit Marits der ehemalige Bundeskanzler Sinowatz gemeint, mit Krieglach der Bildhauer Hrdlicka, ist Schön gar Peymann und Wais natürlich Kurt Waldheim?

Robert Schindel wird wahrscheinlich froh sein, auf Leser zu stoßen, die sich weniger dem Rätselraten hingeben, als seinen vielstimmigen, fulminanten Roman über das Wien von 1985 bis 1989 zu lesen. Über eine Zeit, die so mancher als die Bruchjahre ansieht, jene Zäsur im österreichischen Umgang mit der NS-Zeit, die zuvor im Verdrängen und Vergessen und der Distanz zu den Opfern bestand. Mit der Aufstellung Kurt Waldheims zum Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl und seiner Enttarnung als deutscher Wehrmachtsoffizier, der womöglich an Gräueltaten beteiligt war, brach in der österreichischen Politik ein Kulturkampf sondergleichen los.

Im Mittelpunkt des Romans steht Edmund Fraul, Spanienkämpfer und Auschwitzüberlebender, der, wie Robert Schindel bekundet hat, dem tatsächlichen Vorbild Herman Langsbeins nachgezeichnet ist. Im Roman ist jener Edmund Fraul ein Mensch, den die Jahre in Auschwitz in seinen Emotionen hat erkalteten lassen.  Er sieht sich als Fanal wider das Vergessen, beurteilt seine menschlichen Kontakte danach, wie sie mit der Terrorherrschaft der NS-Zeit umgehen, und in ihm hat der Autor seine Hauptfigur "Der Kalte" gefunden. 

Wie in "Gebürtig", dem ersten Roman einer Trilogie, in der nun mit "Der Kalte" der zweite Roman erschienen ist, setzt der Autor auch diesmal wieder auf einen vielstimmigen Chor an Personen, die untereinander in Kreisen verbunden sind. Von Anfang an muss der Leser mit schnellen Schnitten, mit vielen Namen leben. Sind wir soeben noch bei Edmund Frauls Sohn Karl, dem Starschauspieler des Burgtheaters gewesen, treffen wir im nächsten Moment bereits auf den Bildhauer Krieglach, der sich weigert, dem Wiener Bürgermeister und seiner Gattin jenes Kunstwerk zu zeigen, das demnächst für Furore sorgen wird.

Wir wechseln von detailgetreuen Erzählpassagen zu Tagebucheintragungen oder werden durch sieben verschiedene Ich-Erzähler verstört, deren Identitäten einem nicht immer gleich klar sind. Lineares Erzählen ist Schindels Sache nicht. Doch einprägsame Szenen sind es, wie jene zwischen dem Widerstandskämpfer Edmund Fraul und dem ehemaligen KZ-Aufseher Rosinger, in denen das fast Unmögliche aufscheint, eine Nähe zwischen Opfer und Täter. Oder auch das Wagnis bei Wais alias Kurt Waldheim, nicht dem bewährtem Schwarz-Weiß-Muster zu verfallen, vielmehr einen Menschen in all seiner Hilflosigkeit zu zeichnen und gar die Möglichkeit einzuräumen, dass dieser Waldheim womöglich wirklich nichts von den Gräueltaten gewusst hat. Diese Szenen im Roman unterstreichen, dass Schindel trotz aller operettenhaften Züge zum Nachdenken über die Vergangenheit anregen will. Nichts ist lähmender, als sich immer wieder in der eigenen Meinung zu bestärken. Wohin das führt, sieht man an Edmund Fraul.

21 Jahre hat sich Robert Schindel mit dem zweiten Roman Zeit gelassen. Es ist eine wohlkomponierte Spiegelung jener Jahre geworden, die auf keinen Theaterdonner verzichtet. Egal ob im "Hawelka" oder im "Oswald und Kalb", der Kulturkampf um die Burg und Claus Peymann, um einen diskreditierten Präsidenten oder um ein Denkmal des Antifaschismus reißt die Gemüter mit. Als habe in diesem Intrigenstadl Nestroy die Feder geführt. Und wen wundert es da noch, dass es einem Bundeskanzler tatsächlich unterläuft, sich mit den Worten zitieren zu lassen: "Regieren ist schön. Regieren ist schön, regieren ist so schön." Selten ist der Antrieb eines Politikers besser beschrieben worden.

Vor dem Hintergrund dieser Singspiel-Staffage wirkt das Überleben der Holocaustopfer umso schärfer. Sie wachen mitten in der Nacht von Alpträumen an Auschwitz gequält auf und sind schweißgebadet. Sie müssen einen Weg durch die Welt danach finden. Während der eigene Sohn einem fremd geworden ist. Als Schauspieler im Macbeth an die Burg zurückgeholt wurde, um seinen Launen, seinen Eitelkeiten zu frönen. Wobei Schindel auch die Frage danach stellt, was aus dem Mahnen vor der NS-Vergangenheit wird, wenn die Täter und Opfer eines Tages nicht mehr leben?

Robert Schindel, 1944 in Bad Hall geboren, erlebte die Verhaftung seiner Eltern und ihre Deportation. Der Vater starb im KZ Dachau, die Mutter überlebte Auschwitz. Er bezeichnet Wien als die "Vergessenshauptstadt".

Mit seinen Romanen "Gebürtig" und jetzt "Der Kalte" ist ihm ein Werk gelungen, das es dem Vergessen schwer macht, die Vergangenheit in die Geschichtsbücher abzuschieben. Wenn Fakten Gesichter bekommen, wenn Schicksale nicht länger in Jahreszahlen gefangen sind, dann liegt das an der Kunst eines Schriftstellers, von seiner Zeit zu erzählen, so dass wir seine Bilder im Kopf behalten und sie hinterfragen.

Robert Schindel ist so ein Schriftsteller.

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