Die Werkstatt der Wunder

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2012, Titel: 'Die Werkstatt der Wunder', Seiten: 432, Übersetzt: Karin von Schweder-Schreiner

Couch-Wertung:

83
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Birgit Stöckel
Ojoubás Augen

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Jan 2013

Brasilien – ein Wort, ein Land, das mannigfaltige Assoziationen weckt: Karneval, Lebensfreude, Exotik, Feuer, Leidenschaft, Sonne, … Das alles lässt Jorge Amado in seinem Roman "Die Werkstatt der Wunder", das anlässlich seines 100. Geburtstag neu übersetzt und herausgegeben wurde, vor dem Auge des Lesers auferstehen.

Im Mittelpunkt steht Pedro Archanjo, ein Mann, der Brasilien kennt wie kein Zweiter. Nicht das Brasilien der weißen Oberschicht, sondern das bunte, farbige Brasilien der Armen und Benachteiligten. Ein Brasilien, in dem der alte Glauben, die alten Götter und Kulte noch lebendig sind und zum täglichen Leben gehören wie die Luft zum Atmen oder Brot und Wasser. Ein Brasilien, das vor Leben, ungeachtet der schwierigen Umstände und der Armut, vibriert und pulsiert. Ein Brasilien, das einem den Atem verschlagen und den Leser in den Bann ziehen kann.

Das Buch beginnt mit den Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten anlässlich Pedro Archanjos 100. Geburtstags, bei denen er als großer brasilianischer Schriftsteller, Dichter und Gelehrter geehrt werden soll. Interessanterweise sind sein Name und seine Werke (er hatte zu Lebzeiten vier Bücher über das Leben, die Leute und die Kultur in Bahia veröffentlicht) in Brasilien kaum jemanden bekannt. Erst ein amerikanischer Professor und Nobelpreisträger, der bei einem Besuch in einem offiziellen Interview den Namen Archanjo erwähnt und sich begeistert über ihn äußert, bringt die brasilianische Gelehrten auf seine Spur und sie beschließen, diesen "großen Sohn" ihres Landes gebührend zu ehren, auch wenn sie von Pedro Archanjo keine Ahnung haben. Denn dieser war kein Gelehrter, sondern nur ein einfacher Mann mit einem großen Wissensdurst, der viel las und als Pedell der medizinischen Fakultät Kontakt mit Studenten und Professoren pflegte. Seine Bücher waren eine Reaktion auf rassistische Theorien, die einige Professoren an der Universität von Bahia pflegten  und die er zu wiederlegen suchte.

Jorge Amado ist mit dieser Geschichte ein unheimlich vielschichtiger Roman gelungen, der ein umfassendes Bild Brasiliens von Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis Mitte des zwanzigsten  vermittelt.

Der Leser erfährt viel über die Traditionen, die Rituale und Gebräuche, den Ursprung des Karnevals,  über die damals (und auch noch heute?) weit verbreiteten rassischen Voruteile, auch in Polizei und Justiz, die Scheinheiligkeit und Doppelmoral mancher Leute bzw. gesellschaftlicher Schichten und viel über das Leben an sich.

"Werkstatt der Wunder" ist allerdings kein einfach zu lesender Roman, besonders anfangs wirkt er teilweise sperrig. Amados Sprache ist sehr bunt und ausdrucksstark, dazu humorvoll, teilweise bissig-ironisch, was den Leser immer wieder schmunzeln lässt. Doch die vielen portugiesischen Namen und Ausdrücke sind für unsere Augen unvertraut und unwillkürlich stolpert man darüber, wird man aus dem Lesefluss gerissen. Dankenswerterweise gibt es ein Glossar am Ende des Buchs, doch einige Ausdrücke, besonders die Namen einiger Gottheiten, haben eine sehr ähnliche Schreibweise, so dass es nicht ganz einfach ist, sie sich zu merken.

Zudem wird die Geschichte nicht kontinuierlich erzählt, sondern szenenhaft und mit Zeitsprüngen versetzt. Zum einen gibt es den Teil, der sich mit den Vorbereitungen zu der Hundertjahrfeier beschäftigt, zum anderen wird direkt aus Archanjos Leben erzählt, doch auch hier springt der Autor in der Erzählung vor und zurück, erzählt mal aus Pedros Jugend, mal aus seiner Erwachsenenzeit. Das erfordert einiges an Konzentration und Aufmerksamkeit vom Leser, damit er bei der Vielzahl an Ereignissen und Personen nicht den Überblick verliert. Das Buch sollte definitiv ohne große Unterbrechungen und mit Ruhe und Muße gelesen werden, ansonsten hätte es keine Chance, seinem Leser zu zeigen, was in ihm steckt. 

Liebhaber südamerikanischer Literatur werden sicherlich ihre Freude an der "Werkstatt der Wunder" haben. Alle anderen Leser müssen ausprobieren, ob sie sich auf das Buch einlassen, mit ihm warm werden können. Einen Versuch ist es allemal wert.

Die Werkstatt der Wunder

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