Das Verschwinden des Philip S.

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Titel: 'Das Verschwinden des Philip S.', Seiten: 157, Originalsprache

Couch-Wertung:

88
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Jochen König
Private Bestandsaufnahme

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2013

Ulrike Edschmids Buch beginnt mit dem Ende. Philip S. hängt auf einem Parkplatz von Polizeikugeln durchsiebt in einem Stacheldrahtzaun. Nicht weit entfernt liegt ein toter Polizist. Das öffentliche Sterben eines steckbrieflich gesuchten Mannes. Eines Terroristen?

Eine Reise in die Erinnerung. Edschmid begegnet Philip S. in Berlin, knapp acht Jahre vor seinem Tod. Da ist er 20, hat seine wohlhabende Schweizer Familie verlassen, um an der Berliner Filmakademie zu studieren. Ein Ästhet mit hohem künstlerischem Anspruch, der sich zum politischen Aktivisten wandelt und in den Untergrund abgleitet.

Er ist Ulrikes Lebensgefährte, liebevoller Ersatzvater für ihren Sohn Sebastian; bis zu jenem Zeitpunkt an dem sämtliche privaten Beziehungen hinter den Kampf für eine freie (und befreite) Gesellschaft zurücktreten. Es ist ein schleichender Abschied von Ulrike und ihrem Sohn, erst gedanklich, dann körperlich. Am Ende hat jedes kurze Zusammentreffen etwas Konspiratives.

Ulrike Edschmids (auto)biographischer Roman beschreibt in klaren, karg-poetischen Sätzen wie sich das private und öffentliche Leben in den ausgehenden Sechzigern bis Mitte der Siebziger veränderte. Wie Vertreter  eines restriktiven Staates, der seine nationalsozialistische Vergangenheit nie aufgearbeitet hat,  auf eine breite Front politisch Interessierter trifft, die bereit sind, um Gerechtigkeit und Mit-, bzw. Selbstbestimmung zu kämpfen. Punktuelle, aber einschneidende Ereignisse wie der Tod Benno Ohnesorges oder der heimtückische Mordanschlag auf Rudi Dutschke erleichtern eine mögliche Radikalisierung; das so unbeholfene wie paranoide und unverhältnismäßige Auftreten der Staatsmacht, beschleunigt die Drehung der Gewaltspirale.

Edschmid vermeidet plumpe Schuldzuweisungen, sie beschreibt mit nachdenklicher Wehmut und neugierigem Erstaunen wie Beziehungen auseinanderdriften, zerbrechen; wie eine erdrückende Tagespolitik ein privat und beruflich erfülltes Leben unmöglich werden lässt.

Schnittpunkt ist die Verhaftung des Paares aufgrund eines vagen Verdachts. Trotz unklarer bis gar nicht vorhandener Beweislage bleiben Ulrike und Philip über mehrere Wochen in Haft. Verschonung wird wegen möglicher Fluchtgefahr nicht gewährt. Ohne dass die Autorin es ausspricht, keimt an dieser Stelle der Verdacht auf, dass dort genau jene Personen "Recht" sprechen, die dies bereits im Dritten Reich taten. Die Demokratie wird durch die Hintertür ausgehebelt. Kein Patriot-Act nötig.

Die Haft verändert vor allem Philip S. Während Ulrike sich in ihr Innerstes flüchtet – und später beschließt im Kleinen, Privaten nach gesellschaftsverändernden Möglichkeiten zu suchen, revoltiert Philip S. und schwört nach der Freilassung, sich nie wieder verhaften zu lassen. Einen Schwur, den er bis zur letzten Konsequenz aufrechterhalten  wird. 

"Ich spreche von dem, was mich die Kinder lehren, davon, dass sie mich lehren, mit Veränderungen in der kleinen inneren Ordnung meiner selbst zu beginnen. Er spricht von dem alltäglichen Widerstand in den Fabriken und Arbeiterviertel, dass er dort ansetzen will mit zielgerichteten Aktionen, die nur aus dem Untergrund zu leisten sind."

Dabei verweigert sich Ulrike Edschmid einer Ode an die schicksalhafte Zwangsläufigkeit. Bis zur tödlichen Schießerei lässt sie Möglichkeiten und Wege aufschimmern, manchmal nur Kleinigkeiten, durch die sich vieles geändert hätte, Menschen nicht zu Tätern und/oder Opfern geworden wären.

Immer wieder findet Philip S.´ einziger, im Rahmen des Filmakademie-Studiums entstandener, Kurzfilm "Der einsame Wanderer" Erwähnung. Nicht nur als Synonym für seinen Schöpfer, sondern als Relikt und Hoffnungsträger, als eine von vielen nicht wahrgenommenen Chancen. Und sei es der Ästhetik des Widerstands zu folgen, anstatt bewaffnet in den Untergrund zu gehen.

"Das Verschwinden des Philip S." ist mehr als eine private Bestandaufnahme; es ist ein so knapp gefasstes wie vielschichtiges Buch über einen wichtigen Teil der neueren deutschen Geschichte – und darüber hinaus (Italien, die "Brigate Rosse", Ausbildungslager in Jordanien etc.). Über Hoffnung, Aufbruchsstimmung, über die Utopie einer gleichberechtigten Gesellschaft mit politischem Bewusstsein. Und über das Scheitern angesichts unvereinbarer und verhärteter Fronten. Viele Menschen bleiben auf der Strecke, werden auf unterschiedlichste Weise getötet, verwundet oder gehen einfach nur verloren. Bücher wie Ulrike Edschmids "Roman" wehren sich gegen das Vergessen, das beiläufige Verschwinden von Biographien und Erinnerungen aus der Wahrnehmung, und gehen weit über eine private Reflexion hinaus. Enorm wichtig in einer Zeit, in der es geradezu en vogue ist, sich "unpolitisch" zu geben. Das langsame Sterben beginnt im Kopf. Doch es gibt Mittel dagegen. "Das Verschwinden des Philip S." ist eines davon.

Das Verschwinden des Philip S.

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