Des Fremden Kind

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Blessing, 2012, Titel: 'Des Fremden Kind', Seiten: 688, Übersetzt: Thomas Stegers

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Michaela Hövermann
Facettenreich komponiertes Panorama der englischen Gesellschaft

Buch-Rezension von Michaela Hövermann Jan 2013

Cecil Valance mag ein bestenfalls mittelmäßig begabter Dichter sein. Aber als der extrovertierte Aristokrat in seinem weißen Leinenanzug die bürgerliche Familie seines Kommilitonen George Sawle übers Wochenende in Two Acres in Stanmore, Middlesex, besucht, betört er sie alle - von der der sechzehnjährigen Schwester Daphne über die Mutter und deren deutscher Bekannten bis zu dem ihm zugeteilten Laufburschen, der andächtig seine Koffer öffnet und "den berauschenden Duft des wahren Gentlemans" herauslässt.

Besonders George - eigentlich scheu und einzelgängerisch – blüht regelrecht auf. Es ist das erste Mal, dass der 18-jährige Cambridge Student einen Freund mit nach Hause bringt.  Die besondere Nähe zwischen den jungen Männern steht für die Lesenden von Anfang an außer Frage, und damit auch, wem Cecils leidenschaftliches Interesse gilt. Denn er hat George nicht nur in intellektueller Hinsicht unter seine Fittiche genommen; er ist ebenso für dessen sexuelles Erwachen verantwortlich. 

Auch Daphne verdankt Cecil ihren ersten Kuss und träumt sich hinein in ein gemeinsames Leben. Es ist ihr Poesiealbum, das zum Aufbewahrungsort seiner wichtigsten Hinterlassenschaft wird: Dort hinein schreibt er zum Abschied das Gedicht "Two Acres", das hintergründige Anspielungen auf erotische Eskapaden in der Nähe des Anwesens enthält. Diese "atemberaubende Vermischung von Wörtern, Bildern und Tatsachen"  ist Zeugnis seiner Affäre mit George, einer "Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt" (Lord Alfred Douglas). Daphne fasst dies jedoch anders auf...

Als Cecil Valance 1916 im Ersten Weltkrieg in Frankreich fällt, gilt dieses Gedicht plötzlich als Meisterwerk und das Mädchen als vermeintliche  Verlobte des gefeierten Nationaldichters. Sein früher Tod lässt ihn zum Helden einer ganzen Generation werden. Eine Heerschar von Bewunderern feiert ihn als Künder einer neuen Zeit, und diverse Biographen widmen sich im Lauf der Jahrzehnte seiner rätselhaften Hinterlassenschaft. 

Sprachlich elegant, poetisch und mit beeindruckender Bild- und Wortgewalt erweckt der britische Booker Prize-Träger Alan Hollinghurst das Leben in England vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Jetztzeit zum Leben. Aus wechselnden Perspektiven erzählt, entsteht ein komplexes, dreidimensionales Portrait einer Gesellschaft im Wandel. Dabei webt Hollinghurst mit leichter Hand verschiedenste Themen und Aspekte facettenreich ineinander: Detailreiche Charakter- und Milieustudien bieten Einblicke in die englische Klassengesellschaft, die akademische Welt und  literarische Kreise. Gleichzeitig stehen aber auch die Männerliebe und der sich verändernde Umgang mit gelebter Homosexualität im Fokus, wenngleich auch im Verhältnis zu Hollinghursts anderen Romanen überraschend behutsam. 

Freude machen dabei feinster britischer Humor und Ironie, aber ebenso die Fähigkeit des Autors, zwischen den Zeilen genau den richtigen Spielraum zu lassen und Antworten ganz bewusst schuldig zu bleiben. Den plastisch gestalteten Charakteren nimmt man ein eigenes Dasein jenseits der Schlaglichter, die in unterschiedlichen Lebensphasen auf sie gerichtet werden, ab. Dabei sind die zeitlichen Sprünge weit: Der zweite Teil setzt 10 Jahre nach Cecils Tod ein. Im dritten feiert Daphne bereits ihren 70. Geburtstag. Teil vier ist in den Jahren 1979/80, der fünfte und letzte Teil 2008 angesiedelt.

Die sich mit den Jahren verändernden Kommunikations- und Umgangsformen, die Sprache, aber auch gesellschaftliche Lebens- und Wohnkultur spiegeln den jeweiligen Zeitgeist, erzählen von Niedergang und Verfall, aber auch von steigender gesellschaftlicher Akzeptanz homosexuellen Lebens und Liebens. Alan Hollinghurst verweigert die Auflösung mancher Rätsel ganz bewusst. So bleiben die vermutlich intimsten Gedichte des jungen Poeten bis zuletzt unauffindbar. Als sei die Zeit dafür noch immer nicht reif.  Die Personen in "Des Fremden Kind" scheinen ein Eigenleben zu besitzen, sich dem vollständigen Zugriff des Autors regelrecht zu entziehen, ja fast zu widersetzen.

Cecil Valance ist Dreh- und Angelpunkt dieses nahezu ein Jahrhundert umspannenden Werks.  Präsent durch alle Teile hindurch ist jedoch Daphne. In diesem Ringen um Wahrheit und Auslegung, Erinnern und Vergessen wird sie zur ersten weiblichen Hauptfigur Hollinghursts überhaupt.

Wahrheit – so die Quintessenz - ist stets der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung, aber auch den Sichtweisen der jeweiligen Zeit unterworfen. Kann die tatsächliche Annäherung an die schwer greifbare Person Cecil Valance überhaupt gelingen? Mit der Zeit verklärt und verliert sich die Erinnerung der letzten seiner Weggefährten.  Was unter schriftstellernden Händen als Biographie entsteht, glorifiziert, verfälscht, thematisiert oder relativiert - bleibt letztendlich bestenfalls fragmentarisch. Ein inspiriertes Bemühen. Nicht mehr und nicht weniger.

Internationale Bekanntheit erlangte Hollinghurst mit seinem Roman "Die Schwimmbad-Bibliothek" ("The Swimming Pool Library", 1988), einer  authentischen Schilderung homosexuellen Lebens in London vor dem Zeitalter von Aids. Für den in der Thatcher-Ära angesiedelten Roman "Die Schönheitslinie" ("The Line of Beauty", 2004) wurde er mit dem Man Booker Prize for Fiction ausgezeichnet.

An die Brisanz und Brillanz dieser Vorgänger reicht Alan Hollinghursts 2011 veröffentlichter Familien- und Gesellschaftsroman nicht vollends heran. Da fehlt trotz raffinierter Komposition, inhaltlichem und sprachlichem Reichtum ein gewisser "Knalleffekt". Vielleicht mag das auch daran liegen, dass der Lesende einen Wissensvorsprung gegenüber den Charakteren innehat, sodass sich die Spannung unterwegs verliert. Ein Meisterwerk der Erzählkunst ist "Des Fremden Kind" nichtsdestotrotz!

Der poetische Titel stammt aus dem Gedicht "In Memoriam A.H.H.", in dem der Poet Alfred Lord  Tennyson (1809-1892) in einem Prozess von 17 Jahren die tiefe Trauer um seinen Freund Arthur Henry Hallam verarbeitete, der 1833 im Alter von nur 22 Jahren verstarb. Es gilt als eines der einflussreichsten Gedichte des viktorianischen Zeitalters. 

Reales Vorbild für Cecil war vermutlich der englische Dichter Rupert Chawner Brooke (1887 – 1915): Der für sein jungenhaftes Aussehen bekannte Brite schloss sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Armee an. Er gelangte zu unverhofftem Ruhm, als zwei seiner fünf Sonette in der britischen Literaturzeitschrift "The Times Literary Supplement" abgedruckt wurden. Auch Brooke starb jung. Der von seiner Mutter eingesetzte Nachlassverwalter nahm gewisse biographische Korrekturen vor, um in der Öffentlichkeit vor allem das Bild eines patriotischen Dichters zu erhalten.

"Des Fremden Kind" ist ein Roman über Zeit und Wandel, Hype und Qualität und die Intention literarischer Biographien. Nicht zuletzt geht es um die Nichtfassbarkeit des Menschen als Individuum selbst. Hollinghurst macht nachdenklich und lässt uns zurück mit der Frage, was letztlich wirklich von uns bleibt.  

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