Freiheit

  • Hamburg: Der Hörverlag, 2010, Seiten: 2, Übersetzt: Ulrich Matthes, Bemerkung: MP3-Version
Freiheit
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Lutz Vogelsang
85

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2011

Roman als Therapie

Spätestens seit seinen Korrekturen 2001 avancierte Jonathan Franzen zu einem der meist beachteten Schriftsteller und wurde in den Feuilletons durch die Bank gefeiert. 2006 hatte er einen Gastauftritt bei den Simpsons - zusammen mit anderen literarischen Größen wie Gore Vidal oder Tom Wolfe. Das TIME Magazin beschrieb ihn 2008 auf ihrem Titel sogar als "großen amerikanischen Romancier". Ein Titel, dem er beinahe nicht gerecht werden konnte. Nach Jahren, die er unter Depressionen und Schreibblockaden litt, war es ausgerechnet der Selbstmord eines engen Freundes, des Schriftstellers David Foster Wallace, der ihn befreite. Innerhalb eines Jahres verfasste er seinen aktuellen Roman: Freiheit.

 

...das eine, das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.

 

Allerdings könnte der Titel genau so gut Unfreiheit lauten, denn das große werkumfassende Motiv ist die Befangenheit seiner Protagonisten. Sie sind nicht frei, sondern wirken seltsam gehemmt. Da ist Patty Berglund, die alles besser machen will als ihre Eltern und damit ihren über alles geliebten Sohn aus dem Haus treibt. Und ihr Mann Walter, einen fast besessenen Weltverbesserer, der sich unwissend vor den Karren einer Stiftung spannen lässt, die völlig andere Ziele verfolgt. Es ist fast beklemmend, vor Augen geführt zu bekommen, mit welcher Vehemenz beide ihr Lügengeflecht hegen und pflegen, bis es unweigerlich zum großen Knall kommt.

Freiheit führt durch 30 Jahre Familiengeschichte der Berglunds. Patty, die ihr schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern nie aufgearbeitet hat, und ihr Mann Walter, ein Sinnbild von Verlässlichkeit und liberaler Moral. Beide versuchen, für sich und ihre beiden Kinder Joey und Jessica in Minnesota ein Heim aufzubauen und wollen alles besser machen als die anderen. Ein Vorhaben, das kolossal misslingt. Um sich der einengenden Liebe seiner Mutter zu entziehen, zieht der Sohn zu den Nachbarn, die so ziemlich alles verkörpern, was die Berglunds ablehnen. Die Tochter, die nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie ihr Bruder, zieht sich völlig zurück. Als beide Kinder schließlich aus dem Haus sind, bricht auch der letzte Rest von Familien- und Eheleben komplett auseinander. Patty gibt sich nicht nur dem Alkohol, sondern auch dem gemeinsamen Jugendfreund Richard Katz hin, der das Leben der Berglunds als omnipräsenter Schatten begleitet. Der gemeinsame Lebensentwurf scheint zum Scheitern verurteilt ...

Jonathan Franzen hat den Roman in einzelne Episoden unterteilt, wechselt immer wieder den Blickwinkel. Auch zeitlich springt er immer wieder hin und her. So lässt er Pattys Vergangenheit durch einen Bericht lebendig werden, den sie im Rahmen einer therapeutischen Behandlung verfasst. Sprachlich hält er sich merklich zurück. Klare und präzise Sprache dominiert. Nur selten blitzt seine Wort- und Bildgewalt auf. Nein, die Sprache steht hier nicht im Vordergrund, sondern die Figuren. Franzen ist ohne Zweifel ein meisterhafter Beobachter. Beeindruckend genau und facettenreich schildert er seine Charaktere, ihre Nöte und Zweifel. Seine Personen sind lebendig und haben alle ihr eigenes Profil. Sie tragen das Buch weit kraftvoller als die Handlung, die stellenweise doch recht träge wirkt.

Immer wieder werden Stimmen laut, die in Franzen den Erneuerer des großen amerikanischen Gesellschaftsroman sehen, und man merkt deutlich, dass der Autor selbst versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Es gibt kaum ein aktuelles politisches Thema, das er auslässt: Republikaner gegen Demokraten, den Irakkrieg oder Umweltverschmutzung, um nur einige zu nennen. Wenn auch nur am Rande abgearbeitet, gibt es auch religiöse Konflikte. Vor allem Joey ist unsicher, ob ihm die jüdische Tradition, die im Hause Berglund nicht ausgelebt wird, fehlt. Daneben gibt es massenhaft kulturelle Anspielungen, vor allem in den Bereichen Musik und Literatur. Gleich ein Glossar zu fordern ginge wohl zu weit, aber Freiheit ist keine leichte Lektüre und fordert ein gesundes Maß an Wissen über die amerikanische Kultur.

Die ZEIT hat Freiheit als "therapeutischen Roman" bezeichnet. Wenn man die Umstände der Entstehung bedenkt kann man dem wohl zweifellos zustimmen. Es ist auffällig, dass Franzen und seine beiden Charaktere Patty und Walter gleich alt sind. Dass der Autor hier seine persönliche Geschichte und sein Erleben der jüngeren Vergangenheit der USA mit einfließen hat lassen, liegt auf der Hand. Umso beruhigender ist es, zu sehen, dass am Ende des Buches doch nicht alles in Scherben liegt. Dass eben nicht jede Generation dazu verdammt ist, immer wieder die gleichen Fehler zu wiederholen.

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